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Oberhavel Digitales Totenbuch gegen das Vergessen
Lokales Oberhavel Digitales Totenbuch gegen das Vergessen
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00:43 25.08.2014
Jonny Valentin, Überlebender des KZ Sachsenhausen, während der Pressekonferenz zur Freischaltung des Online-Totenbuches in Potsdam. Quelle: Nestor Bachmann
Potsdam/Oranienburg

Genau 21.913 Namen verzeichnet das Totenbuch des einstigen Konzentrationslagers (KZ) Sachsenhausen derzeit. Jetzt ist dieses Verzeichnis aller bislang bekannten Todesopfer des Lagers jederzeit weltweit im Internet abrufbar, wie man dies bereits von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mit ihren über vier Millionen Einträgen ermordeter Juden kennt. „Den Überlebenden Zeitzeugen ist ein solches Totenbuch ein ganz besonderes Anliegen. Das ist eine neue Quelle zur Geschichte, die weltweit genutzt werden kann, denn die Überlebenden und Nachkommen der Opfer leben in der ganzen Welt“, sagte Kulturstaatssekretär Martin Gorholt bei der Vorstellung des digitalen Totenbuchs gestern in Potsdam.

„Bis 1989 hat es, anders als zum Beispiel in Dachau, gar kein Totenbuch in Sachsenhausen gegeben. Das lag an der besonders schwierigen Quellenlage“ , erklärte Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, zu dem Projekt. „Die Registratur des Lagers ist durch die SS bereits ab Januar 1945 in einem Heizungskeller verbrannt worden“, so Morsch. Für den sogenannten Berlinski-Prozess von 1947 hatten die Sowjets allerdings einige Akten gesammelt und nach Moskau verbracht. „Kurz nach der Jahrtausendwende hat der russische Geheimdienst FSB diese Überreste in Form von DVDs der Gedenkstätte übergeben“. In einer bis heute andauernden Puzzle-Arbeit werden die Splitter an Informationen auf der ganzen Welt durch Organisationen wie etwa Häftlingsverbände zusammenzutragen.

Das Konzentrationslager Sachsenhausen

  • 1936 wurde in der Nähe von Oranienburg das Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen als Modell- und Schulungslager der SS errichtet.
  • In unmittelbarer Nähe der heutigen Gedenkstätte befand sich die „Inspektion der Konzentrationslager“, welche alle KZ im Machtbereich der Nationalsozialisten verwaltete.
  • Bis April 1945 waren dort mindestens 200.000 Menschen inhaftiert, von denen mehrere Zehntausend durch Krankheit und Entkräftung, vor allem aber große Tötungsaktionen starben.
  • Nach Kriegsende nutzte die Sowjetische Militäradministration Sachsenhausen bis 1950 als „Speziallager Nummer 7“ und inhaftierte in dieser Zeit etwa 60.000 Menschen, von denen mindestens 12.000 an Unternährung und Krankheiten starben.
  • Zwischen 1961 und 1990 war das Lager „Nationale Mahn- und Gedenkstätte“. Seit 1993 gehört es zur Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Ein Dutzend Ausstellungen beleuchten die Geschichte des Ortes. pd

Im April 2008 erschien erstmals ein Sachsenhausener Totenbuch in traditioneller Buchform. Seitdem wurden allerdings fast 1500 weitere Namen recherchiert, sodass sich die Frage stellte, wie man diese nachträgt. Außerdem müssen viele Schreibweisen von Namen, sowie die Geburtsorte- und -daten mancher Häftlinge korrigiert werden, die bei der Aufnahme ins Lager oft nur auf Zuruf notiert worden waren. Dies ist nun problemlos möglich.

Das Register ist in deutscher und englischer Sprache aufgebaut und ermöglicht die Suche nach bestimmten Namen oder Namensbestandteilen, sowie Geburtsort oder -datum und Häftlingsnummern. Immer mehr Anfragen erreichen die Gedenkstätte mittlerweile. „Das Interesse steigt! Die Enkelgeneration – auch der Täter – stellt immer häufiger Nachfragen“, sagte Morsch. Nicht veröffentlicht werden dagegen die von Nationalsozialisten verwendeten Häftlingskategorien wie „homosexuell“, „asozial“ oder „politisch“, da manche Familien von Nachkommen auch heute noch unter diesen Zuschreibungen durch Diskriminierungen leiden würden, wie Morsch andeutete.

Der 90-jährige Jonny Valentin wurde 1942 als 16-Jähriger nach Sachsenhausen geschickt. Er sag te zur Freischaltung der Internetseite des Totenbuchs: „Ich bin sehr erfreut und tief bewegt, dass ich als einer der wenigen deutschen Überlebenden der politischen Häftlinge heute dabei sein darf. Es ist zu bewundern, dass die Mitarbeiter der Gedenkstätte es geschafft haben, alle diese Namen zusammenzutragen.“

Valentin war mit seinen kommunistischen Eltern vor Beginn des Zweiten Weltkriegs nach Norwegen emigriert. Als Deutschland das Land 1940 besetzte, arbeitete der 14-jährige für die Deutschen als Dolmetscher, half aber heimlich bei der Produktion von Flugblättern, in denen die Soldaten angesichts eines längst verlorenen Krieges zum Aufgeben aufgefordert wurden. Er wurde entdeckt und wegen Hochverrats als politischer Häftling nach Sachsenhausen geschickt. Valentin überlebte vor allem „Dank der Solidarität unter den Gefangenen“. Bis heute führt der in Magdeburg Lebende als Zeitzeuge durch die Gedenkstätte. „Ich erlebe dabei, dass die Söhne und Enkel mich bitten, herauszufinden, ob ihre Väter und Großväter nicht irgendwo beerdigt worden sind und ich bedaure, dass viele Tausend einfach verscharrt oder im Krematorium verbrannt worden sind.“ So wurden laut seiner Beschreibung vor allem russische Kriegsgefangene direkt nach der Ankunft unter dem Schleier einer medizinischen Untersuchung durch Genickschuss von SS-Leuten getötet oder durch Autoabgase erstickt. Mindestens 13.000 russische Kriegsgefangene wurden laut Morsch getötet. „Wir kennen davon aber vielleicht zehn oder fünfzehn Namen.“

Die knapp 22.000 nun bekannten Namen stellen wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte der in Sachsenhausen Umgekommenen dar. „Mehrere Zehntausend, vielleicht sogar mehr“ sind nach aktuellem Forschungsstand in der Zeit von 1936, als das Lager bei Oranienburg (Oberhavel) errichtet worden ist, und seiner Befreiung am 22. April 1945, dort gestorben. Doch mit jedem neuen Namen im Buch werde eine der ureigensten Aufgaben der Gedenkstätte erfüllt: das Andenken an die Opfer und ihre Namen zu bewahren.

Totenbuch: Unter der Adresse www.stiftung-bg.de/totenbuch steht das Namensverzeichnis auf deutsch und englisch weltweit zur Verfügung.

Von Peter Degener

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