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Ein Lotse für Flüchtlinge

Hennigsdorf Ein Lotse für Flüchtlinge

Mir Wais Faqir bekommt den Hennigsdorfer Gemeinwesenpreis. Der 55-Jährige engagiert sich als Flüchtlingslotse der Pur für die Neuankömmlinge und hilft bei Gängen zu Amt, Arzt oder Anwalt. Anfang der 1990er-Jahre kam er selbst als Flüchtling nach Hennigsdorf. Die Situation sei mit der von heute nicht mehr zu vergleichen.

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Mir Wais Faqir wird mit dem Gemeinwesenpreis der Stadt Hennigsdorf ausgetzeichnet. Er hilft Flüchtlingen als Integrationslote bei der Pur.

Quelle: Foto: Paetzel

Hennigsdorf. Irgendwann wollte Tahera nur noch weg. Sie setzte sich in den Flieger und verließ ihre Heimat, ein afghanisches Dorf. Die 21-Jährige war zwangsverheiratet, die Taliban erlaubten ihr nicht einmal, alleine auf die Straßen zu gehen. Ob ihre Eltern noch leben, kann die junge Frau nicht einmal sagen. Nun, gut acht Monate später, sitzt sie im Büro von Mir Wais Faqir in der Fabrikstraße. Er ist so etwas wie die gute Seele bei der Pur, kümmert sich um Flüchtlinge, deren Sprache sonst niemand hier versteht. Faqir ist Integrationslotse, hilft den Neuankömmlingen bei Amtsgängen, Anwaltsterminen, Arztbesuchen.

Für sein Engagement bekommt Mir Wais Faqir den Gemeinwesenpreis der Stadt Hennigsdorf. Bürgermeister Andreas Schulz wird ihn auf dem Neujahrsempfang auszeichnen. Genau wie den Malermeister Kersten Frank, der ehrenamtlich kleine Malerarbeiten in Kitas, Schulen oder für Flüchtlinge leistet, und Nicole Bäcker, die Asylbewerbern im Alltag hilft. Für Faqir war es eine Überraschung, dass die städtische Jury bei der Preisvergabe an ihn gedacht hat. „Ich freue mich über diesen Preis und bin stolz.“

Faqir spricht auf Augenhöhe mit den Flüchtlingen, schließlich kam er Anfang der 1990er-Jahre selbst aus Afghanistan. Er studierte gerade im sechsten Semester Medizin in Dschalalabad im Osten des Landes, als die Mudschaheddin die Universität niederbrannten. Drei Jahre lang kämpfte Faqir gegen die Islamisten, studierte Leute wie er waren gefragt an der Front zwischen den Analphabeten. Er befehligte 35 Soldaten einer Artillerie-Einheit an der Grenze zu Pakistan. „Ich habe viele Männer sterben sehen, es war schrecklich“, erinnert sich der 55-Jährige. Über Moskau, Eisenhüttenstadt und Zehdenick kam Faqir 1994 ins Heim nach Stolpe-Süd. Er durfte nicht arbeiten, langweilte sich. „Wir haben bis in den frühen Morgen Karten gespielt.“ Auch von Rechtsradikalen wurde Faqir attackiert, die Stimmung sei viel aggressiver gewesen als heute. 2001 wurde er anerkannt, arbeitete dann in der Hennigsdorfer Pizzeria „Ti Amo“, die er später übernahm und bis 2007 leitete. „Schon damals habe ich Flüchtlingen geholfen, viele kamen mit ihren Problemen zu mir.“

Die Situation der Menschen habe sich im Vergleich zu den 1990er-Jahren verbessert. „Sie bekommen Sprachkurse, wir hatten nicht mal Wörterbücher. Und sie können per Internet Kontakt zu ihren Familien halten.“ Er selbst sah seine Familie erst 2003 wieder, als Frau und Kinder nach Hennigsdorf nachzogen. Heute leben die Faqirs in einer Vier-Raum-Wohnung, sie sind endgültig angekommen in Hennigsdorf.

Das will Tahera aus Afghanistan, die in Faqirs Büro sitzt, auch. Er bereitet sie auf die Fragen eines sogenannten „Interviews“ vor. Dabei geht es darum, ob sie in Deutschland bleiben darf. „Das wäre schön“, sagt die junge Frau.

Von Marco Paetzel

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