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Ein Syrer in der Havelpassage

Hennigsdorf Ein Syrer in der Havelpassage

Osama (20) lebt seit Ende 2015 in Hennigsdorf, er will in Deutschland Medizin studieren. Der junge Mann floh aus dem syrischen Bürgerkrieg, in der Stahlstadt kam er bei dem Ehepaar Friedrich unter. Mittlerweile hat Osama eine eigene Wohnung und kümmert sich um Senioren. Doch die Bilder aus Syrien lassen ihn nicht los.

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Osama lebt in der Havelpassage. Seinen Nachnamen will er nicht in der Zeitung lesen, weil er um das Wohl seiner Familie in Syrien fürchtet.

Quelle: Foto: Paetzel

Hennigsdorf. Es ist Anfang August 2015. Ein letztes Mal will Osama sein Elternhaus in Idlib sehen, bevor er Syrien verlässt. Das oberste Stockwerk ist zerstört, ein halbes Jahr zuvor hatten islamistische Rebellen die 165 000-Einwohner-Stadt erobert. „Ich musste weinen, als ich unser Haus so gesehen habe“, sagt der 20-Jährige. Heute lebt Osama weit weg vom Bürgerkrieg, 3400 Kilometer Luftlinie entfernt in einer 24-Quadratmeter-Wohnung in der Havelpassage. Er sitzt auf einer abgewetzten Couch, sein Kaffee dampft auf einem alten Glastisch. Neben ihm seine Wasserpfeife, die Osama mehrmals am Tag anmacht und die Sorgen wegqualmt.

Von seiner kleinen Wohnung aus plant der junge Syrer sein neues Leben, macht sich per Laptop auf die Suche nach einem Studienplatz. Demnächst will er sich bewerben. „Ich will Medizin studieren, dafür würde ich in Deutschland an jede Uni gehen“, sagt der junge Mann, der in seiner Heimat ein Abitur von 1,2 gemacht hat. Ein Semester lang studierte er schon im syrischen Homs auf der Baath-Universität, dann entschied sich Osama mit zwei Cousins für die Flucht aus dem Bürgerkriegsland, in dem Frieden und Freiheit für ihn unter dem Diktator Bashar al-Assad verloren schienen. Mit Schlauchboot, Schiff, Bus, Taxi und Gewaltmärschen gelangten die jungen Männer im Herbst 2015 über die Türkei nach Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn schließlich bis nach Deutschland. Hier hausten Osama und seine Cousins in Zelten in Eisenhüttenstadt und Doberlug-Kirchhain, in Schwedt in einer alten Schule.

Über eine Sozialarbeiterin wurde Osama schließlich an das Hennigsdorfer Ehepaar Steffen und Gabriela Friedrich vermittelt. Bei den beiden lebte er von November 2015 bis Juni 2016, wurde wie ein Sohn behandelt. „Ich habe im Haushalt geholfen, bin mit ihnen spazieren gegangen“, erinnert sich Osama, dessen Cousins in Blankenfelde-Mahlow unterkamen. Anfangs konnte sich der Syrer nur mit Händen und Füßen verständigen, doch Osama lernte schnell Deutsch, unter anderem in Kursen an der Freien Universität Berlin. Heute hat er die Niveaustufe C1 erreicht, es ist die Zweithöchste. Für Osama ist das unverzichtbar, schließlich will er ab Herbst an der Uni bestehen können.

Bis es soweit ist, jobbt der junge Syrer 30 Stunden in der Woche im Spezialpflegeheim für alte Menschen in der Fontanesiedlung, wo er die alten Menschen auch waschen und windeln muss. Von seinem Verdienst kann Osama etwa 100 Euro im Monat an seine Familie in Syrien schicken. Unter anderem leben seine Eltern und vier Geschwister noch dort. Sie seien einigermaßen in Sicherheit, sagt der junge Mann.

Doch die Erinnerungen an den Bürgerkrieg quälen ihn noch immer. Er denkt an seinen Onkel, der nach einer Demo gegen das Assad-Regime 20 Tage lang vom Geheimdienst mit Stromschlägen und Zigarettenstummeln gefoltert wurde. An seinen ehemaligen Lehrer, der einer verletzten Frau helfen wollte und dabei von einem Scharfschützen erschossen wurde. An die zwei ewig langen Tage, die Osama und seine Familie im Keller verbrachten, weil die Armee mit Panzern und Raketen vor den Toren Idlibs stand.

Irgendwann will Osama wieder in sein Syrien zurück, schon seiner Familie wegen. Doch unter Diktator Assad, den er auch für den jüngsten Giftgas-Anschlag verantwortlich macht, sei das undenkbar. Den Angriff des US-Militärs auf einen Stützpunkt der syrischen Luftwaffe nahe Homs verurteilt er aber. Die internationale Gemeinschaft, Russland inklusive, müsse zusammenstehen und mit diplomatischen Mitteln dafür sorgen, dass Assad den Weg für einen Neuanfang freimacht.

Bis dahin quält Osama das Heimweh im fernen Hennigsdorf. Um sich abzulenken, geht er regelmäßig ins Fitnessstudio, fährt viel Fahrrad und würde gerne noch ehrenamtlich als Dolmetscher arbeiten. Rassismus begegnet Osama im Alltag ab und zu, neulich rief ihm wieder ein alter Mann „Diese Kanacken!“ hinterher. Und als bei einer inoffiziellen Wahl-Umfrage in einem Hennigsdorfer Facebook-Forum die AfD meilenweit führte, brach es aus ihm heraus. „Dann sollte ich wohl meinen Koffer packen“, schrieb Osama, „und mein zweites Zuhause Hennigsdorf verlassen.“

Von Marco Paetzel

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