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Ein Tönchen mitgeredet

Die Neuholländer und ihre Orgel Ein Tönchen mitgeredet

Die Neuholländer kauften sich 2008 ihre eigene Orgel für die Kirche. Nichts Besonderes, mag man meinen. Doch wie sie das Geld dafür auftrieben, ist schon eine außergewöhnliche Geschichte. Und deshalb kann die Hälfte der Dorfbewohner mit Fug und Recht behaupten: „Da haben wir ein Tönchen mitgeredet.“

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Wunderbar klingt sie, die Orgel der Neuholländer Kirche. Und Christel Gottemeier hat einen großen Anteil daran.

Quelle: Robert Roeske

Neuholland. Was für ein Glück, dass Christel Gottemeier das kleine Dörfchen Neuholland und den Sperberhof als ihre neue Heimat auserkoren hat. Sonst würden die Kirchgänger bei jedem Gottesdienst höchstens von einem Keyboard begleitet werden. Aber alles der Reihe nach.

„Ich bin eine waschechte Berlinerin“, sagt Christel Gottemeier. Westberlinerin, um genau zu sein. In der Stadt hatte sie erst einen eigenen Laden, fuchste sich später in der Verwaltung von Häusern ein und lebte ihre Kreativität aus, wenn es um die Neugestaltung von Wohnungen ging. „Als die Mauer fiel, wollte wir ins Umland.“ 60 Adressen hatte sich Christel Gottemeier ausgesucht für ihre Suche nach einem neuen Zuhause. Ihr Mann erlebte es nicht mehr, als die 59. Adresse genau das Richtige war. 1996 baute sie das Neubauernhaus um. „Das dauerte nur ein halbes Jahr.“ Erst vermietet sie es als Ferienobjekt. 2004 zog sie selbst nach Neuholland.

Im Chor der Kirchengemeinde sang sie schon längere Zeit mit. Schließlich wurde sie gefragt, ob sie sich nicht vorstellen kann, im Gemeindekirchenrat mitzuarbeiten. Das konnte sie. Und seit dem war Christel Gottemeier noch mehr mit der Neuholländer Kirche verbunden.

Die Kirche von Neuholland ist schlicht eingerichtet, hat eine holzgeschnitzten Altar und besondere Bilder

Die Kirche von Neuholland ist schlicht eingerichtet, hat eine holzgeschnitzten Altar und besondere Bilder.

Quelle: Robert Roeske

„Na ja, wir hatten ja keine Orgel“, erzählt die 69-Jährige. Als die Kirche im Krieg ausgebombt worden sei, hätte die Orgel stark gelitten. „Die Reste davon wurden nach Mecklenburg verkauft.“ Die Gottesdienste wurden nur auf einem Keyboard begleitet. Das war schon etwas schade, fand Christel Gottemeier. Von Hartmut Grosch, dem ehemaligen Kantor von Rheinsberg, erfuhr die Neuholländerin 2008 von einer Orgel in Mieste bei Salzwedel, die seit 2003 zum Verkauf stand. „Ich habe noch am selben Abend dort angerufen.“ Die Schönefeld-Orgel aus DDR-Zeiten war ganz schlicht, ohne jegliche Schnörkeleien. „Ich habe sofort gedacht, die passt hierher.“ Nur, wovon bezahlen? Der erste Gedanke von Christel Gottemeier war, man könnte doch die Pfeifen als Spende an die Neuholländer verkaufen. „Aber wenn jemand aus Neuholland wegzieht, dann will er vielleicht die Pfeife mitnehmen“, befürchtete sie dann. Sie verfeinerte ihre Idee und schlug dem Gemeindekirchenrat vor: „Wir verkaufen die Töne der Orgel.“ Von denen gab es genau 472. „Jeder kann einen Ton kaufen, bekommt eine Urkunde und wird namentlich auf einer Tafel verewigt.“ Das war der Plan. Und er ging auf. „Die Leute sind mir die Tür eingerannt, jeder wollte einen Ton haben.“ Auch Leute, die gar nicht in der Kirchengemeinde waren oder nicht mehr in Neuholland wohnten. In kurzer Zeit war die Hälfte der Töne weg und die Orgel bezahlt. „Ich war total überrascht von der Resonanz.“

Alle Spender sind auf Tafeln verewigt

Alle Spender sind auf Tafeln verewigt.

Quelle: Robert Roeske

Im März hatte Christel Gottemeier von der Orgel gehört, im April fuhr sie nach Mieste, um zu verhandeln. Im Juni wurde die Orgel geholt. Mit einem VW-Bus, einem Lieferwagen mit Anhänger und einem Pkw zogen die Neuholländer los. „Oh je, das waren 2500 Einzelteile“, erinnert sich Christel Gottemeier. Die ganze Kirche lag voller Teile. Die Treppe war zu eng, alles musste über die Empore gehievt werden. „Ich hatte vorher beim Abbau Fotos gemacht, nach diesen Aufnahmen haben wir die Orgel hier wieder zusammengebaut. Irgendwie hat es funktioniert . „Es ist jedenfalls nichts übriggeblieben.“

In 2500 Einzelteilen kam die Orgel in Neuholland an

In 2500 Einzelteilen kam die Orgel in Neuholland an.

Quelle: Privat

Vier Tonnen wog das Instrument. Dafür war die Empore in Neuholland gar nicht ausgelegt. Es musste erst ein Statiker ran. Und schließlich baute Lothar Köhn ein extra Podest, um die Lasten zu verteilen. „Im August hat sie ihren ersten Ton von sich gegeben.“ Und im September feierte man in Neuholland die Einweihung der eigene Orgel.

Das war keine leichte Aufgabe

Das war keine leichte Aufgabe. Doch zum Schluss stand die Orgel und gab die schönsten Töne von sich.

Quelle: Privat

„Und die Orgel passt perfekt zu uns, die ist schlicht und nicht so kompliziert und klingt fantastisch“, schwärmt auch Kathrin Seifert, die ebenfalls im Kirchengemeinderat sitzt.

Die Kirchengemeinde in Mieste hatte ihre alte Orgel wieder restaurieren lassen. „Die werden sich heute noch ärgern“, sagt Christel Gottemeier. „Unsere Orgel klingt viel schöner, als die restaurierte in Mieste.“

Orgeltöne gibt es übrigens immer noch zu kaufen. Denn Christel Gottemeier und den anderen im Gemeindekirchenrat scheinen die Ideen nicht auszugehen. „Wir wollen einen Förderverein für die Kirche gründen , das ist gerade unser Thema“, sagt Christel Gottemeier. Zu tun ist immer etwas an dem Gotteshaus, alles kostet Geld. „Wir haben den Holzwurm im Gebälk“, führt Kathrin Seifert gleich ein Beispiel an. „Da müssen wir dringend etwas tun.“ Auch über Gasheizer wird nachgedacht, denn die Kirche hat keine Heizung. Statt der üblichen Kirchenbänke gibt es ohne nur Stuhlreihen. Neue Glaskugeln für die Deckenbeleuchtung sollen gekauft werden. Also Spenden werden immer gebraucht, ein Förderverein wäre ideal dafür. Deshalb ist jeder willkommen, der noch einen Orgelton haben möchte. „Ach, und vielleicht schaffen wir es doch noch mal, dass unsere Kirche einen neuen Kirchturm bekommt“, seufzt Christel Gottemeier. Denn der wurde nicht wieder mit aufgebaut. „Dann würde man auch im Sommer, wenn die Bäume Grün tragen, von weitem die Neuholländer Kirche sehen.“

Die Neuholländer Kirche wurde im Krieg schwer zerstört

Die Neuholländer Kirche wurde im Krieg schwer zerstört. Der hölzerne Kirchturm ist nie wieder aufgebaut worden.

Quelle: Robert Roeske

Von Andrea Kathert

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