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Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Gedanken zu Ostern Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Wer traut sich, von seinen eigenen Fehlern erzählen und Schwäche einzugestehen? Um diese Frage drehen sich die Gedanken der evangelischen Pfarrerin Beate Wolf aus Menz in ihrer Kolumne zu Ostern für die MAZ. Darin erklärt sie, was dieses Fest für sie so glaubwürdig macht.

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Pfarrerin Beate Wolf aus Menz.

Quelle: Privat

Oranienburg. Misstrauisch hört die Mutter ihrem Sohn zu. „Alles toll, alles prima!“ Wenn er schon so anfängt… was verschweigt er denn schon wieder? Da ist doch irgendwas!

Misstrauisch hören die Trauergäste der Pfarrerin am Grabe zu. „Der Verstorbene war ein ganz wundervoller Mensch, immer freundlich, es gab nie Streit in der Ehe!“ Aber die Tochter hat jahrelang mit ihm nicht geredet, das haben doch alle gewusst. Die haben der Pfarrerin doch was verschwiegen!

Misstrauisch lesen die Bürger die neuesten Nachrichten über den Flughafen BER. „Wir haben alles im Griff, es gibt keine Probleme!“ Wollt ihr uns schon wieder veräppeln? Das ganze Bauprojekt ist das Paradebeispiel des Versagens. Nichts gegen eine gute Nachricht, aber „keine Probleme?“ Wer das Versagen, die Probleme, die Fehler verschweigt, dem glaubt man auch das Gewinnen, das Schaffen, die Lösung nicht.

Entgegen landläufiger Meinung: Die Leute sind nicht doof! Aber wer traut sich schon von seinem eigenen Fehlern zu erzählen? Wer traut sich, Schwäche einzugestehen? Es ist gefährlich. Als Sportler zum Beispiel kann es sein, dass deine Kariere beendet ist, wenn du vom Doping in der Vergangenheit erzählst. Es kann auch sein, dass man dir gerade jetzt glaubt, dass du sauber bist. Es bleibt ein Risiko. Eine Politikerin kann sich das Risiko nicht leisten. Wie die Hyänen würden sich die politischen Konkurrenten auf sie stürzen, wenn sie einen Fehler zugäbe. Politik bleibt ein schmutziges Geschäft.

Dabei sind sie die Glaubwürdigsten: Der Sozialarbeiter, der früher selber auf der Straße lebte, kann doch ganz anders mit seinen Klienten reden. Der hat viel weniger Mitleid, dafür viel mehr Mitgefühl. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Die pummelige Ärztin kann mit der Diabetikerin viel humorvoller über gescheiterte Diäten reden. Die Patientin wird ihr vertrauen, wo sie vorher nur verschlossen war. Wer aus den eigenen Fehlern gelernt hat, ist sowieso klüger als die, die nie Fehler gemacht haben.

Deswegen bewundere ich die Bibel für die vielen Geschichten, in denen Menschen mal so richtig auf die Nase fallen und dann wieder einen Triumph feiern. Das wird ihr oft vorgeworfen. Die Bibel sei voller Widersprüche. Hm, stimmt! Genau wie das Leben und wie jeder Mensch! Ich finde es stark, dass man diese Geschichten im Laufe der Jahrhunderte nicht wegretuschiert hat.

Karfreitag und Ostern ist so ein Geschichten-Zyklus, wo es um bitteren Verrat, Feigheit und Lüge geht. Wo der gefeierte Jesus zum Verbrecher erklärt wird und wo kein Gott gerade noch rechtzeitig eingreift. Wo die Katastrophe nicht Hollywood-filmreif in letzter Sekunde durch einen strahlenden Helden verhindert wird. Das passiert nämlich im wirklichen Leben nicht. Da geschieht die Katastrophe einfach, genau wie die Bibel schreibt. Jesus ist tot!

In der Ostergeschichte wird aber erzählt, wie es im nach der Katastrophe weiterging. Und das wissen alle, die eine Katastrophe, einen „Karfreitag“ in ihrem Leben erlebt haben: es geht weiter! Es gibt einen nächsten Tag. Und dann noch einen. Und manchmal, im Rückblick, da stellst du fest, dass das Ende auch die Auferstehung von etwas ganz neuem war. Aber damals wusstest du das nicht! Das ist es nämlich, was unser Leben ausmacht: Wie geht es weiter, wenn du schuldig geworden bist? Wenn du versagt hast und dich nicht mehr unter die Leute traust? Wie geht es weiter nach der Scheidung, nach dem Verlust, nach dem Rausschmiss?

Ostern ist die Geschichte von dem, was danach kam. Von Jüngern, die erst wegrannten und dann mutig zurückkamen. Von Versagern, die sich nicht hängen ließen. Von verängstigten Frauen, die endlich den Mund aufmachten. Ostern ist die Geschichte von einem ermordeten Helden und von einer Gemeinschaft seiner Gläubigen, die gegen den Willen der Mächtigen immer mehr wuchs - in den Herzen der Machtlosen.

Ostern ist die Geschichte, die Karfreitag nicht verschweigt – und deswegen für mich so glaubwürdig ist.

Von Beate Wolf

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