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Eine Köchin umgeht ihr Handicap

Sommerfeld Eine Köchin umgeht ihr Handicap

Sie kann nicht lesen und schreiben. Aber für ihren Job als Mitarbeiterin im Küchenbereich muss sie das auch nicht – eigentlich. Claudia König (21) arbeitet in der Weinschmiede in Sommerfeld. Mit ihrem Handicap kann man dort umgehen. Aber eine richtige Ausbildung – das ist nicht möglich. Dazu müsste sie lesen und schreiben können.

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Claudia König arbeitet seit März in der Weinschmiede von Christina und Joachim Kaiser.

Quelle: Robert Tiesler

Sommerfeld. Wenn Claudia König in der Küche die Bestellung entgegennimmt, dann legt sie den ausgedruckten Bon unter die „Quatschmaschine“. Die liest ihr dann vor, was sie als nächstes zubereiten soll. Selbst durchlesen kann sich das Claudia König nicht. Die 21-jährige Oranienburgerin kann erblich bedingt weder lesen noch schreiben. Das ist ihr Handicap, mit dem sie aber ganz offen umgeht. Eigentlich ist die Quatschmaschine ein Vorlesegerät für Blinde.

Sie arbeitet seit März in der Weinschmiede in Sommerfeld. Dort steht sie in der Küche, sie kümmert sich auch um den Service, darum, dass die Tische sauber aussehen und auch um das Fremdenzimmer.

Claudia König legt den Bestellungsbon unter ihre „Quatschmaschine“, eigentlich einem Vorlesegerät für Blinde

Claudia König legt den Bestellungsbon unter ihre „Quatschmaschine“, eigentlich einem Vorlesegerät für Blinde.

Quelle: Robert Tiesler

Nur eine richtige Ausbildung – die kann sie nicht machen. Dafür müsste sie lesen und schreiben können. Die theoretische Prüfung könnte sie nur schriftlich ablegen. Ausbildungskurse, die das umgehen gibt es nicht. Dabei weiß sie alles: Claudia König hat ein fotografisches Gedächtnis, sie kann sich sehr viel merken. Das nützt ihr in dem Fall nichts: „Gehbehinderte haben Fahrstühle, Blinde ein Ampelgeräusch, für mich gibt es da nichts, das ist eine Marktlücke“, sagt sie.

Christina und Joachim Kaiser, die Betreiber der Weinschmiede, hatten im Frühjahr die Anfrage von der Arbeitsagentur bekommen, ob sie sich vorstellen können, eine junge Frau mit Handicap einzustellen. Sie konnten. „Klar, einen Koch ohne Handicap einzustellen, wäre einfacher“, sagt der Sommerfelder. Stattdessen gingen sie das Wagnis ein.

„Ich bringe ihr alles bei“, erzählt Joachim Kaiser, „und das läuft richtig gut, auch wenn es mal Tränen gegeben hat, weil es sehr anstrengend ist.“ Für beide Seiten. Auch Kaisers müssen dazulernen. Zum Beispiel dass es nicht ausreicht, zu sagen: „Hol die Packung Zucker.“ Sie müssen die Packung beschreiben, wenn Claudia König sie holen soll. „Das mussten wir wirklich lernen.“

Ans Hinschmeißen hat die 21-Jährige nie gedacht. „Ich glaube, ich habe nicht noch mal so eine Chance, hier wurde sie mir gegeben, hier werde ich wie ein Mensch behandelt.“ Das ist nicht immer so. Schon in der Schule ist sie oft gehänselt worden. Weil sie nicht lesen und schreiben kann, konnte sie auf der Sonderschule auch keinen Abschluss machen. Weiterbildungsmaßnahmen scheiterten auch – weil dort ohne Schreiben nichts läuft. Keiner kann das verstehen. Claudia König nicht, die Familie Kaiser nicht – und auch nicht die Vertreter der Arbeitsagentur.

„Aber ich glaube, da tut sich was, das Thema dringt langsam ins Bewusstsein“, sagt Christoph Fischedick von der Neuruppiner Agentur für Arbeit. Einen konkreten Ausweg für die Misere der jungen Frau sieht er momentan aber auch noch nicht. Ihm geht es zunächst darum, zu zeigen, „dass jemand mit einem Handicap trotzdem voll mitarbeiten kann“, sagt er. Immerhin findet in diesen Tagen die „Woche der Menschen mit Behinderung“ statt. Es geht darum, mehr Inklusion im Arbeitsleben zu erreichen.

Die Arbeitsagentur bietet für solche Arbeitsverhältnisse spezielle Finanzförderungen an. Dazu gibt es gezielte Beratungen für Arbeitgeber – auch um Vorbehalte abzubauen. Letztere haben Kaisers nicht. Für alle Beteiligten war es aber ein langer Weg – und sie wissen: Er ist noch nicht zu Ende. Sie werden ihn gemeinsam gehen.

Von Robert Tiesler

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