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Eine Krakauerin in Kremmen

Spargelfrau Ivona Suchon Eine Krakauerin in Kremmen

Ivona Suchon aus Krakau arbeitet seit vier Jahren auf dem Spargelhof in Kremmen – und das mit großer Leidenschaft. Sie ist dem weißen Gold beruflich und privat verfallen. Die 45 Jahre alte Polin ist der verlängerte Arm des Chefs, kümmert sich um den Einsatz der 72 Saisonkräfte. Die familiäre Atmosphäre auf dem Hof schätzt sie sehr.

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Ivona Suchon

Quelle: Fritz Hermann Köser

Kremmen. Die Kurzen und Dicken haben es nicht immer leicht, auch unter den Pflanzen. Manche Spargelstange etwa, die der Liebe Gott so erschaffen hat, erntet schallendes Gelächter. Von Frauen an der Sortiermaschine, die das Gemüse an ein gewisses männliches Köperteil erinnert, erzählt Ivona Suchon. Seit vier Jahren ist die 45-Jährige auf dem Spargelhof Kremmen tätig, als Vorarbeiterin und „verlängerter Arm“ von Geschäftsführer Malte Voigts. Dem „weißen Gold“ ist die Krakauerin weitaus länger verfallen, diese Spargelsaison ist bereits ihre 22.

Wie sie stammen viele der meist weiblichen Arbeitskräfte aus dem Südosten Polens, „es sind oft Bekannte von Bekannten“. Die meisten bleiben dem Hof treu, die Fluktuation betrage etwa 20 Prozent. Oft sind es werdende Mütter, von denen nicht wenige ihren Ehepartner auf dem Feld kennengelernt haben. „Ich habe so einige verkuppelt“, sagt sie mit einem breiten Lächeln. Sie hat Pause, sitzt in der Hof-Gaststätte, bestellt bei einer Service-Kraft einen O-Saft. Auf Polnisch.

Inzwischen ist das Organisationstalent für die Hallen zuständig, wo 72 Saisonkräfte tätig sind. Jede einzelne hat Ivona Suchon eingearbeitet. Sie entscheidet, wer genommen wird, und wo eingesetzt wird. Ihre gute Menschenkenntnis helfe dabei: „Ich habe ein Gespür, wer wofür geeignet ist“.

Fotos für Facebook

1970 wurde Ivona Suchon in Busko-Zdroj nahe Krakau geboren. Sie fotografiert gerne, auch den Spargelhof. Für Flyer oder die Facebook-Seite.

Mit dem Rad erkundet sie gerne die Umgebung von Kremmen, besonders die Wälder. Sie hört gerne klassische Musik, etwa Chopin, aber auch Radiohead oder Lenny Kravitz.

Als Hundetrainerin war sie vor einigen Jahren gelegentlich in Polen tätig. Nun fehlt ihr dafür die Zeit.

In Griechenland arbeitete sie ein Jahr, bevor es nach Deutschland ging. In einer Kneipe in der Umgebung nahe Thessaloniki mixte sie zeitweilig Cocktails. Vom Fenster aus konnte sie auf den Olymp blicken.

Ob Sortiermaschine oder Kühlhaus, es gibt reichlich zu tun. Nachdem der frisch geerntete Spargel zum Hof gebracht wurde, werden die Kisten gewogen und gescannt. Der Strichcode nennt das Feld und die Person, die das Gemüse gestochen hat. Dann werden die Behälter mit Wasser aufgefüllt und auf eine Palette gestellt. Weitere Mitarbeiterinnen sorgen dafür, dass die Spargelstangen in Reih und Glied nebeneinander liegen. Erst dann wird das Gemüse maschinell sortiert, also nach Durchmesser getrennt, und zugleich gewaschen.

Die Frauen überwachen dies und greifen ein, falls notwendig. „Das Auge sieht besser als die Kamera“, erklärt Ivona Suchon.

Anschließend packen sie die verschiedenen Sorten in Behälter mit unterschiedlichen Farben, auf die sie die jeweiligen Etiketten kleben. Dann geht es ins Kühlhaus. Nach einer maschinellen „Eiswasserdusche“ werden die Kisten je nach Sorte und Handelsklasse auf die entsprechenden Paletten gestellt. Schwere Arbeit, nur für Männer geeignet, sagt sie.

Auf den Feldern ackern auch Frauen. Ivona kennt den kräftezehrenden Job nur zu gut. 1994 war sie nach Deutschland gekommen, um Spargel zu stechen. Ein polnischer Freund hatte Kontakte zu einem Hof in Parchim bei Magdeburg.

Es war Sommer, es war heiß, aber sie war gut vorbereitet. Kleidung aus Leinen sowie ein großer Strohhut schützten vor der Hitze. Ab sieben Uhr in der Frühe stand sie auf dem Feld, die Arbeiter ernteten in zwei Schichten, vormittags und nachmittags. „Das geht ganz schön auf den Rücken“, bemerkt sie. Zum Glück dauerte die Pause mehrere Stunden.

Nach nur drei Tagen war Schluss. Der Geschäftsführer trug ihr andere Aufgaben an, irgendwie war sie ihm aufgefallen, vielleicht lag es an der gewaltigen Kopfbedeckung, vielleicht an ihrem Umgang mit den Mitarbeitern.

Bald schulte sie Arbeitskräfte. Sie organisierte die Verpackung und die Logistik mit vielen LKWs, für Abnehmer wie Edeka und Kaufland. Nach vier Jahren wechselte sie zu Buschmann und Winkelmann in Klaistow. Von da aus ging es nach Kremmen. Sie erlebte, wie Betrieb und Geschäft wuchsen. Aus einer Halle wurden drei, und die Zahl der rund 20 Verkaufsstände haben sich inzwischen versechsfacht. Nur am Betriebsklima habe sich nichts geändert, das sei nach wie vor angenehm familiär. Auch außerhalb der Ernte bleibt genug zu tun, dann sitzt sie meist in ihrem kleinen Büro, um die nächste Saison vorzubereiten. Sie wohnt in einem Einzelzimmer, in der Flatower Unterkunft für die polnischen Saisonkräfte. Über das Internet hält sie den Kontakt zu ihrem Mann Jerzy, einem Rockmusiker und Lektor, und ihrem elfjährigen Sohn Tymon. Jeden Winter zieht es sie nach Krakau, zu ihrer Familie.

Dort wuchs sie auf, dort ging sie zur Schule. Gleich zu Beginn, da war sie sechs, bekam sie eine ganz besondere Lehrerin - die eigene Mutter. „Die hat sofort gemerkt, wenn ich etwas angestellt hatte“, erinnert sie sich. Ivonas Noten waren durchweg gut, besonders in Geografie und Polnisch. Der Schulsport störte nicht weiter, dank der vielen Ballspiele und dem Laufen. Ob Sprint oder Langstrecke, meist war sie die Schnellste. War sie mal Zweite, streikte sie, trat nicht einfach mehr an.

Nur im „Betragen“ haperte es. Sie kam oft zu spät und galt als frech. So korrigierte sie die Pauker, wenn sie sich ihrer Meinung nach ungerecht verhielten. „Ich hatte keine Angst vor den Lehrern“, sagt sie. Ihr Kind erzieht sie ebenso. Kein Problem, nicht das Ende der Welt, hat sie schon den kleinen Sohn getröstet, als der wegen einer schlechten Note den ganzen Tag weinte.

Ivona, ausgeglichen und selbstbewusst, war schon in der Schule eine Art Anführerin. Sie organisierte Radtouren. Und trommelte, entsprechend einer polnischen Schüler-Tradition, am ersten Tag des Frühlings die Klasse zusammen, um mit ihr einen Ausflug zu unternehmen. In den Wald, nachts.

Morgens hieß es früh aufstehen, extrem früh, der Mangel zwang die Familie dazu. Auch Ivona stand lange vor Schulbeginn Schlange, um ein wenig Butter zu ergattern. Schokolade war für uns Kinder das Paradies, ebenso wie Orangen und Bananen, erinnert sie sich. Die Kleidung wurde selbst genäht. Nach der Schule kümmerte sie sich um die neun Jahre jüngere Schwester.

Später unterrichtete die begeisterte Ski- und Radfahrerin an einer Krakauer Grundschule, entsprechend der Familientradition, fast alle weiblichen Angehörigen waren Lehrerinnen. So sehr sie Kinder auch mag, permanent an der Tafel stehen und zu erklären war ihr zu eintönig. Bald wechselte sie ins Immobiliengeschäft. Schnell merkte die Maklerin, wie schwer es war, für die Kunden das passende Zuhause zu finden.

So fing sie in Deutschland ganz von vorne an. Obwohl sich ihre gesamte Arbeit um den Spargel dreht, sie kann auch privat nicht genug davon bekommen. Ob weiß oder grün, „das beste Gemüse der Welt“, lobt sie. Lecker, gesund, leicht, das Aroma einmalig. In der Saison kocht sie ihn fast jeden Tag, pur oder modifiziert. Sie nennt ein paar Gerichte. Tagliatelle mit Spargel, Creme Fraîche, Parmesan und Lachsschinken. Oder Spargelsuppe, mit Brotstückchen, die mit Thymian und Knoblauch in Butter gebraten wurden. Dazu einen Smoothie. Aus Spinat, Zitrone, Orange, Mango. Und natürlich grünem Spargel.

Von Fritz Hermann Köser

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