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Eine wilde Herde

Liebenthal Eine wilde Herde

20 Jahre ist es nun her, dass die Gemeinde Liebenthal Besitzer einer Pferdeherde wurde und die Tiere vor der Fahrt in den Schlachthof bewahrte. Inzwischen gehören die 100 Pferde der Stadt Liebenwalde und ein gemeinnütziger Verein kümmert sich um die Unterhaltung der Herde. Doch einen solchen Betrieb ehrenamtlich zu betreiben, kostet unheimlich viel Kraft.

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Die Liebenthaler Pferdeherde zählt 100 Tiere die auf etwa 100 Hektar Land leben. Claudia Grünefeldt betreut die Pferde als Herdenkoordinatorin.

Quelle: Fotos: Robert Roeske

Liebenthal. Was die Liebenthaler Pferdeherde so besonders macht, kann man nicht in einem Satz beschreiben. Es fängt schon an mit der Geschichte, wie diese einzigartige Herde ihren Weg nach Liebenthal nahm. Der Verhaltensforscher Jürgen Zutz hatte 1960 begonnen, im Bayerischen Wald das Fjordpferd zurück zu züchten. Mit seiner Familie siedelte er 1990 ins havelländische Friesack um. Doch Zutz konnte sein Projekt nicht vollenden, starb unverhofft im Jahr 1996. Seine Familie konnte die Herde nicht halten. Und so begann eine Rettungsaktion, um die Tiere vor dem Schlachthaus zu bewahren. Die damalige Gemeinde Liebenthal nahm die Herde auf, es waren 87 Pferde, die vor genau 20 Jahren eine neue Heimat auf dem Gelände des Haustierparks von Familie Broja fanden. Der Tierpark war ein ebenso kühnes Projekt.

Wahrscheinlich einmalig in Deutschland ist, dass eine Gemeinde und später die Stadt Liebenwalde Besitzer der Tiere wurden. Und, dass sich später ein Verein gründete, der die Herde überhaupt am Fortbestehen hielt.

Die Liebenthaler Pferde sind ausgesprochen sozialisiert

Die Liebenthaler Pferde sind ausgesprochen sozialisiert.

Quelle: Robert Roeske

Das Besondere sind aber in erster Linie die Tiere selbst. Sie leben das ganze Jahr im Freien, inzwischen auf etwa 100 Hektar Land. Sie sind die sozialisiertesten Pferde, die man sich vorstellen kann. „Unsere Pferde leben bis zum Schluss in einer Familie“, sagt Claudia Grünefeldt, die mit der Betreuung der Tiere beauftragt ist. Sie werden von ihren Eltern, Onkeln und Tanten erzogen. In der Herde gibt es mehrere Familien, in der ein Leithengst das Sagen hat. Jeweils mehrere Stuten gehören dazu. Bevor die Tiere ihre Familien verlassen, haben sie nie schlechte Erfahrungen gemacht. Sie sind ausgesprochen sozial und charakterfest. Genau diese Eigenschaften wissen auch Pferdeliebhaber zu schätzen. Aus der Herde werden jedes Jahr Tiere zum Verkauf angeboten. Das Besondere: „Die Käufer gehen in die Herde rein und lassen sich von den Tieren finden“, erzählt Claudia Grünefeldt. Die Pferde gehen zielsicher auf die Menschen zu. Jedes Jahr kommen in Liebenthal etwa 20 bis 25 Fohlen auf die Welt. Die Herausforderung besteht darin, die Merkmale dieser Wildlinge zu erhalten. Auch in der Verkaufsherde sind Pferde unterschiedlicher Altersklassen, von ein bis vier Jahren zum Beispiel, zu finden. Die Liebenthaler erfreuen sich wachsender Beliebtheit als Wander- und Freizeitpferde, vor der Kutsche und im reittherapeutischen Bereich. Die Käufer sind Leute, die beispielsweise Sportpferde besitzen und ein Zweitpferd suchen. Oder ein vollsozialisiertes Kleinpferd für ihre Kinder. Interessenten schätzen, dass sie auf diesem unverbrauchten Pferd aufbauen können. Aus dem gesamten Bundesgebiet kommen die Käufer, meist mit Empfehlungen.

Etwa 25 Fohlen kommen jedes Jahr in der Herde zur Welt

Etwa 25 Fohlen kommen jedes Jahr in der Herde zur Welt.

Quelle: Robert Roeske

Zu den Besonderheiten zählt auch, dass die Tiere sich selbst überlassen sind. Nur in harten Wintern wird ein wenig Heu dazu gefüttert oder im Sommer getränkt, weil die Herde natürlich auf den 100 Hektar bleiben muss. Neben Claudia Grünefeldt kümmern sich inzwischen zwei Mitarbeiter je fünf Stunden um die Herde. Die Männer haben viel zu tun, müssen schauen, ob es den Tieren gut geht, ob keine Schwerstgeburt auftritt, ob die Zäune dicht sind oder Vandalen etwas angestellt haben.

Sie kümmern sich ehrenamtlich und sehr engagiert um die Herde (v l)

Sie kümmern sich ehrenamtlich und sehr engagiert um die Herde (v. l.): Detlef Schulze, Claudia Grünefeldt, Jörn Lehmann, Heidi Büttner und Thomas Penzel.

Quelle: Andrea Kathert

Und gäbe es als Besonderheit nicht den Verein „Liebenthaler Pferdeherede“, der komplett ehrenamtlich schuftet, und gäbe es nicht die Stadt Liebenwalde und ihren Bürgermeister Jörn Lehmann, der sich genauso dieser Herde verschrieben hat, dann wären die Tiere schon lange nicht mehr da. Denn die Unterhaltung der Herde ist inzwischen durch viele Bestimmungen und Verordnungen zu einer knallharten Aufgabe geworden, die ein Ehrenamt weit überschreitet. „Deshalb müssen wir uns über neue Strukturen Gedanken machen“, sagt Jörn Lehmann.

Eigentlich könnte man über die Liebenthaler Pferdeherde ein ganzes Buch schreiben. Auf die Idee ist Jörn Lehmann auch gekommen und hat in einer sehr unterhaltsamen Lektüre viele Akteure zu Wort kommen lassen. Illustriert ist das Buch mit wunderschönen Fotos von Sylke Stehle. Ein Blick auf die Homepage des Vereins lohnt sich schon deshalb.

Der gemeinnützige Verein

Im Jahr 2000 gründete sich der Verein „Liebentaler Pferdeherde“. Er zählt zurzeit zehn Mitglieder, darunter die Stadt Liebenwalde.

Der Verein übernimmt die Unterhaltung der Herde. Der Vorstand mit seiner Vorsitzenden Heidi Büttner , Detlef Schulz und Thomas Penzel führt praktisch ehrenamtlich einen landwirtschaftlichen Betrieb, der strengen Auflagen und unterliegt.

Da die Aufgaben stetig wachsen und ehrenamtlich kaum noch zu stemmen sind, soll über neue Strukturen zum Erhalt der Herde nachgedacht und diese im nächsten Jahr praktiziert werden.

Weiter Informationen sowie die Termine für die Führungen im nächsten Jahr sind auf der Homepage des Vereins zu finden.

 

Von Andrea Kathert

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