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Einer, der Träume in die Tat umsetzt

Interview mit Gerhard Horn, der in Oberhavel bekannt ist wie ein bunter Hund Einer, der Träume in die Tat umsetzt

Ehemalige Beschäftigte des Kaltwalzwerkes Oranienburg haben ihn als engagierten Betriebsrat in Erinnerung. In der SPD hatte er den linken Gesprächskreis ins Leben gerufen. Als Unruheständler arbeitet er bei der Volkssolidarität mit und trommelt auf großen Bällen.

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Gerhard Horn ist begeisterter Trommler und Trainer für Drums Alive.

Quelle: Foto: Enrico Kugler

Glienicke. Er sitzt im Außenbereich eines Cafés, genießt das schöne Wetter und liest im Lyrikband „Eines Tages, Baby“ der jungen Autorin Julia Engelmann. Gerhard Horn ist begeistert von den Texten. Darin geht es darum, Träume endlich in die Tat umzusetzen. Dieses Thema trifft genau seinen Nerv.

MAZ: Gibt es etwas, dass Sie immer schon mal machen wollten?

Gerhard Horn: Ich lese sehr gerne. Wenn ich ein Buch ausgelesen habe, bedaure ich es immer, mich nicht mit einem größeren Personenkreis darüber austauschen zu können. Deshalb wollen wir in der Volkssolidarität jetzt einen Lesezirkel gründen, wo wir genau das tun werden _ uns über gelesene Bücher auszutauschen. Darauf freue ich mich schon.

Wie sind Sie eigentlich zur Volkssolidarität gekommen?

Horn: Mit 61 habe ich als Geschäftsführer der Novareg aufgehört. Ich wollte einen Schnitt und was Neues anfangen. Trotzdem war ich ein bisschen durch den Wind. Statt genießen zu können, zum Beispiel Zeit zum Lesen zu haben, fühlte ich eine Unrast. In dieser Phase sprachen mit Gisela Damm und Ina Nehls an und fragten, ob ich nicht Lust hätte, mich in die Volkssolidarität einzubringen.

Sagten Sie gleich zu?

Horn: Eigentlich ja. Denn das Miteinander und Füreinander, das soziale Grundmotiv der Volkssolidarität ist auch mein Lebensmotto. Ich konnte Ideen einbringen und Projekte entwickeln.

Zum Beispiel?

Horn: Wir haben das Projekt „Brot zum Teilen“ mit Bäcker Plentz entwickelt. Anlässlich des 70. Jahrestages der Volkssolidarität in diesem Jahr gibt es in den Backläden von Plentz die Jubiläumsschnitte mit dem Symbol der Volkssolidarität drauf. Ein Teil des Erlöses aus dem Verkauf dieses Kuchens kommt Kindern aus sozial schwachen Familien zugute. Wir wollen ihnen Ferienlager ermöglichen. Außerdem möchten wir Asylbewerbern Sozialbegleiter an die Seite geben, die ihnen zum Beispiel dabei helfen, Wohnraum zu beantragen. Und wir haben die Kapazität, Asylbewerbern beim Erlernen der deutschen Sprache zu helfen. Wir möchten pensionierte Lehrer dafür gewinnen.

Lebensweg

Gerhard Horn wurde am 24.07.1946 in Berlin-Hermsdorf geboren. Er wuchs in Hohen Neuendorf auf.

Nach dem Abitur am Runge-Gymnasium in Oranienburg lernte Gerhard Horn Mess- und Regeltechniker im Stahlwerk in Hennigsdorf und studierte an der dem Stahlwerk angeschlossenen Fachhochschule Automatisierungstechnik.

Im Kaltwalzwerk Oranienburg, das 1990 von Krupp übernommen wurde, war Gerhard Horn ab 1972 als Abteilungsleiter Produktion und als Gruppenleiter Forschung tätig. 1989 wurde er zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt. Im Jahre 1993 schloss Krupp das Kaltwalzwerk in Oranienburg.

Die Krupp-Beschäftigten wurden in einer Gesellschaft aufgefangen, 1994 entstand aus dieser Gesellschaft die Oranienburger Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft, OBQG, die später in die Novareg überging. Horn war bis zu seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben Geschäftsführer der Novareg, einer Tochter der Hennigsdorfer ABS.

Sie wollen auch ältere Menschen mehr für Sport und Bewegung begeistern. Welche Rolle spielt der Sport in Ihrem Leben?

Horn: Ich habe schon immer Sport getrieben und war aktiver Fußballer. Meine Frau Roswitha überredete mich, in ihrer Gesundheitssportgruppe in Glienicke mitzumachen. Dann erkrankte der Trainer. Wir übernahmen die Leitung der Sportgruppe. Wir machten die Trainerausbildung und lernten bei einer Weiterbildung Drums Alive kennen. Von da an setzten wir zum Aufwärmen stets Drums Alive ein. Die Leute in der Sportgruppe fanden das super.

Was ist Drums Alive?

Horn: Das ist ein Fitnessprogramm, bei dem im Rhythmus der Musik auf Bällen getrommelt wird. Die Sportler werden dabei auf verschiedene Art und Weise gefordert. Sie müssen sich die Choreographie der Bewegung merken und sich entsprechend bewegen. Dabei entsteht eine unglaubliche Lebensfreude, die an die Zuschauer weitergegeben wird. Mittlerweile gibt es acht Drums-Alive-Gruppen in Oberhavel, wir waren bei einigen Geburtshelfer und arbeiten mit allen relativ eng zusammen.

Gab es dafür nicht erst kürzlich eine Auszeichnung?

Horn: Ja. wir haben die höchste Auszeichnung im Breitensport des Landes Brandenburg, den Silbernen Stern, erhalten.

Für die Volkssolidarität sind Sie oft in Oranienburg. Gehen Sie eigentlich dort einkaufen, wo einmal das Kaltwalzwerk Oranienburg stand? Als Betriebsratschef hatten Sie schließlich für den Erhalt des Werkes gekämpft.

Horn: Nein, da gehe ich nicht einkaufen. Die Erinnerungen sind zu schmerzhaft. Von 1989 bis 1993 haben wir alles versucht, das Werk zu erhalten. Doch Krupp machte es dicht. Ich kann es bis heute nicht fassen, dass das modernste Werk Europas geschlossen wurde, während das alte Pharmawerk wieder aufgepäppelt worden ist.

Politisch waren sie immer ein Linker und hatten den linken Gesprächskreis der SPD ins Leben gerufen. Warum traten sie eigentlich aus der SPD aus?

Horn: Ich trat im Zusammenhang mit der Einführung der Hartz-4-Gesetze aus der SPD aus, kritische Haltungen wichen einer Basta-Politik ala Schröder. Wir im linken Gesprächskreis hatten tolle und vor allem unterschiedliche Gesprächspartner wie zum Beispiel Andrea Nahles und Sarah Wagenknecht, doch die eigenen SPD-Leute ignorierten den Gesprächskreis. Ich bin froh, nicht mehr in der SPD zu sein, weil sie sich dem Mainstream angepasst hat. Dabei ist es traurig, denn eigentlich bräuchte unsere Gesellschaft die Sozialdemokratie. Mit der SPD ist die Kluft zwischen Arm und Reich noch größer geworden.

Wo stehen Sie denn jetzt politisch?

Horn: Ich gehöre keiner Partei an, obwohl mir die Linken deutlich näher stehen.

Wie sind Sie politisch noch aktiv?

Hoern: Über meine Ehrenämter, in der Volkssolidarität, im Sportverein werbe für meine Position, etwas für sozial Schwächere zu tun. Ich sammle Kleidung, Papier und Hausrat und bringe es ins Arbeitslosenzentrum Oranienburg. Es ist beschämend, dass immer mehr Menschen solche Hilfen in Anspruch nehmen müssen.

Sie sind gerade 69 geworden, was würden Sie rückblickend in Ihrem Leben anders machen?

Horn: 1990 war meine Tochter 15 Jahre alt. Während der dramatischen Phase um die Erhaltung des Kaltwalzwerkes war ich zu wenig für meine Tochter präsent gewesen. Sie litt darunter. Das tut mir heute sehr leid.

Haben Sie manchmal Langeweile?

Horn: Absolut nicht. Freunde meinen, ich mache wieder zu viel. Ich würde gerne mehr Zeit für meine beiden Enkel, 5 und 13 Jahre alt, haben. Ich freue mich, dass mein 98 Jahre alter Vater bei uns im Haus lebt. Wir diskutieren viel, mein Vater ist auch ein Linker, war aus der SED ausgeschlossen worden, als mein Bruder in den Knast gesteckt worden war. Er ist für mich ein Beispiel, dass alt werden nichts Schlimmes ist.

Von Marion Bergsdorf

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