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Elf Thesen, die es in sich haben

Flüchtlingskrise Elf Thesen, die es in sich haben

Eine kleine Runde, eine intensive Debatte, nachdenkliche Gesichter. So lässt sich die Veranstaltung „11 Thesen“ umreißen, zu welcher der Verein Nordbahngemeinden mit Courage und der Kulturkreis Hohen Neuendorf am Tag des Grundgesetzes eingeladen hatten.

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Christian Reich (M.) trägt seine Thesen vor.

Quelle: Gemeindeverwaltung Birkenwerder

Birkenwerder. Kein Thema polarisiere in der Gesellschaft wie das Flüchtlingsthema. Und kein Thema habe so große Diskussionen ausgelöst, stellte Angelika Stobinski vom Kulturkreis am Montag im Rathaus Birkenwerder fest. Jedenfalls keines seit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung. Sie begrüßte am Abend zu einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem Verein Nordbahngemeinden mit Courage (NmC), die genau diesem Bedürfnis Rechnung trug. Mit Christian Reich, seit 2011 Schulpfarrer am Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum in Oranienburg und Zehdenick, wurde sehr lebhaft über elf Thesen diskutiert. Elf Thesen zum Thema „Flucht und Asyl“.

Eine hausgemachte Krise

Die Flüchtlingskrise sei in erster Linie für die Geflüchteten eine Krise, lautet die erste These. Für Europa und Deutschland komme es jetzt nur zur Krise, weil in Politik und Gesellschaft jahrzehntelang die Augen vor der Realität verschlossen hätten. Und drittens seien Kriege und Flucht vor allem eine Folge westlicher Außen- und Wirtschaftspolitik seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Diskussion, ob die Menschen Einlass finden sollten, gehe am Problem vorbei – sie seien bereits hier. Die Grundfragen müssten laut viertens also auf die Möglichkeiten der Integration und das Minimieren der Fluchtursachen gerichtet sein.

Provokant die fünfte These: Integration könnte in Deutschland scheitern, weil die Mehrheit der Bevölkerung nicht zu mündigen Bürgern eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates erzogen wurde. Vielmehr wurden sie zu politisch wie religiös unmündigen Konsumenten sowie sozial inkompetenten Egoisten sozialisiert. Das Land müsse sich ernsthaft und konsequent auf die Werte von Humanismus und Aufklärung besinnen. Andernfalls werde Deutschland „im Sumpf seines geistlosen Materialismus und Konsumismus sowie der Ungebildetheit (einschließlich Geschichtsvergessenheit) der Mehrheit seiner Bürgerinnen und Bürger versinken, indem (ein weiteres Mal) der Pöbel die Macht übernimmt“.

Betroffenheit, Ohnmacht, harter Tobak

Christian Reich hat die Thesen unter anderem als Selbstvergewisserung und als Arbeitsgrundlage für den Unterricht erarbeitet. „Die Schülerinnen und Schüler waren zunächst absolut überfordert damit“, sagt er. Als er seine Thesen in Birkenwerder vorträgt, herrscht zunächst große Stille – dazwischen ab und zu ein hörbares, tiefes Durchatmen. Die Anwesenden versuchen, ihre ersten Reaktionen zu formulieren, finden Worte wie „Betroffenheit“, „Ohnmacht“ und „schwerer Tobak“.

Teilnehmer berichten von eigenen Erlebnissen

Rund zwanzig Zuhörer sind gekommen, die meisten von ihnen haben Erfahrung in der Arbeit mit Geflüchteten, durch ihre Tätigkeit als Kommunalpolitiker, als Lehrer oder als Ehrenamtliche. Im Laufe der rund zweistündigen Veranstaltung ergreift fast jeder von ihnen mindestens einmal das Wort, berichtet aus eigenen Beobachtungen, von konkreten Erlebnissen und Ängsten, wirft neue Fragen auf. Gerade die Schärfe der Thesen habe die Diskussion beflügelt, meint Moderatorin und NmC-Vorstandsmitglied Bettina Lindner. Die vorgetragenen Beispiele seien gute Anregungen, eigene Werte zu hinterfragen und zu definieren. Ganz nach These sieben, laut der von Asylsuchenden nur die Werte, Normen und Regeln erwartet werden könnten, die mehrheitlich gelebt und verkörpert werden.

Keine fertigen Lösungen

Fertige Lösungen nehmen die Teilnehmer aus diesem Abend nicht mit nach Hause, jedoch ganz viele Anstöße. Zum Beispiel, politisch aktiv zu sein und zu bleiben und im eigenen Umfeld, im kleinen Kreis Einfluss zu nehmen. Ein Mittel seien Geschichten über positive Erlebnisse mit Geflüchteten. Bürgermeister Stephan Zimniok fragt frühere Kritiker der Flüchtlingsunterkunft im Ort gern danach, ob sich ihr Leben jetzt geändert hat. Die Antwort: Nein.

Dokumentation: 11 Thesen zum Thema „Flucht und Asyl“

1. These: Die Flüchtlingskrise ist zuerst und vor allem für die betreffenden Flüchtlinge eine Krise, weil sie sich durch politische oder wirtschaftliche Gründe dazu genötigt sahen, die Strapazen, Risiken und Gefahren einer Flucht auf sich zunehmen. Wer sich bewusst auf eine Flucht begibt, beweist Lebensmut und vielleicht auch die Fähigkeit zu Kreativität.

2. These: Für Europa und insbesondere für Deutschland ist die Flüchtlingskrise nur deshalb eine Krise, weil Politik und Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten die Augen vor derjenigen Realität mehr oder weniger verschlossen haben, die weitgehend durch sie selbst hervorgebracht wurde. Daraus ergibt sich die 3. These.

3. These: Die Flüchtlingskrise ist vor allem eine Folge westlicher Außen- und Wirtschaftspolitik seit dem II. Weltkrieg, im Grunde aber beginnend mit dem europäischen Kolonialismus. Auf den Punkt gebracht: Die westlichen Gesellschaften ernten nun, was sie bis in die jüngste Zeit hinein selbst gesät haben und Tag für Tag immer noch säen.1 Diese Erkenntnis müsste uns alle zu Scham sowie Bescheidenheit und zu einer daraus resultierenden selbstverständlichen Hilfsbereitschaft überführen. Kurz gesagt: Wir Europäer sollten froh und dankbar dafür sein, dass die Mehrheit der Flüchtlinge (bisher) als Hilfesuchende und nicht als Fordernde oder gar uns Hassende nach Europa strömt; denn dazu hätten die von uns ausgebeuteten Völker alles Recht der Welt!

4. These: Darüber zu diskutieren, ob wir Flüchtlinge zu uns nach Europa lassen wollen oder wie viele, ist Zeit- und Kraftverschwendung. Sie sind bereits da und werden auch in Zukunft Wege zu uns finden. Ein gebildeter Blick in die Vergangenheit lehrt, dass Völkerwanderungen zur Normalität der Weltgeschichte gehören und sich nicht aufhalten lassen. Deshalb ist zunächst nur eine Frage interessant und deren Beantwortung nötig: Wie können wir diese Menschen in unsere Gesellschaft integrieren? Zudem sind die bisherigen Flüchtlingsströme nur der Anfang: „An der zunehmenden Zahl von Klimaflüchtlingen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten werden wir ein weiteres Mal die Diskrepanz zwischen Tätern und Opfern einer ökonomisch wie ökologisch desaströsen neoliberalen Wirtschaftspolitik beobachten können.“2 Aus dieser Einsicht ergibt sich eine zweite Frage: Was müssen und können wir tun, um in Zukunft die Fluchtursachen zu minimieren?

5. These: Die Bewältigung der (aktuellen) Flüchtlingskrise kann nur darin bestehen, dass – neben der Beseitigung der Fluchtursachen durch eine völlig neue Außenpolitik – die Flüchtlinge in die europäischen Gesellschaften integriert werden. Zumindest in Deutschland kann (und wird wahrscheinlich) diese historische Herausforderung daran scheitern, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten nicht zu mündigen Bürgern eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates, sondern zu politisch wie religiös unmündigen Konsumenten sowie sozial inkompetenten Egoisten erzogen beziehungsweise sozialisiert worden ist. Wer aber seine Identität auf das Haben gründet und wessen Sozialität weitgehend auf den eigenen Mikrokosmos beziehungsweise auf Facebook beschränkt ist, fühlt sich natürlich durch die Flüchtlinge und Asylsuchenden existentiell bedroht oder auch nur in seiner spießbürgerlichen Ruhe gestört. Deshalb wird Deutschland – als eines der materiell reichsten Länder der Erde – durch die Flüchtlingskrise entweder zu neuem Leben erwachen, indem es sich ernsthaft und konsequent auf den europäischen Humanismus sowie die Werte der europäischen Aufklärung besinnt. Oder aber Deutschland wird im Sumpf seines geistlosen Materialismus und Konsumismus sowie der Ungebildetheit (einschließlich Geschichtsvergessenheit) der Mehrheit seiner Bürgerinnen und Bürger versinken, indem (ein weiteres Mal) der Pöbel die Macht übernimmt.

6. These: Angesichts der Flüchtlingskrise erwacht zu neuem Leben nur, wer dem Fremden offen sowie konkreten fremden Menschen persönlich und »auf Augenhöhe« begegnet.

7. These: Die deutsche Bevölkerung kann von den Flüchtlingen und Asylsuchenden nur diejenigen Werte, Normen und Regeln erwarten und einklagen, die sie selbst lebt und verkörpert. Welche Werte, Normen und Regeln sind das? Die Flüchtlingskrise wäre eine Chance, sich darüber zu verständigen (siehe 5. These).

8. These: Über Werte, Normen und Regeln können nur diejenigen qualifizierte Diskurse führen, die historisch, kulturell, philosophisch und religiös weitgehend gebildet sind. Dabei müsste der wissenschaftlichen Diskurs unter einer elementaren Voraussetzung geführt werden: Natur- und Wirtschaftswissenschaften sind wichtig; aber ohne die Begleitung der Geisteswissenschaften vernichten sie Leben physisch wie psychisch. 9. These: Alles Gerede von einer »deutschen Leitkultur« ist deshalb hohl, weil es eine solche Leitkultur nicht gibt. Und wenn es eine solche je gegeben haben sollte (was ich gerade für Deutschland als „verspätete Nation“ bezweifele), muss für Deutschland am Beginn des 21. Jahrhunderts – und zwar völlig unabhängig von der aktuellen Flüchtlingskrise – festgestellt werden: „Deutschland schafft sich im Eiltempo ab durch die Globalisierung von Waren und Dienstleistungen.“3 Und zu ergänzen ist: Aufgrund der sich vielerorts vollziehenden Vernachlässigung oder sogar Verdrängung von künstlerischer einschließlich musischer, von philosophischer einschließlich ethischer, und nicht zuletzt von theologischer einschließlich religiöser, aber auch überhaupt von sprachlicher einschließlich literarischer Bildung in den letzten Jahrzehnten, hat sich Deutschland als »Kulturnation« bereits weitgehend abgeschafft!

10. These: Gerne würde ich der »linken« Politikerin Sahra Wagenknecht zustimmen, wenn sie sagt: „Wenn aktuell jemand in Deutschland Leitkultur verkörpert, sind das vor allem die vielen tausend ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die durch ihr Engagement für Flüchtlinge in den letzten Monaten das Staatsversagen in der Flüchtlingskrise zumindest partiell ausgeglichen haben.“4 Leider befürchte ich, dass diese „vielen tausend ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer“ einerseits von der deutschen Politik auch zukünftig mehr oder weniger allein gelassen werden, und dass sie andererseits sowieso nur die Repräsentantinnen und Repräsentanten einer Minderheit sind (siehe 5. These).

11. These: Wer Obergrenzen für die Zahl von Flüchtlingen und Asylsuchenden fordert oder sich sogar für die völlige Abschottung der europäischen Grenzen einsetzt, soll sich deutlich dazu bekennen, dass er bereit ist, für seine Ruhe und seinen Wohlstand Hunderttausende von Menschen im Bomben- und Kugelhagel, im Mittelmeer oder im Stacheldraht der Grenzzäune »verrecken« zu lassen. Aufrichtige und aufrechte Christinnen und Christen werden darüber immer wieder traurig und verzweifelt sein und mit allen ihren Kräften gegen eine solche gottlose Unmenschlichkeit ankämpfen. Überrascht sind sie freilich nicht, „denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“5 Zur konsequenten Mitmenschlichkeit beziehungsweise. zu einem menschlichen Menschen muss das mehr oder weniger intelligente Säugetier »Mensch« von seinem tödlichen Egoismus erlöst werden! Eine solche Erlösung ist aber – wenn sie geschieht – ein »metaphysisches« Geschehen.

Christian Reich

(Januar 2016)

1 Vgl. Michael Lüders, Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet, München 2015.

2 Armen Avanessian, Ist die Flüchtlingskrise eine direkte Folge des globalen Kapitalismus?, in: Philosophie

Magazin Nr. 02/2016, S. 49.

Philosophie – Theologie – Ethik – Religion:

Evangelischer Religionsunterricht (ERU) am Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum

Verantwortlich: Pfarrer Christian Reich

3 Richard David Precht, Echte Träume, echte Not. Wohin wir driften, wer Deutschland abschafft, und

warum die Flüchtlinge nicht hier sind, um uns zu nutzen, in: DIE ZEIT. Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft,

Wissen und Kultur, Nr. 1/30.12.2015, S. 40.

4 Sahra Wagenknecht, Leitkultur ist …, in: Cicero. Magazin für politische Kultur, Nr. 12/2015, S. 45.

5 DIE BIBEL, 1. Mose (Genesis), Kapitel 8, Vers 21, nach der Übersetzung Martin Luthers.

Von Helge Treichel

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