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Oberhavel Wohnungslos: Die Erfahrungen eines jungen Paares
Lokales Oberhavel Wohnungslos: Die Erfahrungen eines jungen Paares
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04:23 27.02.2018
Kevin R. und Isabelle A. vor ihrem Bungalow in Borgsdorf. Quelle: Helge Treichel
Hohen Neuendorf

Er ist 22 und stammt aus Berlin, sie ist Oranienburgerin und 18 Jahre alt. Seit 20 Monaten sind sie ein Paar und seitdem durch dick und dünn gegangen: Drogen, kein Geld, nichts zu essen. Die Obdachlosigkeit begann vor einem Jahr, als seine Bergfelder Wohnung wegen Mietschulden gekündigt worden war. Als es zunehmend abwärts ging, stellten sie einander ein Ultimatum: Entweder die Beziehung oder den Drogenkonsum beenden. Beides zusammen klappte nicht. „Die Liebe war stärker als der Drang nach Drogen“, sagt Kevin. Isabelle nickt dazu. „Wir wollen zurück in die Gesellschaft und nicht am Rand leben, wo niemand einen sieht.“ Und wo die Kräfte schwinden, der Antrieb, der Ansporn. Deshalb begannen sie, Hilfe zu suchen und anzunehmen.

Guido Fahrendholz, freier Journalist aus Borgsdorf, arbeitete zehn Jahren für den „Strassenfeger"“und engagiert sich für Obdachlose. „Die Qualität der Unterbringung steht in keinem Verhältnis zur Kostenpauschale“, sagt er. Quelle: Helge Treichel

Ein Freund, der ebenfalls obdachlos geworden war, hatte von einer Notunterkunft berichtet. „Im Zuge der Gefahrenabwehr“ mietete die Stadt Hohen Neuendorf einen Bungalow in dem Borgsdorfer Motel an der Havel an. Am 4. September 2017 zogen Kevin und Isabelle ein. Der Landkreis zahlt dafür 25 Euro pro Person und Tag an die Stadt – und diese wiederum an den privaten Betreiber. Die Betreuung des jungen Paares übernahmen ehrenamtliche Helfer vom Verein „Charity Banditen“. Unter ihnen Andrea Tietz und Guido Fahrendholz. Täglich sei jemand bei den beiden, um zu helfen: bei Behördengängen, beim Wäschewaschen und Putzen – bei allen erdenklichen Alltagsdingen.

Wo behördliche Hilfe aufhört, setzt privates Engagement an

„Wir versuchen Lebensstrukturen zu initialisieren“, sagt Fahrenholz. Gerade sei er um Praktikumsplätze bemüht. „Es geht hier um Selbstwert.“ Ein gesunderes Selbstwertgefühl wiederum erlaube ein offensiveres Auftreten, beispielsweise bei der Wohnungssuche. Darüber hinaus setze er sich dafür ein, dass Rechte auch in Anspruch genommen werden können, zum Beispiel das Kindergeld. Dem Mädchen sei gesagt worden, dass dies nicht möglich sei, weil die Mutter das nicht beantragt hat. Tatsächlich gelte das aber nur, wenn beide in einem Haushalt leben, so Fahrendholz. „Wir arbeiten mit der Kommune zusammen, um die Situation der beiden zu ändern.“

Entsetzt über Befall mit Krätze-Milben

Entsetzt waren die Helfer allerdings, als bei dem jungen Paar im Dezember Skabies diagnostiziert wurde – zu Deutsch: Krätze. Alle sind sich sicher, dass sie sich die verursachenden Milben in ihrem Bungalow geholt haben, wo vorher ein anderer Obdachloser einquartiert war. Vom 14. bis 18. Dezember sei die Krankheit in Berlin-Buch erfolgreich behandelt worden. Seit einiger Zeit werden Isabelle und Kevin erneut von verdächtigen Hautproblemen geplagt. Sind es Bettwanzen? Andere Parasiten von den Mäusen in der Unterkunft? Oder doch wieder Krätzemilben? Liegt es daran, dass sie ihren Bungalow selbst beräumen mussten?

Als Beweis schoss Kevin dieses Foto. Die Falle schnappte direkt unter dem Bett des Paares zu. „Die Falle stand vielleicht eine Stunde“, sagt Kevin. Quelle: privat

Der Betreiber, der nicht genannt werden will, weist einen derartigen Verdacht auf Anfrage von sich. Vielmehr hätten die Bewohner etwaige Parasiten eingeschleppt. Er habe daraufhin Betten und Teppich im betroffenen Bungalow erneuert sowie gemalert. Dass ihm im zweiten Bungalow ähnliches bevorstehen könnte, missfällt ihm sichtlich.

Arztbesuch erhärtet erneuten Krätze-Verdacht

Ein Arztbesuch am Mittwoch erhärtete indes den Verdacht: Die beiden bekamen wieder Krätze-Salbe verschrieben – vorbeugend. Da immer nur sie selbst betroffen sind und nicht die Leute, bei denen sie zuvor untergekommen waren, ist für das junge Paar und ihre Helfer klar, woher die Probleme kommen – aus der teuer bezahlten Notunterkunft. Dass hier etwas im Argen liegt, zeige auch die Wasserversorgung. Weil das Leitungswasser unangenehm riecht, liefern die Charity Banditen neuerdings Wasser in Flaschen zum Trinken. „Die Qualität der Unterbringung steht in keinem Verhältnis zur Kostenpauschale“, sagt Guido Fahrendholz.

Gemütlich eingerichtet: das kleine Zimmer der beiden. Quelle: Helge Treichel

Den desolaten Eindruck will die Stadtverwaltung nicht bestätigen. Bei einer Begehung der Motelunterkunft am Montag sei durch das Ordnungsamt „kein Grund zur Beanstandung gefunden“ worden, heißt es auf MAZ-Anfrage. Auch der Hinweis auf die Meldepflicht von Krätze wird zurückgewiesen. „Meldepflichtig sind Infektionskrankheiten gemäß Infektionsschutzgesetz nur, sofern es sich um eine Gemeinschaftsunterkunft handelt“, antwortet Fachbereichsleiterin Ariane Fäscher mit Verweis auf die Paragrafen 33 und 34. Gleichlautend die Antwort aus der Kreisverwaltung.

Krätze ist in Oberhavel auf dem Vormarsch

In Oberhavel waren vor allem Senioreneinrichtungen und Einrichtungen für Kinder oder Jugendliche von Krätze betroffen, sagt Amtsarzt Christian Schulze. Und: „In den vergangenen Jahren beobachten wir eine Zunahme von Fällen und Häufungen.“ Über den konkreten Fall könne er sich aber nicht äußern.

Ältere Kollegen berichten, dass es alle paar Dekaden zu einem Anstieg an Skabieserkrankungen kommen kann. „Leider fehlen uns belastbare Zahlen, ob dies tatsächlich so ist, da Skabies bisher noch nicht meldepflichtig ist“, so Schulze. Dies könnte sich mit einer anstehenden Änderung des Infektionsschutzgesetztes ändern.

Gründe können vielfältigsein, sind aber nicht bekannt

Die Gründe, warum aktuell die Erkrankungsraten zuzunehmen scheinen, könnten vielfältig sein. Denkbar wären zum Beispiel Hygiene/Pflege- und Anwendungsfehler bei der Behandlung durch die Betroffenen selbst. Manche Experten vermuten eine Resistenz der Milben gegen bestimmte Produkte. Der Amtsarzt: „Dafür gibt es aber derzeit keine hinreichenden Beweise. Letztlich müssen wir feststellen, dass wir nicht wissen ob, oder warum wir vermehrt Skabieserkrankungen feststellen.“

Von Helge Treichel

Christian Leppler ist seit zehn Jahren Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Glienicke mit 2 600 Mitgliedern. Gottesdienste in der Dorfkirche werden auch von Randberlinern geschätzt. Der Pfarrer genießt es, mit Menschen zu arbeiten. Egal ob mit Konfirmanden oder in der Frauenstunde oder mit den Kindern, die er in seiner Freizeit im Karate unterrichtet.

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