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Erschossen vor 30 Jahren

Glienicke Erschossen vor 30 Jahren

Mit einer Gedenkveranstaltung erinnerte die Gemeinde Glienicke am 24. November an den Tod von Michael Bittner. Der damals 25-Jährige war auf den Tag genau vor 30 Jahren an der ehemaligen Mauer von DDR-Grenzsoldaten erschossen worden.

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Die Violinistin Anna Barbara Kastelewicz spielte bei der Gedenkveranstaltung für Michael Bittner.

Quelle: Gemeindeverwaltung

Glienicke. Vor 30 Jahren, am 24. November 1986, erschossen DDR-Grenzer in Glienicke den erst 25 Jahre alten Michael Bittner beim Versuch, die Mauer nach West-Berlin zu überwinden. Die Gemeinde Glienicke erinnerte im Bürgerhaus mit einer Gedenkstunde an das schreckliche Schicksal des jungen Mannes.

Michael wächst bei seiner Mutter Irmgard Bittner in Berlin-Pankow mit zwei Geschwistern auf. Nach einer Maurerlehre wird er 1980 zum Wehrdienst einberufen. Er kehrt nach Aussagen seiner Mutter als anderer Mensch zurück, „still und in sich gekehrt.“ Seine beiden Ausreiseanträge werden abgelehnt. Bittner entschließt sich zur Flucht. Als er die letzte Grenzmauer auf seiner Holzleiter erklimmt, wird er von zwei Kugeln getroffen. Sein Leichnam wird nach der Obduktion von der Staatssicherheit abgeholt. Das MfS versucht alles, um den Vorfall zu vertuschen. Bis heute weiß Irmgard Bittner nicht, wo ihr Sohn begraben wurde.

Michael Bittner

Michael Bittner.

Quelle: privat

Das Besondere am Fall Bittner stellte der Glienicker Orts-Chronist Joachim Kullmann heraus. Er wies auf den Umstand hin, dass Staats- und Parteichef Erich Honecker 1975 seine Unterschrift unter die KSZE-Akte (Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) gab. Diese sah unter anderem die Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten vor. „Das vertrug sich aber nicht mit Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl. Daher wurden alle sterblichen Überreste der beim Fluchtversuch Erschossenen geheim und anonym beseitigt“, sagte Kullmann in seinem Vortrag. So sei der Tod den Angehörigen nicht mitgeteilt und die Akten zu den Vorgängen vernichtet worden. Auch bei Bittner wendeten die DDR-Behörden diese Verfahrensweise an. Keine Sterbeurkunde, entfernte Obduktionsbefunde und kein Einäscherungsbeleg. Die Verantwortlichen vertuschten den Tod des Berliners. Sie erfanden eine kriminelle Menschenhändlerbande, mit deren Hilfe Bittner geflohen sei, und leiteten ein Ermittlungsverfahren gegen den Toten ein, in dessen Verlauf Haftbefehl durch das Stadtbezirksgericht Berlin-Mitte erlassen wurde. Doch Kullmann erinnerte an die drei Gedenkorte für Bittner in Glienicke. „Dem DDR-Regime ist es nicht gelungen, die letzten Lebensspuren zu vernichten. Michael Bittner lebt ewig.“

Ortschronist Joachim Kullmann während seines Vortrages

Ortschronist Joachim Kullmann während seines Vortrages.

Quelle: Gemeindeverwaltung

Lydia Dollmann von der Gedenkstätte Berliner Mauer beleuchtete die strafrechtliche Aufarbeitung der Gewalttaten an der Mauer. Dabei ging sie auch auf die Todesschützen von Bittner ein. „Es konnte letztendlich nicht festgestellt werden, welche Schüsse ihn töteten“, nahm Dollmann Bezug auf die beiden Grenzsoldaten, die das Feuer auf den damals 25-Jährigen eröffneten. Beide wurden Ende 1997 von der Jugendstrafkammer wegen Totschlags zu einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung verurteilt. Die Befehlsgeber erhielten zwei Jahre und zehn Monate auf Bewährung. Die 132 in Berlin angeklagten Personen, darunter 80 Grenzsoldaten und zehn Mitglieder des SED-Führungszirkels, kamen mit relativ milden Urteilen davon. „Die Angeklagten wurden nach DDR-Strafrecht und nach bundesdeutschem Strafrecht, das als milde gilt, abgeurteilt“, sagte Dollmann. Als Entlastungsfaktoren für die Grenzer seien die ständige politische Indoktrinierung durch Staat und Partei, das jugendliche Alter zur Tatzeit und die Einbindung in eine Hierarchie berücksichtigt worden. Daher komme den verhängten Strafen nur ein symbolischer Charakter zu. „Das Unrecht in der DDR wurde beurkundet, aber nicht geahndet.“ Daher bleibe das Leid vieler Familien aus strafrechtlicher Sicht ungesühnt.

Von MAZ-online

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