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Es gibt immer mehr Obdachlose

Hennigsdorf Es gibt immer mehr Obdachlose

Die Wohnungsnot in Hennigsdorf wird immer größer, beklagt Jens Petersohn, Leiter der Obdachlosenunterkunft. Seiner Ansicht nach fehlten in der Stadt vor allem Sozialwohnungen. Auf dem derzeitigen Wohnungsmarkt hätten viele seiner Klienten kaum eine Chance, schnell eine Wohnung zu finden.

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Jens Petersohn, Leiter der Hennigsdorfer Obdachlosenunterkunft, zeigt eines der beiden Zimmer. In Zukunft dürfte es hier voller werden.

Quelle: Foto: Paetzel

Hennigsdorf. Es ist still an diesem Donnerstag. Von draußen dringt mal ein Hundebellen, mal ein Kinderlachen. Nur ein Bett ist in der Obdachlosenunterkunft im Hennigsdorfer Kommunikationszentrum (Hekze) der Pur belegt. Eine Mittfünfzigerin, die von ihrem Mann vor die Tür gesetzt wurde. Doch das ist eine Momentaufnahme, sagt Jens Petersohn, Leiter der Unterkunft. Seit 2012 hat sich die Anzahl der Nächte, in denen die fünf Betten belegt waren, fast verdoppelt – von 541 auf 786 Übernachtungen im vergangenen Jahr. Dieses Jahr dürften es noch mehr werden, bis Ende Oktober gab es schon 699 Übernachtungen.

In Zukunft dürfte es in Hennigsdorf und Umland wohl immer mehr Menschen ohne Wohnung geben. „Wir gehen davon aus, dass es dramatisch wird“, sagt Petersohn. Für ihn ist das die Schattenseite des Bevölkerungsbooms. Knapp 26 600 Einwohner hatte die Stadt Ende 2015, zudem ist das Geburtenlevel mit mehr als 225 Babys pro Jahr konstant hoch. Noch nie nach der Wende lebten so viele Menschen in der Stadt. Mittlerweile herrscht annähernd Vollvermietung, Hennigsdorf gilt als angespannter Wohnungsmarkt. „Für die Menschen, die in die Unterkunft kommen, gibt es aber kaum noch freie Wohnungen“, sagt Petersohn.

Sozialer Wohnungsbau fehle in der Stadt. Auch der geförderte Wohnraum, den die Verwaltung mit der Hennigsdorfer Wohnungsbaugesellschaft HWB plant, dürfte das Problem nicht lösen. Rund 100 Appartements sind im Gespräch, doch diese Zahl ist noch nicht einmal bestätigt. Der Bau dieser Wohnungen könne den Markt aber noch lange nicht entspannen, erklärte selbst Bürgermeister Andreas Schulz kürzlich im Gespräch mit der MAZ.

Männer zwischen 50 und 50 Jahren

Der „typische“ Obdachlose in der Hennigsdorfer Unterkunft ist um die 50 Jahre alt. Insgesamt lebten seit dem Jahr 2012 genau 68 Personen in der Hennigsdorfer Notunterkunft, im Schnitt blieben sie 54 Tage dort.

Ein 55-Jähriger braucht fast fünfmal länger als ein 26-Jähriger, um eine Wohnung zu finden.

Rund die Hälfte der Menschen findet eine Wohnung. Auch bei der Suche nach einem Job oder dem Entzug helfen die Pur-Mitarbeiter. Im Rahmen des Projekts „Amboss” gibt es ein Coaching, um fit für den Arbeitsmarkt zu werden.

Praktikanten sucht die Obdachlosenunterkunft jederzeit.

Jens Petersohn sieht auch die Kreisverwaltung in der Pflicht. Momentan übernehme dieser nur eine Miete von sechs Euro pro Quadratmeter. „Damit hat unser Klientel kaum eine Chance, eine Wohnung im Kreis zu finden“, sagt der Leiter der einzigen Notunterkunft im südlichen Kreis. Die Vermieter hätten überall „Dollarzeichen in den Augen“. Tatsächlich sind die Kosten für eine Wohnung in Hennigsdorf laut aktuellem Mietspiegel zuletzt um vier Prozent gestiegen, während WGH, HWB und private Investoren verstärkt auf den Bau von „höherwertigen“ Wohnungen setzen, in denen der Quadratmeter sieben Euro aufwärts kostet. „Die Berliner, die herziehen, zahlen das ja auch gerne“, so Petersohn.

Die Not könnte noch schlimmer werden, wenn anerkannte Asylbewerber aus dem Heim in Stolpe-Süd auf Wohnungssuche gehen. „Viele leben noch im Heim, obwohl sie längst alleine wohnen könnten. Aber das gibt der Markt nicht her.“ Petersohn wolle gar nicht daran denken, was passiert, wenn der türkische Präsident Erdogan seine Drohungen wahr macht, den Flüchtlingsdeal mit der EU aufkündigt und die Grenzen öffnet. „Dieses Damoklesschwert schwebt auch noch über uns.“ Flüchtlinge hätten es besonders schwer mit der Wohnungssuche, weil es auch an der Sprache hapere. „Wie sollen diese Menschen etwa einen Aushang des Vermieters verstehen, dass mal der Strom abgestellt wird?“ Jens Petersohn fordert vom Kreis für solche Probleme mehr Sozialarbeiter, immerhin seien es echte Hemmnisse bei der Wohnungssuche. „Das Geld wäre da, wir sind der zweitreichste Kreis im Land Brandenburg.“

In einem gemeinsamen Projekt mit dem Kreis und der ABS will die Pur ab 2017 zunächst 63 Flüchtlinge in Arbeit bringen. Laubharken oder Arbeit in der Kleiderkammer oder den Nachbarschaftstreffs. Das wäre ein erster Schritt zur Integration.

Von Marco Paetzel

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