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Oberhavel Ex-Wikileaks-Sprecher überrascht Merkels Naivität
Lokales Oberhavel Ex-Wikileaks-Sprecher überrascht Merkels Naivität
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00:15 29.10.2013
Daniel Domscheit-Berg Quelle: dpa
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MAZ: Eigentlich wollten wir nur über den Film „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ sprechen. Aber das geht nicht, ohne die aktuellen Ereignisse mit zu berücksichtigen. Sie sind gerade aus Berlin zurückgekommen, von einer Aktion vor dem Bundeskanzleramt. Was haben Sie konkret gemacht?
Daniel Domscheit-Berg: Mein Bundestagswahlplakat mit „Widmung“ für die Kanzlerin präsentiert. Über meinem Konterfei steht der Satz „Auch du wirst überwacht“. Ich hab’ den für Frau Merkel ergänzt: „Bitte nicht nochmal vergessen, Daniel“. Die Kanzlerin war bisher so naiv zu glauben, dass sie nicht überwacht wird. Mich überrascht jetzt eher, dass das Abhören der Regierungschefin überhaupt irgendwen überrascht. 80 Millionen Deutsche werden bespitzelt – und ausgerechnet Angela Merkel nicht?

Vielleicht setzt jetzt ein Nachdenken ein, das dafür sorgt, dass die Zivilgesellschaft Druck ausübt?
Domscheit-Berg: Das hoffe ich, denn das Thema verschwindet nicht. Deutschland müsste da eigentlich sogar eine Vorreiterrolle spielen, denn der Datenschutz hat hier eine höhere Wertigkeit als in anderen Ländern.
 
Nun zum Film „Die fünfte Gewalt“. Sie und Julian Assange haben die Internet-Seite Wikileaks entwickelt als Enthüllungsplattform für Menschen, die anonym geheime Informationen veröffentlichen wollen, um Korruption aufzudecken oder aber Verbrechen aufzuklären. Als Wikileaks jedoch den größten Fund an geheimen Dokumenten der amerikanischen Geschichte macht, geraten Sie und Assange in Streit, weil der sich weigert, die Namen von Informanten aus Dokumenten zu tilgen, um deren Leben nicht zu gefährden. Diese Geschichte erzählt der Film. War nur Ihr Buch „Inside Wikileaks“ dafür die Vorlage?
Domscheit-Berg: Nein. Eine Bedingung von mir gegenüber den Filmproduzenten von Dreamworks war, dass noch eine zweite Quelle herangezogen wird. Je mehr Perspektiven, desto besser. Das Leben ist nicht schwarz-weiß. Und so muss auch Wikileaks betrachtet werden.

Montag war Deutschlandpremiere in Berlin. Ihre Frau Anke und Sie waren dabei. Wie war es auf dem roten Teppich?
Domscheit-Berg: Ich hab’ eigentlich nur ein Blitzlichtgewitter wahrgenommen. Da stehen ungefähr 15 Fotografen, und jeder schreit „hier“. Und dann müssen sie genau in deren Richtung schauen. Es war nicht unangenehm, aber ich bin da auch nicht raus mit dem Gedanken, es wäre toll, wenn ich sowas öfter hätte. Mit Film und After-Show-Party in der Kulturbrauerei war es aber auf jeden Fall ein netter Abend.
 
Wie viele Interviews haben Sie am Montag und Dienstag gegeben?
Domscheit-Berg: 35. Das war alles bestens vom Verleih Constantin vorbereitet. Die Gespräche mit den Journalisten waren durchweg angenehm.
 
Sie werden von Daniel Brühl gespielt. Hat er sich vorher mit Ihnen getroffen?
Domscheit-Berg: Ja, wir hatten eine Begegnung. Es gab Szenen im Film, da habe ich mich hundertprozentig wiedererkannt.

Was halten Sie insgesamt vom Film?
Domscheit-Berg: Meine Erwartungen an einen Hollywood-Film sind grundsätzlich eher gering. Insofern war ich angenehm überrascht, denn „Inside Wikileaks“ ist ein Unterhaltungsfilm mit Botschaft.
 
Die da heißt?
Domscheit-Berg: Es ist gelungen, den Wert von Transparenz und die Bandbreite von Whistleblowing deutlich zu machen. Von daher bin ich zufrieden.
 
Und der Wahrheitsgehalt?
Domscheit-Berg: Ein Film ist ein anderes Medium als ein Buch. Es gibt Szenen, die haben in Wahrheit nie oder anders stattgefunden. Am Ende zerstöre ich Wikileaks im wahrsten Sinne des Wortes in einem Computer-Inferno. Das hat es nicht gegeben. Die letzten Filmminuten gefallen mir aber dann wieder sehr gut. Benedict Cumberbatch als Julian Assange gibt ein Interview in der ecuadorianischen Botschaft in London, auch Daniel Brühl als meine Person kommt noch mal zu Wort. Es ist ein offenes Ende, das die Zuschauer auffordert, sich eine eigene Meinung zu bilden.
 
Nach unseren Recherchen läuft der Film am 31. Oktober im Cinestar Neubrandenburg und im Filmpalast Oranienburg an, im Moviestar Neustrelitz leider nicht. Fürstenberger, die Sie und Ihre Frau inzwischen kennen, müssen also ganz schön weit fahren, um „Inside Wikileaks“ sehen zu können.
Domscheit-Berg: Sehr bedauerlich. Was Neustrelitz betrifft, werde ich mich persönlich bemühen, dass er dort doch noch läuft. Wenn nicht im Moviestar, dann im Kino in der Kachelofenfabrik. Ich würde beispielsweise gern mit einer Schulklasse den Film sehen und anschließend mit den Jugendlichen darüber diskutieren.
 
Sie haben sich vor ein paar Jahren für Fürstenberg als Lebensort entschieden. Sind Sie schon richtig angekommen?
Domscheit-Berg: Wir fühlen uns hier wohl. Die Fürstenberger sind sehr offen, und die meisten wissen zumindest, dass wir Netzaktivisten und in der Piratenpartei sind. Das führte zum Beispiel schon dazu, dass mich ein älterer Mann mal fragte, ob ich seinen Computer sicherer machen könnte.
 
Und, können Sie?
Domscheit-Berg: Na ja, wahrscheinlich schon, obwohl der Mann das für seine Nutzungszwecke wohl gar nicht bräuchte.
 
Was ist mit der Sicherheit von Handys?
Domscheit-Berg: Die ist verloren.

Interview: Anke Dworek

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