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Fabrik und Schule am Schlossplatz

Oranienburger Stadtgeschichten Fabrik und Schule am Schlossplatz

Der Schlossplatz in Oranienburg ist seit Jahrhunderten ein Ort des Erinnerns. Am Platz standen aber auch eine Fabrik und mehrere Schulen. Einiges von dieser Industrie- und Bildungsgeschichte ist fast in Vergessenheit geraten.

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Schlossplatz mit Friedenseiche und Linden auf einer Postkarte, die nach dem Ersten Weltkrieg abgeschickt wurde.

Quelle: Becker

Oranienburg. Nach 1800 gab es auf und am Schlossplatz Baumanpflanzungen, deren Anlässe in Erinnerung an historische Ereignisse bestanden. So ließ 1815 der Magistrat vor dem Schloss vier Linden anpflanzen, die dauerhaft bis heute an den Aufbahrungsort der Königin Luise in der Nacht vom 26. zum 27. Juli 1810 auf dem Schlossplatz erinnern. Ursprünglich wollte man wie in Gransee ein Luisen-Denkmal errichten, wogegen sich jedoch Landrat Albrecht von Pannewitz aussprach. Man begnügte sich darum mit den Linden und der Namensgebung Luisenplatz.

Aus Anlass des Sieges über die napoleonischen Truppen setzte die Bürgerschaft am 18. Oktober 1818 eine Friedenseiche auf die östliche Hälfte des Platzes in Höhe des Marstallgebäudes. Vermutlich zur gleichen Zeit legte man dahinter auf dem Terrain vor dem Amtshaus (Luisenplatz 2) ein bis in unser Jahrhundert noch sehenswerten Lindenhain an. Damit war zu den Gebäuden des Schlossplatzes sein charakteristischer Baumbestand gekommen.

Wirtschaftlich war die Zeit in Preußen von der beginnenden Industrialisierung geprägt. Das Schloss erwarb schon 1802 ein Unternehmer und es beherbergte nacheinander eine Textilmanufaktur und eine Chemische Fabrik (ab 1814). Hier wirkte ab 1833 in der „Aktiengesellschaft Chemische Produktenfabrik Oranienburg“ der bekannte Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge.

Im Herbst 1832 wurde das Domänenamt Oranienburg aufgelöst. Das preußische Finanzministerium verkaufte 1833 die früheren Amtsgebäude an die Stadt. Einen Teil der Gebäude veräußerte der Magistrat weiter. Zugleich waren die aufgezeigten Eigentums- und Funktionsveränderungen der Gebäude Vorboten einer neuen Epoche in der Geschichte des Schlossplatzes.

Bis auf das Schloss kamen im Verlauf des 19. Jahrhunderts alle ehemals zum Amt gehörenden Gebäude in den Besitz der Stadt. Dabei blieb der Platz selbst Eigentum des preußischen Staates - ein Umstand, der hundert Jahre später noch Anlass zu Problemen geben sollte. Die Stadt erwarb das ehemalige Amtshauptmannshaus (Breite Straße 1) am 1. April 1851 von der „Preußischen Seehandlung“ (Preußische Staatsbank) zunächst als Verwaltungsstandort. Doch bis zu seiner endgültigen Zweckbestimmung im 20. Jahrhundert blieb die Nutzung des Hauses vielgestaltig. Es beherbergte das Rathaus (1851-1923), das Steueramt, die Stadthaupt- und Steuerkasse sowie die Stadtsparkasse (ab 1889), ab 1935 die Stadtbücherei, das Heimatarchiv und im zweiten Stock das Heimatmuseum der Stadt.

Der Magistrat nutzte die Übernahme des Amtshauses an der Havelseite im Jahre 1833 für die Lösung des Schulproblems. Zwar gab es im Sommer beständig sinkende Schülerzahlen, was ein Indiz für landwirtschaftliche Kinderarbeit ist, aber steigende Einwohnerzahlen (von 1801 bis 1850 verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf 3567) und die Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht nach 1830 machten die Einrichtung einer größeren Schule dringend notwendig. Am 1. Oktober 1834 öffneten sich die Türen des neuen Schulhauses, der späteren 1. Gemeindeschule, für den Unterricht zum ersten Mal. Die Schule hatteacht Klassenräume, fünf (!) Lehrerwohnungen und eine Wohnung für den Schuldiener.

Ungezählte Schülergenerationen lärmten über die altehrwürdigen Flure und Treppen. Zum hundertjährigen Jubiläum erinnerte sich ein ehemaliger Schüler: „Unter den Linden standen seiner Zeit zwei mächtige hölzerne Wasserbütten auf halbmorschen Kufen zu Feuerlöschzwecken. Dass die Herren Jungens diese altwürdigen dastehenden Tonnen zu wesentlich profaneren Zwecken benutzten, bedarf keiner Versicherung. Später stellte dort die Buchdruckerei von Eduard Freyhoff ihre Reklamesäule auf. Jedenfalls war es eine Sensation, wenn von Minute zu Minute mit leisem Kling ein anderes Reklameblatt unterhalb der Uhr sichtbar wurde.“ Rechts neben der Gemeindeschule entstanden im 19. Jahrhundert zwei Gebäude, die man in den Quellen als Grüttersche Häuser (beide Luisenplatz 1a) bezeichnet findet. Zunächst war da das schmucklose, zweigeschossige Gebäude der Färberei von Karl Grütter (1836-1897).

In einer Ansicht aus dem Jahre 1795 befand sich zwischen dem Amtshaus und dem Marstall eine Lücke. Diesen Freiraum füllte das Haus nun aus. Obwohl in der äußeren Gestaltung schlicht, hatte der Architekt jedoch bestimmende Merkmale aufgenommen. Da waren die beiden Fensterreihen, hier ohne jeglichen Schmuck, und das gemauerte Band zwischen dem ersten und zweiten Geschoss, das man auch beim ehemaligen Amtshaus und Rathaus erkennen konnte. Über der Tür, die die Hausfront halbierte, befand sich ein Balkon mit einem dreigeteilten Gitter. Aus dem Rahmen fiel eine zusätzliche Reihe kleinerer Fenster unterhalb der Dachkante, die ein Mansarddach überflüssig machte. Eine Inschrift über der Balkontür widmete das Haus „Dem Wohle der Stadt und des Vaterlandes.“

Zur Berliner Straße hin schloss sich der umgebaute Marstall an. Im Gegensatz zum Vorgänger stand das zweite Haus nun mit seiner Front zum Schlossplatz, so dass sich die äußere Gestaltung und das Dach für den Betrachter sichtbar an die Nachbarbauten anlehnten. Zugleich ein Beweis dafür, dass man sich der Gemeinsamkeit der städtischen und privaten Häuser gegenüber dem Schloss bewusst war. Diese Gleichförmigkeit lag in einer gewollten bürgerlichen Schlichtheit gegenüber der Größe und barocken Ausstattung des Schlosses. Aus dem Marstall war ein Bürgerhaus in bester Lage, Ecke Berliner Straße / Schlossplatz, geworden. Die Unternehmerfamilie Grütter gehörte zu den herausragenden Bürgern der Stadt im 19. Jahrhundert. Karl Grütter übte für viele Jahre die Funktionen eines Stadtverordneten und Ratsherrn aus. Gemeinsam mit seinem Bruder, Gustav Grütter (1837-1908), hatte er 1873 den Gutsbezirk Lehnitz gekauft. Karl Grütter regte die Bildung der am 1. Dezember 1889 gegründeten Stadtsparkasse an. Ende des 19. Jahrhunderts kaufte die Stadt die beiden Grütterschen Gebäude. Spätestens ab 1910 befanden sich hier die von Handelslehrer Oskar Becker am Beginn des Jahrhunderts gegründete Kaufmännische Fortbildungsschule und Gewerbliche Berufsschule. Nimmt man die 1. Gemeindeschule hinzu, hätte die gepflasterte Straße von der Berliner Straße in Richtung Havel den Namen Schulstraße verdient.

Die vorigen Beiträge in der Serie zur Stadtgeschichte Oranienburgs erschienen am 8.. 18.  und 23. Februar.

Von Bodo Becker

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