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Flüchtlinge erkunden Zehdenick

Willkommenskultur Flüchtlinge erkunden Zehdenick

Der Begriff Abendspaziergang soll in Zehdenick nicht länger als Synonym für Kundgebungen gegen das Asylbewerberheim, sondern für das Willkommen gelten. Die junge Gemeinde und Pfarrer Andreas Domke wollten den Begriff zurückhaben und luden Asylbewerber am Freitagabend zu einer Stadtführung.

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Der Abendspaziergang klang im Pfarrgarten aus. Kulturwissenschaftlerin Lilly Seidler (M.) und vier der Neu-Zehdenicker.

Quelle: Cindy Lüderitz

Zehdenick. „Heute ist der beste Tag in meinem Leben“, sagt Khaled Atrash und hält Pfarrer Andreas Domke freudestrahlend den Brief hin, der Freitag mit der Post kam. „Die Flüchtlingseigenschaft wird zuerkannt“, steht dort geschrieben. Für den 27-jährigen Syrer bedeutet das, er ist erstmal sicher. Drei Jahre darf er vorerst bleiben und hat die Chance auf ein neues Leben. Der Bürgerkrieg und die drohende Einberufung in die Armee trieben ihn aus seinem Heimatland. „Ich konnte dort nicht mehr leben. Es war nicht sicher“, sagt er. Mit 24 anderen Flüchtlingen aus sieben Nationen lebt Khaled Atrash seit März im Wohnheim des Oberstufenzentrums (OSZ).

Die Neu-Zehdenicker waren am Freitag zu einem Abendspaziergang eingeladen. Pfarrer Andreas Domke hatte den Begriff bewusst gewählt, um ihn zurückzugewinnen und abzukoppeln von der Nein-zum-Heim-Bewegung. Es war eine Antwort auf die bisherigen Kundgebungen gegen das Asylbewerberheim in der Stadt (MAZ berichtete).

Erste Station der Führung: die Kirche. Die Gäste bewundern den Sternenhimmel an der Decke und fragen neugierig nach den Folgen des großes Stadtbrandes, über den der Pfarrer erzählt, und nach den Namen, die sie auf den Gedenktafeln am Eingang lesen. Domke spricht Deutsch und Englisch. Die Mädchen der jungen Gemeinde übersetzen für einige Flüchtlinge ins Französische.

Wenige Wochen nach dem recht überstürzten Bezug der Gemeinschaftsunterkunft im Wesendorfer Weg haben auch die Zehdenicker eine Willkommens-Initiative geschmiedet. „Wir hatten keine lange Vorbereitungszeit und fühlen uns hier auch ein bisschen abgehängt. Vor allem die Beratungen fehlen. Und die Informationen des Landkreises sind spärlich “, so Andreas Domke. Zugleich, betont er, habe Zehdenick die Chance, es richtig gut zu machen. „Wir üben noch, aber wir haben hier eine kleine, überschaubare Gruppe und können vieles sehr viel schneller organisieren.“

Eine Aktie daran hat auch Lilly Seidler, selbst noch neu in der Stadt. Seit September 2014 lebt die Kulturwissenschaftlerin in Zehdenick. Als sie hörte, dass Flüchtlinge kommen, bot sie ihre Hilfe an. Sie spricht Französisch und Türkisch. Vor mehr als zehn Jahren arbeitete sie für Amnesty International in der Asylberatung. Jetzt kümmert sie sich unter anderem um Sprachpaten für die Flüchtlinge. „Man kommt schnell über die Schwelle des Begriffs Flüchtling hinaus, kommt miteinander ins Gespräch und lernt sich kennen“, sagt Pfarrer Domke über die ersten Kontakte. Am Anfang sei er aufgeregt gewesen. Inzwischen habe er alle Bewohner mindestens einmal gesehen.

Pause an der Postkreuzung

Pause an der Postkreuzung. Vor dem imposanten Wandbild entstand dieses Gruppenfoto.

Quelle: Cindy Lüderitz

Auf dem Weg durch die Berliner Straße bewundert die internationale Gruppe die Eisenmänner, die vor einigen Hofeinfahrten stehen. Aus der Tür zur Sozialstation des DRK lugt eine Frau heraus und lächelt freundlich. „Wir wollten mal sehen, was los ist“, sagt sie. Der Abendspaziergang führt bis zur Brücke, an der Havel entlang und am Kloster vorbei. In der Klosterscheune, erzählt Khaled Atrash, hätten sie am Mittwoch zu viert im Kino gesessen und einen Film über Nelson Mandela gesehen. Er habe sich gewundert, warum sonst kein Publikum da war.

„Ich darf erst mal bleiben“

Khaled Atrash ist 27 Jahre jung. Vor wenigen Monaten ist er wegen des Bürgerkriegs und des drohenden Militärdienstes aus seiner Heimat Syrien geflohen. Nun hofft er, in Deutschland Fuß fassen zu können.

MAZ: Wie gefällt Ihnen Zehdenick?

Khaled Atrash: Ich mag die Stadt, sie ist klein und sehr nett. Es ist meine fünfte Station in Deutschland.

Welche sind das?

Atrash: Ende Januar bin ich in Düsseldorf angekommen, von dort nach Dortmund, Eisenhüttenstadt, Frankfurt (Oder) und jetzt Zehdenick.

Sie wohnen in der Gemeinschaftsunterkunft am Oberstufenzentrum. Haben Sie sich eingelebt?

Atrash: Alles ist sehr neu dort und wir kommen gut zurecht. Ich teile mir mit drei anderen Syrern ein Zimmer.

Wissen Sie schon, wie es für Sie jetzt weitergeht?

Atrash: Ich bin jetzt offiziell als Flüchtling anerkannt und darf erstmal bleiben. Ich möchte die Zeit nutzen, Deutsch zu lernen, ich möchte studieren und arbeiten.

Wie kommen Sie mit der Sprache zurecht?

Atrash: Ich studiere sie jeden Tag und lerne so vielleicht 20 Wörter. Ich schaue mir Filme mit deutschen Untertiteln an, dann stoppe ich zwischendurch und spreche die neuen Worte noch mal nach. Das geht ziemlich gut.

Zaher hat die Stadt schon auf eigene Faust erkundet und dabei eine schöne Entdeckungen und Erfahrungen gemacht. Wenn er mal nicht weiter kam, fragte er Passanten. „Ich habe so nette Leute getroffen“, betont er. Die Verständigung funktioniere, auch wenn man nicht dieselbe Sprache spreche. „Es mir schon passiert, dass jemand mir den Weg nicht auf Englisch beschreiben konnte und mich dann einfach an die Hand nahm und mich dorthin führte“, erzählt der Syrer. „Ein Dankeschön ist nicht genug, um es zu beschreiben. Die Menschen sind sehr hilfsbereit“. Auch Fußball gespielt haben die jungen Männer in der Havelstadt schon. Zwei Mal waren sie auf Einladung des SV Zehdenick beim Training auf dem Havelsportplatz. Diesen Donnerstag sind sie dort zum Testspiel verabredet. Der Abendspaziergang endet mit einem Imbiss und Tischtennis im Pfarrgarten.

Von Cindy Lüderitz

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