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Oberhavel Geflüchtete erzählen ihre Geschichte
Lokales Oberhavel Geflüchtete erzählen ihre Geschichte
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00:29 21.11.2015
Erzählten ihre Geschichte: Alfons Zeh aus Kyritz, Job Tchitchouang aus Kamerun und Hassan Al Hossien aus Syrien (v. l.). Quelle: Foto: Enrico Kugler
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Oranienburg

Ergriffene Stille. Bewegte Gesichter. Fast zwei Stunden lang. Vier Menschen erzählten am späten Dienstagnachmittag im Bürgerzentrum ihre Geschichte. Vier Menschen, zwei Generationen, die das selbe Leid erfahren mussten: Flucht und Vertreibung, unvorstellbare Gewalt, den Tod von Familienmitliedern, Kriegswirren, Hunger, Entbehrungen, Verachtung und den mühsamen Versuch eines Neubeginns.

Die Konrad Adenauer Stiftung hatte zusammen mit der Initiative Willkommen in Oranienburg und dem Kreisverband des Bundes der Vertriebenen zum Thema „Flucht, gestern und heute. Geflüchtete erzählen ihre Geschichte “ eingeladen. Mehr als 60 Oranienburger wollten sie hören.

Da sind die aufwühlenden Erinnerungen der 90-jährigen Friedrichsthalerin, die „34 Jahren lang im Stahlkorsett die Post ausgetragen hat“. Ein Stahlkorsett, das sie tragen musste, weil ihr ein russischer Soldat mit dem Gewehrkolben die Wirbelsäule fast zertrümmert hatte. Sie ringt die Hände, verdrückt immer wieder die Tränen, stockt und berichtet dann doch von der Flucht ihrer Fischerfamilie aus Hinterpommern. Wie sie wiederholt von Soldaten vergewaltigt worden war, an Typhus erkrankte und von der Mutter schon für tot gehalten wurde. Im Flüchtlingstreck erreichte sie Forst, musste sich gegen Flöhe, Wanzen und Hunger wehren. Bis heute trage sie die Kraft des Vaters, der die Flucht nicht überlebte, in sich, immer wieder aufzustehen, auch wenn es ihr schlecht geht. Heute leide sie vor allem darunter, „dass ich mit niemandem mehr darüber erzählen kann“. Oft werde sie missverstanden und wollte deshalb ungenannt bleiben.

Neben ihr sitzt Job Tchitchouang. Die Odyssee seiner Flucht begann vor vier Jahren. Bei einem Terrorüberfall der Gruppe Boko Haram auf sein Dorf vergewaltigten und erschossen Terroristen seine Frau. Er hielt sich versteckt, „so hatten wir es ausgemacht, denn sie verschleppen in der Regel die Männer, um sie zu rekrutieren“. Der Bankangestellte bekam immer wieder Morddrohnungen, floh über Algerien, Marokko und Spanien. Das Busticket eines Freundes nach Deutschland brachte ihn eher durch Zufall vor einem Jahr hierher. Seine drei Kinder leben bei seiner Mutter. Er möchte sie herholen. „Ich vermisse sie so, suche nach einer Lösung.“

Hassan Al Hossin war Polizist in Syrien. „Ich wollte nicht mehr unter den Regierungsgruppen dienen“. Er wurde verhaftet, wieder freigelassen, erlebte auf der Flucht durch mehrere Dörfer das Sterben von „1600 Menschen in zehn Tagen in einem Dorf nahe der Grenze. Es waren Massenexekutionen des IS.“ Im Februar 2015 kam seine Frau bei einem dieser Angriffe ums Leben. Über die Türkei floh er mit seinen vier Kindern, zwischen 1,5 und acht Jahren alt. Auf dem Meer habe er sich als Sünder gefühlt, „dass ich das meinen Kindern antue“. Er sei allein in der Lehnitzer Flüchtlingsunterkunft mit den Kindern. „Ich habe Achtung vor jeder Mutter. Und ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie uns aufgenommen haben“, so Al Hossin. Bei Minus 15 Grad und Tiefschnee musste Alfons Zeh mit seiner Familie als Sechsjähriger sein Dorf in Polen verlassen. Der Großvater, der nicht laufe konnte, „liegt in einem Massengrab“, sagt er unter Tränen. Die Familie hauste in Kartoffelbunkern und hatte nichts zu Essen. „Möge diese Welt gerechter werden. Alle Vertreibungen sind gegen das Menschenrecht“, appelliert der betagte Mann.

Darauf hoffen auch Job und Hassan, die die Ursachen der Flucht auch in den Ländern sehen, die Waffen liefern: „Kamerun besitzt keine Fabrik, die Waffen herstellt, die die Terroristen besitzen“, sagt Job. Und Hassan Al Hossien antwortet auf die Frage von Zuhörern: „Glauben Sie mir, wenn sich die Situation in Syrien morgen ändert, bin ich übermorgen wieder dort.“

Von Heike Bergt

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