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Geld gegen Gutschein

Umtauschaktion mit Flüchtlingen in Hennigsdorf gefeiert Geld gegen Gutschein

In Oberhavel bekommen Flüchtlinge einen Teil ihrer Sozialleistungen in Gutscheinen statt Bargeld ausgezahlt. Gemeinsam mit Asylbewerbern kämpfen Mitglieder einer Initiative gegen das Gutscheinsystem des Landkreises, indem sie die Wertgutscheine gegen Geld eintauschen.

Hennigsdorf. Wenn er die Gutscheine aus dem Portemonnee holt, schauen ihn die Menschen plötzlich anders an. „Man fühlt dann, dass man nicht willkommen ist“, sagt Kamran I. 167 Euro seiner 290 Euro ausgezahlten Sozialleistungen bekommt der Iraner aus dem Asylbewerberheim in Stolpe-Süd in Form von Wertgutscheinen vom Landkreis. Glücklich ist er damit nicht. Nur neun Geschäfte in Hennigsdorf akzeptieren die Gutscheine, und Wechselgeld gibt es nicht zurück, sagt Kamran I.

Der 33-Jährige stand am Freitag mit seiner Frau inmitten von rund 100 Menschen auf dem Hennigsdorfer Postplatz. Asylbewerber, Bürger und Mitglieder der Hennigsdorfer Stadtverwaltung. Sie feierten den offiziellen Beginn der Umtauschaktion für Gutscheine. Das Prinzip ist einfach: Jeder Asylbewerber im Landkreis soll einen Tauschpaten finden, der einen Teil der Gutscheine gegen Bargeld eintauscht und dann selbst damit einkaufen geht. Etwa zwei Monate lief das Projekt schon testweise, rund 60 Bürger nahmen teil und tauschten knapp 3000 Euro gegen Gutscheine. „Bis jetzt klappt das schon richtig gut“, sagt Tobias Becker, Mitglied der im Mai gegründeten Bürgerinitiative „Willkommen in Oberhavel“, die die Aktion koordiniert.

Für Becker ist das Gutscheinsystem des Landkreises reine Schikane. „Das eigentliche Ziel ist doch, dass die Asylbewerber es in Oberhavel so blöd finden, dass sie wieder gehen“, sagt der 29-jährige Berliner. Oberhavel ist einer der letzten drei Landkreise, die die Gutscheine noch ausgeben. Ab Januar sind es nur noch Oberhavel und Oder-Spree. Der Nachbarkreis Havelland überweist dann ausschließlich Bargeld. Tobias Becker hofft, dass die Umtauschaktion Druck auf den Kreis ausübt. Doch Landrat Karl-Heinz Schröter zeigte sich bislang unnachgiebig. Offenbar versuchte die Kreisverwaltung, die Umtauschaktion zu unterbinden: Seit kurzem steht auf der Vorderseite der Gutscheine, dass diese nur zusammen mit dem Gutscheinausweis gültig seien. Doch seitdem, sagt Tobias Becker, gebe es noch mehr Unterstützer für die Aktion. Damit die Gutscheine auch ohne die Gutscheinkarte eines Asylbewerbers eingetauscht werden, sollen Vollmachten herausgegeben werden. Das Vertretungsrecht sei im Bürgerlichen Gesetzbuch geregelt, daran könne auch die Kreisverwaltung nicht rütteln, erklärt Tobias Becker.

Ziel der Initiative ist es zunächst, dass alle rund 135 Asylbewerber im Heim einen Tauschpartner finden. „Die bekommen mehr in Form von Gutscheinen ausgezahlt als die Menschen, die schon Wohnungen haben“, so Becker. Alleinstehende sollen 50 Euro pro Monat tauschen, Mütter mit Kindern 100 Euro. Dabei geht es auch darum, neue Kontakte herzustellen. „Es soll ja nicht nur getauscht werden, sondern die Leute sollen dabei auch Kontakte knüpfen“, erklärt der junge Mann.

Christel Schitko findet die Aktion sinnvoll. Die Hennigsdorferin ist noch auf der Suche nach einem Tauschpartner aus dem Heim. „Mit den Gutscheinen bekommen die Leute nicht mal Medikamente oder Spielzeug für ihre Kinder. Das ist doch unglaublich diskriminierend“, so die 68-Jährige.

Von Marco Paetzel

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