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Oberhavel „Geschichte wird an Einzelschicksalen sichtbar“
Lokales Oberhavel „Geschichte wird an Einzelschicksalen sichtbar“
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00:19 21.09.2017
Eine rege Diskussion mit Zeitzeuge und Filmprotagonist Reinhard Wolff (M.), den Seminarkurs-Schülern und Besuchern entspann sich im Anschluss an die Filmpremiere. Quelle: Nadine Bieneck
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Oranienburg

Es war eine eindringliche Atmosphäre. Gut 120 Besucher verfolgten Sonnabendnachmittag die Uraufführung des 60-minütigen Dokumentarfilms „Alles um zu überleben – Reinhard Wolff“ in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Als 16-jähriger war der gebürtige Buchholzer (Altlandsberg) am 23. Dezember 1945 im sowjetischen Speziallager in Sachsenhausen inhaftiert worden. Willkürlich und ohne Rechtsgrundlage, aufgrund einer Pistole, die der 16-Jährige angeblich besessen haben soll („Ich habe nie eine Pistole besessen", so Wolff). Die folgenden drei Jahre bis zu seiner Entlassung im August 1948 kämpfte der Teenager im Lager ums nackte Überleben. So wie 60 000 weitere Inhaftierte. 12 000 überlebten die katastrophalen Haftbedingungen bis zur Auflösung des Lagers im Jahr 1950 nicht.

„Es ist erschreckend, wie wenig die Menschen über das Thema der sowjetischen Speziallager in der DDR wissen“, meinte Constanza Filler in der Podiumsdiskussion, die sich nach der Filmpremiere entspann. Filler gehörte zu einem Seminarkurs des Oranienburger Georg-Mendheim-Oberstufenzentrums, der den Film in einjähriger Projektarbeit gemeinsam mit Zeitzeuge Reinhard Wolff und Regisseurin Loretta Walz umsetzte.

Museumslehrer Uwe Graf (v.l.), Regisseurin Loretta Walz, Martha Rübenstahl, Thore Klapötke (beide Schüler Seminarkurs), Reinhard Wolff, Constanza Filler (Schülerin Seminarkurs) und Dr. Enrico Heitzer (Gedenkstätte Sachsenhausen) während der Podiumsdiskussion. Quelle: Nadine Bieneck

Als sie den Seminarkurs begonnen hatten, hätten die meisten der Schüler gar nichts über die sowjetischen Speziallager in der DDR gewusst, räumten die Abiturienten ein. Das Thema gehöre zwar zum Rahmenlehrplan in den Schulen, jedoch sei es nicht verpflichtend, das Thema auch wirklich im Unterricht zu behandeln, erklärte Uwe Graf, der u.a. als Gedenkstättenlehrer in Sachsenhausen tätig ist und das Filmprojekt begleitete. Insbesondere die weit verbreitete Unwissenheit über die Speziallager in der Anfangszeit der sowjetischen Besatzungszone trieb zahlreiche Gäste im Publikum um. „Geschichte wird an Einzelschicksalen sichtbar“, erklärte eine sichtlich aufgewühlte Besucherin. „Dieser Film müsste zum Pflichtprogramm in jeder Schulklasse gehören. Wie kann es sein, dass so wenig Menschen davon wissen und auch so wenig darüber gesprochen wird?“ Dr. Enrico Heitzer, Mitarbeiter der Gedenkstätte Sachsenhausen und Moderator der Veranstaltung erklärte, dass die Gedenkstätte Material zu dem Thema anbiete. Der nun erschienene Film, für den die Macher im übrigen lang anhaltenden Applaus bekamen, soll nicht nur in die zukünftige Arbeit der Gedenkstätte einfließen, sondern auch schulischen Einrichtungen für den Unterricht angeboten werden. Wie der Film überdies genutzt werde, „das steht noch nicht endgültig fest, da stecken wir noch in den Planungen“. Als DVD solle er – Stand jetzt – jedoch nicht erscheinen.

Reinhard Wolff allerdings erhielt eine Kopie des Werkes aus den Händen der Schüler. „Die Arbeit mit den Schülern an dem Film war intensiv und schön. Was mich besonders freut: Es ist etwas Bleibendes, ein Stück Familienerinnerung. Auch für meine Enkel und Urenkel. Das macht mich sehr froh“, erklärte der 87-Jährige, der abschließend auch mahnte: „Die geschichtliche und politische Aufarbeitung der Sowjetdiktatur muss immer wieder erfolgen.“

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Ein Jahr lang arbeiteten Abiturienten des Georg-Mendheim-Oberstufenzentrums aus Oranienburg in ihrem Seminarkurs an einem Dokumentarfilm über Reinhard Wolff, der am 16. September 2017 (Sonnabend) in der Gedenkstätte Sachsenhausen uraufgeführt wurde. Der heute 87-jährige Wolff wurde 1945 mit 16 Jahren im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen inhaftiert, in dem er bis zu seiner Freilassung 1948 unter katastrophalen Haftbedingungen ums nackte Überleben kämpfte.

Mehr zum Film

Bereits im Juni 2016 hatte die MAZ über die Filmarbeiten berichtet: „Schüler drehen Zeitzeugen-Film“.

Sowjetische Speziallager

Der sowjetische Geheimdienst errichtete ab Mai 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone insgesamt zehn sogenannte Speziallager, in denen deutsche Zivilisten im Rahmen der Entnazifizierung, zum Teil aber auch ohne Rechtsgrundlage, gefangen gehalten wurden. Das Speziallager Nr. 7 befand sich zunächst in Weesow bei Werneuchen (Landkreis Barnim), wurde jedoch im August 1945 auf das Gelände des früheren nationalsozialistischen Konzentrationslagers Sachsenhausen verlegt. Nach der Auflösung der kleineren Lager im Sommer 1948 wurde es in Speziallager Nr. 1 umbenannt.

Bis zu seiner Auflösung im Frühjahr 1950 wurden in Sachsenhausen insgesamt rund 60000 Personen inhaftiert. Mindestens 12000 von ihnen starben an den katastrophalen Haftbedingungen, Krankheit, Hunger, psychischer und physischer Entkräftung.

Bei den Inhaftierten handelte es sich vorwiegend um untere Funktionäre des NS-Regimes, aber auch Mitarbeiter aus Verwaltung, Polizei, Justiz und Wirtschaft sowie SS-Personal aus den Konzentrationslagern. Unter den Häftlingen befanden sich außerdem politisch Missliebige und willkürlich Verhaftete sowie von sowjetischen Militärtribunalen Verurteilte.

Im Jahr 2001 eröffnete die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten das Museum ‘Sowjetisches Speziallager Sachsenhausen Nr. 7/ Nr. 1 (1945-1950)‘. Der Jahrestag der Ankunft der ersten Inhaftierten in Sachsenhausen am 10. August 1945 wird von den ehemaligen Häftlingen und ihren Angehörigen seit Anfang der 1990er Jahre als Gedenktag für die Opfer des Speziallagers begangen.

Von Nadine Bieneck

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