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Glücksbringer mit der Lizenz zum Fegen

Oberhavel Glücksbringer mit der Lizenz zum Fegen

Es ist nicht nur der Beginn eines neuen Jahres, der Lutz Tornow am Sonntag um Mitternacht die Sektkorken knallen lässt. Am 1. Januar 2018 ist es genau 30 Jahre her, dass er als selbstständiger Schornsteinfeger den Leuten zum ersten Mal aufs Dach stieg. Zur schwarzen Zunft gehört der flotte Feger aber noch viel länger – seit 43 Jahren.

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Schornsteinfegermeister Lutz Tornow schwenkt seinen Zylinder und grüßt freundlich vom Dach der Familie Fleckner in der Hohen Neuendorfer Straße 14 in Bergfelde. Allen Lesern ein glückliches neues Jahr!

Quelle: Enrico Kugler

Bergfelde. Wenn jemand von sich behaupten kann, dass er arbeitet, bis er schwarz wird, dann ja wohl ein Schornsteinfeger. Lutz Tornow ist so einer. Und das seit vielen Jahren. Am 1. Januar 2018 ist es 30 Jahre her, dass er erstmals als selbstständiger Schornsteinfeger Leuten aufs Dach stieg. Wenn das kein Grund ist, am Sonntag um Mitternacht die Korken knallen zu lassen! Der schwarzen Zunft hat sich der flotte Feger bereits vor 43 Jahren verschrieben. 1975, als er mit der Lehre begann.

Eigentlich wollte Lutz Tornow gar nicht Schornsteinfeger werden, sondern lieber Wasserbau studieren. Kanäle, Schleusen – das interessierte ihn. Aber für seinen Traumberuf hätte er drei Jahre zur Armee gemusst. Darauf hatte der heute 58-Jährige keinen Bock. „Dann wirst du eben Schornsteinfeger“, sagte sein Vater. Der hatte gut reden, verdiente er doch ebenfalls mit diesem Beruf sein Geld. Heute genießt der 84-Jährige Günter Tornow in Liebenwalde seinen Ruhestand. Bis dahin muss Sohn Lutz noch ein Weilchen Ruß von den Schornsteinwänden klopfen. Obwohl. Der Beruf, so Lutz Tornow, sei im Wandel begriffen, ein Auslaufmodell. Wenn nach dem Willen der Politiker bis 2030 alle Autos mit Verbrennungsmotor aus dem Straßenbild verschwinden sollen, sei damit zu rechnen, dass auch das Heizen mit fossilen Brennstoffen dann vorbei ist. Schon jetzt hätten die meisten Leute moderne Heizungen.

„Wenn ich da an die Zeit denke, als ich zu lernen begann“, erinnert sich Lutz Tornow. Damals sei der gebürtige Hohen Neuendorfer bei Wind und Wetter die 17 Kilometer nach Nassenheide, wo er bei Schornsteinfeger Winfried Vogel in die Lehre ging, mit dem Moped gefahren. Auch im Winter. Nach dem Umziehen in der kalten Waschküche ging’s selbst bei minus 15 Grad Celsius mit dem Fahrrad weiter zum Einsatzort. Zum Beispiel nach Teschendorf. Dort angelangt konnte der junge Lutz Tornow gar nicht schnell genug mit dem Rußabkratzen beginnen. Dazu musste er nämlich in die seinerzeit verbreiteten

Schornsteinfegermeister Lutz Tornow ist in Bergfelde daheim

Schornsteinfegermeister Lutz Tornow ist in Bergfelde daheim.

Quelle: Enrico Kugler

Kübelschornsteine kriechen. Da drinnen war es zwar furchtbar dreckig, aber auch herrlich warm.

Heute begegnen dem Schornsteinfegermeister bei der Arbeit nur noch selten richtige Schornsteine. Viel öfter ist er auf Böden oder in Kellern unterwegs, um Heizungen zu überprüfen. Schade, schwenkt doch Lutz Tornow gerne in luftiger Höhe den Besen – und seinen Zylinder. „Der hat mich schon vor so mancher Beule bewahrt“, sagt er. Und noch etwas macht ihn glücklich: „Wenn man dort oben steht und zusehen kann, wie die Sonne aufgeht – das ist einfach ein fantastischer Anblick! Und der Schnee auf den Dächern ist so herrlich weiß.“ Zu DDR-Zeiten sei das anders gewesen. Da habe der Schnee, auf den er blickte, immer grau ausgesehen. Schuld sei die schlechte Kohle gewesen, die damals noch flächendeckend verfeuert wurde.

„Da hat sich im Laufe der Jahre eine Menge geändert“, weiß Lutz Tornow. Überdauert habe freilich die Angewohnheit der Leute, den Schornsteinfeger als Glücksbringer zu betrachten. Nach ihm würden auch heute noch viele Hände ausgestreckt, um mit dem Glück in Berührung zu kommen. Ganz besonders krass sei dies, wenn er mal wieder in voller Arbeitsmontur auf einer Baumesse stehe und für seinen Berufsstand werbe. Und auch beim Festumzug zum 800. Oranienburger Stadtgeburtstag hätten sich die Leute förmlich um ihn gerissen.

Er selbst sei nicht abergläubig, sagt Lutz Tornow. Na ja, vielleicht ein bisschen. Er lese sein Horoskop immer erst dann, wenn ihm bereits irgendetwas zugestoßen ist. Dann wolle er wissen, ob das womöglich jemand vorausgesehen hat. Ob einem Glücksbringer wie ihm überhaupt was passieren kann? Er nickt. Als Lehrlinge sei er schon mal auf dem Dach ausgerutscht. Und er erinnere sich daran, dass ihn einmal jemand von hinten angesprungen hat. Als er sich umdrehte, stand ihm eine gewaltige Dogge Auge in Auge gegenüber. Gebissen habe die nicht, aber er kenne das Gefühl, wenn ein Vierbeiner zuschnappt.

Ansonsten ist Lutz Tornow die Rolle des Glücksbringers jedoch viel lieber als die des Opfers. Besonders gern macht er den Menschen Mut, wenn diese mal wieder in Ängstlichkeit verfallen sind. Zum Beispiel, weil ihnen eine schwarze Katze über den Weg gelaufen ist oder der Kalender Freitag, den 13., zeigt. Was er selber als Glück bezeichnet? Da muss der Schornsteinfeger nicht lange überlegen: „Kein Unglück zu haben.“ Also etwa nicht krank zu werden, keinen Unfall zu haben oder den Job zu verlieren. Das sei Glück. Und das winke bekanntlich auf Dauer nur dem Tüchtigen. Deshalb will er auch noch ein paar Jahre als schwarzer Mann an der Arbeit seine helle Freude haben. Darauf wird er am Sonntag um Mitternacht anstoßen. Ob er sich dazu, wie unter Schornsteinfegern üblich, einen guten Tropfen aus der Rußkelle gönnt? Verdient hätte es der Jubilar allemal.

Von Bert Wittke

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