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Streit um Fallschirm-Flugplatz von „GoJump“

Fluglärm-Gegner in Gransee Streit um Fallschirm-Flugplatz von „GoJump“

Der Flugplatz in Gransee ist besonders bei Touristen beliebt, die einen Kick beim Fallschirmspringen suchen. Für Anwohner ist der Platz ein Ärgernis. Alle paar Minuten bringt ein knatterndes Flugzeug die Springer in luftige Höhen. Eine Initiative fordert ein Sprungverbot am Wochenende. Im MAZ-Interview erklärt „NoJump“-Sprecher Peter Seel, warum.

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Um den Flugplatz in Gransee, der von der Firma Go Jump für Fallschirmsprünge genutzt wird, gibt es Ärger.
 

Quelle: dpa

Gransee.  Die Bürgerinitiative „NoJump“ in Gransee kämpft seit Jahren gegen den Fluglärm in der Region, der vom nahegelegenen Fallschirmsprung-Flugplatz Ziegelscheune kommt. Der Platz wird von der Berliner Firma „GoJump“ für Fallschirmsprünge genutzt. Besonders an warmen Wochenendtagen im Sommer starten dort im 30-Minuten-Takt die Flugzeuge mit den Springern.

Die Initiative hat jetzt einen Petition eingereicht, um den Flugbetrieb erheblich einzuschränken. BI-Sprecher Peter Seel sagt im Interview, was es damit auf sich hat.

MAZ: Die Sommerpause liegt hinter uns - gab es die auch für die Bürgerinitiative „NoJump“?

Peter Seel: Die gab es. Wir haben uns allerdings auch ein paar Mal getroffen. Dabei ging es insbesondere um die Petition, über die wir diskutiert haben. Viele Details waren zu besprechen, die Forderungen mussten formuliert werden.

Welche Forderungen sind das?

Seel: Es gibt vier Punkte, im Zentrum stehen: Lärmreduzierung, Einschränkung des Flugbetriebes, ordentliches Genehmigungsverfahren und politische Bekenntnis zu einem sanften Tourismus in unserer Region.

Können Sie das näher erläutern?

Seel: Die Lärmreduzierung beinhaltet ja alte Forderungen. Es geht es darum, leisere Flugzeuge einzusetzen und dass nicht immer die selben Flugrouten genutzt werden. Die Lärmreduzierung hängt mit der Einschränkung des Flugbetriebes zusammen. Wir wollen, dass an Wochenenden weniger sowie an Sonn- und Feiertagen nicht geflogen wird. Das ist ja der Ausgangspunkt der Diskussion. Ich denke, dass Kompromisse durchaus denkbar sind, allerdings das Angebot einer „flexiblen Mittagspause“ nicht. Das Oberlandesgericht hat zum Beispiel auf einem Flugplatz in Drewitz ein Flugverbot an Sonn- und Feiertagen verhängt - man sieht also, dass es solche Entscheidungen, die in unserem Sinne sind, gibt.

Die Lärmschutzverordnung sieht vor, dass eine Einschränkung erst ab 15.000 Flugbewegungen im Jahr erforderlich sind. Diese Zahlen erreicht der Platz in Ziegelscheune nicht annähernd.

Seel: Es gibt aber den Paragrafen 2, in dem Einschränkungen für örtliche Gegebenheiten reguliert werden. Wir finden, das trifft hier zu. Der Flugplatz ist umgeben von Siedlungsgebieten. Es wird ständig über Gransee und die Ortsteile geflogen. Das ist schon eine besondere Situation, da Menschen ständig dem Lärm ausgesetzt sind.

Was sind Ihre Erwartungen?

Seel: Dass das Landesparlament diese Einschränkung durchsetzt. Und wenn Juristen meinen, dass es nicht geht, dann pochen wir auf eine Veränderung der Verordnung.

Bei der dritten Forderung in der Petition möchte die Bürgerinitiative, dass es für den Flugplatz ein ordentliches Genehmigungsverfahren gibt. Aber im März 2014 gab es einen Genehmigungsbescheid. Die Diskussion darüber ist nicht neu. Was steht sinngemäß in der Petition?

Seel: Die Luftfahrtbehörde sagt, die Genehmigung sei eine Anpassung für die Anlage. Wir sagen, dass es sich um eine wesentliche Änderung der Genehmigung von 1992 handelt. Deshalb muss ein neues Genehmigungsverfahren nach den heutigen Richtlinien, einschließlich Umweltverträglichkeitsprüfung eröffnet werden. Dazu zählen Lärmschutz, Landschaftspflegeschutz und - hier haben wir ein Phänomen des Behördenstreits - der Naturschutz. Der Flugplatz hat sich im Laufe der Jahre von einem freizeitliche Ort für Fallschirmsprungsportler zum kommerziellen Betrieb entwickelt. Die Zahl der Flüge stieg enorm. Die Flugzeuge sind sehr, sehr laut. Die Genehmigung von 2014 behauptet, nur eine technische Anpassung zu sein, die tatsächliche Erweiterung des Flugbetriebes wurde überhaupt nicht berücksichtigt. Deshalb muss das Verfahren neu aufgerollt werden.

Der Kampf gegen den Fluglärm in der Granseer Region dauert schon etliche Jahre an. Die Erfolge sind relativ gering. Zermürbt das nicht langsam?

Seel: Es belastet schon. Vor allem, wenn man immer wieder Aussagen wie „Da kann man nichts machen“ hört. Tiefpunkt war das Jahr 2009, als die Stadtverordneten sich dafür entschieden hatten, sich nicht mehr mit dem Thema zu beschäftigen. Dann war tatsächlich zwei Jahre Ruhe - bis Marc Berger die Initiative wieder zum Leben erweckte. Das macht Mut. So ganz erfolglos sind wir ja dann doch nicht. So wurde die Arbeitsgruppe Flugplatz Gransee gegründet. Bürgermeister und Abgeordnete haben das Thema wieder aufgegriffen. In der Luftfahrtbehörde regt sich etwas in Sachen Lärmreduzierung. Das sind Dinge, die uns hoffen lassen.

Die Initiative NoJump

Auf der Internetseite der Bürgerinitiative gegen Fluglärm Gransee/Zehdenick wird der Besucher mit einer Aussage empfangen, die Medizinnobelpreisträger Robert Koch getätigt hat: „Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest.“ 

Am 26. Oktober 1992 wurde die Genehmigung für den Sonderlandeplatz in Gransee erteilt, damals an die Fallschirmsportgemeinschaft Berlin Gransee e. V.

Seit dem Jahr 2007 betreibt die GoJump GmbH den Flugbetrieb auf dem Sonderlandeplatz Gransee. Die Beauftragung hierzu erfolgte durch die Fallschirmsprunggemeinschaft Berlin, die damit den Weg für die kommerzielle Nutzung freimachte. 

I n Brandenburg allein gibt es laut der Bürgerinitiative 49 Flugplätze. Mecklenburg-Vorpommern hat nur 21, weniger als die Hälfte! Ganze zwölf Flugplätze gebe es in Oberhavel und den angrenzenden Landkreisen. Drei dieser Flugplätze befinden sich in weniger als 30 Kilometer Entfernung zu Gransee. 

Eine nicht begrenzte Anzahl von Flugzeugen (je bis zu 5,7 t Gewicht höchstzulässiger Startmasse) darf von wenigen Minuten nach Sonnenaufgang bis wenigen Minuten vor Sonnenuntergang ohne Ruhezeiten vom Landeplatz aus starten und landen.  

Laut Bürgerinitiative gibt es keine verbindlichen Einschränkungen bezüglich des Überfliegens von Ortschaften und Naturschutzgebieten oder sonstige Lärm begrenzende Maßnahmen. Deutschland habe die größte Flugplatzdichte weltweit.

Sie  sind  Mitglied der Arbeitsgruppe. Wie beurteilen Sie die bisherigen Runden und Ergebnisse?

Seel: Noch hat sich nicht so viel ergeben. Sicherlich auch deshalb, weil die Stadt nicht in die Genehmigung eingreifen kann. Das ist nicht ihre Kompetenz. Aber sie sollte sich zumindest bei den anderen Instanzen, z.B. Landkreis und Landesregierung, bemerkbar machen, um auf diese Art etwas zu bewirken.

Wie nah sind die Interessen der Arbeitsgruppe und die der Bürgerinitiative?

Seel: Es gibt schon deutliche Unterschiede innerhalb der Gruppe, zwischen den Auffassungen der BI und den anderen Mitgliedern. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir gern in die radikale Ecke geschoben werden mit unseren Forderungen. Aber gut, ich kann mit dem Dissens leben. Letztlich geht es darum, dass wir gemeinsam etwas erreichen. Ich hoffe nur, dass es keine Alibiveranstaltung ist.

Sie sagten, beim Thema Naturschutz gibt es eine besondere Form des Behördenstreits. Was meinen Sie damit?

Seel: Bei der Genehmigung für den Flugplatz von 2014 wurde auf die Auflagen für den Naturschutz gänzlich verzichtet. Das Luftfahrtbehörde begründete dies damit, dass im Laufe der Jahre keine Beeinträchtigungen bekannt geworden seien unter Bezug auf ein Schreiben der Unteren Naturschutzbehörde in Oberhavel. Ich habe Akteneinsicht genommen. Die Kreisbehörde schrieb damals, dass sie für den Fall nicht zuständig sei und deshalb auch keine Informationen hätte. Das wurde dann sowohl im Ministerium wie in der Luftfahrtbehörde so aufgefasst: Es liegen keine Beeinträchtigungen des Naturschutzes vor. Folglich bestünde kein Bedarf, Auflagen zu erteilen. Das ist natürlich absurd.

Mike Vetter ist Geschäftsführer und Coach bei GoJump. Er war im Laufe der vergangenen Jahre das Gesicht und die Stimme des Fallschirmsprung-Unternehmens. Er war Ansprechpartner, hatte einen Platz in der Arbeitsgruppe, den er nicht besetzte. Seine Ansichten deckten sich so gut wie gar nicht mit denen der Fluglärmgegner. Laut eigenen Aussagen geht er in diesem Monat nach Amerika und wird dort ein anderes Fallschirmsprung-Unternehmen betreuen. Haben Sie Hoffnung, dass sich durch diese Personalie etwas an der Situation ändert?

Seel: Ich habe keine Ahnung, ob ein Neubeginn möglich ist. Wir werden auch nicht auf den möglichen Nachfolger zugehen, das müsste er schon selbst machen. Oder auf die Stadt. Die Petition ist weggeschickt, ein Brief ans Umweltministerium gegangen, um die Naturschutzproblematik zu klären. Das sind die beiden Dinge, an denen wir jetzt unsere Hoffnungen knüpfen, damit sich etwas bewegt.

Sind Sie schon einmal mit dem Fallschirm gesprungen?

Seel: Nein, weder selbst noch mit dem Tandem. Ich habe das auch nicht vor.

Von Stefan Blumberg

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