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Die Tradition stirbt aus

Zehdenick Die Tradition stirbt aus

2017 wird womöglich als das Jahr mit den meisten Geschäftsaufgaben in der Zehdenicker Innenstadt in die Geschichte eingehen. Nach dem Aus der Fleischerei Schiller hat auch Einzelhändlerin Ursula Wächter ihren Abschied angekündigt. Nach 60 Jahren wird sie ihr Bekleidungsgeschäft zum Jahresende schließen. Die Bäckerei Kindler soll folgen.

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60 Jahre lang hat Ursula Wächter die Zehdenicker eingekleidet. Ende des Jahres ist Schluss.

Quelle: Cindy Lüderitz

Zehdenick. Nach 60 Jahren im Einzelhandel verabschiedet sich Ursula Wächter zum Jahresende aus der Zehdenicker Geschäftswelt. Das traditionsreiche Bekleidungsgeschäft in der Innenstadt wird im Dezember geschlossen. Einen Nachfolger, sagt die 77-Jährige, habe sie bislang nicht finden können. Sie selbst möchte aus Altersgründen ruhiger treten. Auch die Traditionsbäckerei Kindler wird in absehbarer Zeit ihre Türen schließen, weil offenbar niemand die Backstube übernehmen möchte. Fünf Generationen der Familie haben das Handwerk gelebt und geliebt. Vor und hinter dem Tresen sorgte diese Entwicklung am Donnerstag für Tränen und Traurigkeit.

Die Havelstadt büßt damit weiter an Vielfalt ein. Schon jetzt ist das Leerstandsproblem im Zentrum unübersehbar. In vielen Schaufenstern zwischen Hastbrücke und Postkreuzung prangen Schilder mit dem Hinweis: „Zu vermieten“ oder aber die Rollläden sind dauerhaft runtergeklappt. Ursula Wächter bedauert die Schließung. Sie wisse, dass dies auch für die Stadt einen Einschnitt bedeute. Bei der Einzelhandelkonzeption, die vor gut zehn Jahren für die Havelstadt erstellt worden ist, sei zum Ausdruck gekommen, wie wichtig Bekleidungsgeschäfte für die Betriebsamkeit und Attraktivität der Innenstadt sind. „Das Geschäft war mein Leben“, betont die Geschäftsfrau sichtlich berührt. Ihre Eltern hatten es vor 80 Jahren übernommen und Ursula Wächter hat es in ihren sechs Jahrzehnten gerne geführt. Sie sagt aber auch, dass sich die Zeiten ändern, und es die verbliebenen Familiengeschäfte schwer haben, gegen die Konkurrenz in den Großstädten sowie im Internet zu bestehen.

Womöglich ist das auch ein Grund dafür, warum das Sportfachgeschäft Gohlke nach 22 Jahren seine Schließung bekannt gegeben hat. Der Laden gegenüber der Bäckerei Kindler soll bereits im Oktober dicht machen. Die Traditionsfleischerei Schiller hat bereits geschlossen. Immerhin wird das Geschäft am Markt nicht leer bleiben, sondern von der Fleischerei Tiemann übernommen. Auch Ursula Wächter hat die Hoffnung auf einen Nachmieter noch nicht aufgegeben. Gemeinsam mit der Regio-Nord soll ihr Geschäft vermessen werden und dann ein Inserat auf der Mein-Stadtladen-Seite geschaltet werden. Sieben Inserate aus der Havelstadt finden sich dort derzeit. Von kleineren Einheiten mit rund 57 Quadratmetern bis hin zum großen Ladengeschäft mit 113 Quadratmetern ist alles zu haben. Aber selbst gestandene Einzelhändler sagen, dass sie heute kein Geschäft mehr eröffnen würden. Zu unsicher sei die Lage und zu gering die Kaufkraft. „Wenn das Geschäft dir nicht gehört, arbeitest du erst mal viele Tage für die Miete, bevor überhaupt an Einkommen zu denken ist“, sagte ein Händler, der namentlich nicht genannt werden möchte, gegenüber der MAZ. Das Thema Innenstadt und Geschäftssterben beschäftigt sowohl die Politik und die Einwohner als auch Vermieter wie die Gewo und Gremien wie die Unternehmerrunde. Ein Weg aus dem Dilemma ist bislang nicht gefunden. „Vielleicht müssen wir uns auch einfach daran gewöhnen, dass die Innenstadt in Zukunft vor allem den Dienstleistern gehören wird“, mutmaßt ein Händler.

Von Cindy Lüderitz

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