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Museum auf Zeit

Vogelsang Museum auf Zeit

Bevor auch die letzten Häuser der einstigen Militärstadt im Wald bei Vogelsang verschwunden sind, nutzten viele Besucher die Veranstaltung des Konversionssommers in Brandenburg für einen Rundgang über das inzwischen verfallene Gelände. Die Reste der Garnison sind ein Museum auf Zeit – in einigen Jahren wird wieder Wald sein, wo früher auch Wald war.

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Der Saal des ehemaligen Casinos beeindruckt mit seiner Größe und der Bühne.

Quelle: Cindy Lüderitz

Vogelsang. Es sind viele Gerüchte im Umlauf, wenn es um die ehemalige Garnison in Vogelsang geht. Reiner Lebelt kennt die Geschichten von vergrabenen Panzern, verscharrter Munition und nicht geborgenen Verstecken. Was genau dran ist, wissen vermutlich nur jene, die zu der Zeit dort waren. Und die meisten von ihnen schweigen noch heute. Lebelt erzählt, was er weiß und erlebt hat. Seit 1963 ist er in Vogelsang, zwölf Jahre zuvor haben die Bauarbeiten für die Militärstadt begonnen, die inklusive des Truppenübungsplatzes am Ende so groß war wie die Berliner Bezirke Friedrichshain und Mitte.

In der früheren Schule ist der Verfall allzu deutlich

In der früheren Schule ist der Verfall allzu deutlich.

Quelle: Cindy Lüderitz

An einigen Häusern der Garnison hat Lebelt, früher auch Bürgermeister des Dorfes, mitgebaut. Bilder und Zeichnungen dokumentieren den Wohnungsbau nach DDR-Konzept. 7000 Hektar Wald waren für die komplette Infrastruktur einer Stadt beschlagnahmt, gerodet und bebaut worden. Bis zu 20 000 Menschen sollen dort gelebt haben. 23 Jahre nach dem Abzug der letzten Truppen, 13 Jahre nach dem Beginn der größten Rückbaumaßnahme ist von der Garnison nicht mehr viel übrig. Die Konversion ist eine Ausgleichsmaßnahme für den Autobahnbau am Berliner Ring.

Das Relief am früheren Kulturhaus

Das Relief am früheren Kulturhaus.

Quelle: Cindy Lüderitz

Viele der ehemaligen Wohn-, Sozial- und Kulturgebäude sind weg, in diesem Frühjahr verschwanden zwei Garagen der Truppenluftabwehr. Das Magazin, die alte Schule oder auch das Casino mit dem imposanten Saal stehen noch – und sind wie ein Museum für Entdecker, Fotografen, Abenteurer. Der Charme des Verfalls zieht viele an. Kyrillische Zeichen, Farbzeichnungen aus russischen Märchen und andere Spuren vermitteln noch einen kleinen Eindruck vom Leben dort. „Wir haben hier allerhand erlebt“, erinnert sich Reiner Lebelt. „Nicht nur Schlechtes“, fügt er hinzu. Natürlich gab es Zwischenfälle und wenn in der Nacht geschossen wurde oder Kolonnen fuhren, standen manche Vogelsanger im Bett.

Reiner Lebelt kennt sich in der früheren Garnison aus

Reiner Lebelt kennt sich in der früheren Garnison aus.

Quelle: Cindy Lüderitz

Auf der einen Seite gab es freundliche Begegnungen und familiäre Kontakte, auf der anderen auch eine klare Trennung zwischen dem Leben in der militärischen Zone und drumherum. Einmal war Lebelt auf der Baustelle und hörte, wie so oft, die Musik vom Appellplatz. Davon beschwingt, zog es ihn zu den Leuten hin. Er wollte einfach zuschauen. Bis ihm ein Soldat von hinten auf die Schulter tippte und ihn bat, zu gehen. Auch in das Visier eines Wachpostens war er mal geraten und hatte Glück, dass einer der Offiziere ihn kannte.

Kurz vor der Abfahrt in den früheren Sperrbereich warnt er noch vor Stolperfallen, knarzenden Böden, zersplittertem Glas und den Schimmelpilzen, die sich in den verbliebenen Häusern ausgebreitet hätten. Besuch auf eigene Gefahr. Aus den Dächern der Ruinen wachsen Bäume und auf dem Boden mancher Zimmer das Moos. Die Reste der „Geisterstadt“ ziehen auch in diesem Konversionssommer zahlreiche Neugierige an. Die einen folgen Rainer Lebelt mit dem Fahrrad, die anderen wandern mit dem Historiker Mario Hoffmann zum ehemaligen Raketenstützpunkt und den alten Bunkern, die nicht mehr offen sind. Der Eigentümer hat sie schließen lassen.

Den Abriss und damit das Verschwinden der „russischen Stadt im Wald“ bedauern viele. Manche hätten sich hier einen „Geschichtspark“ vorstellen können und meinen, dass der zu einer Touristenattraktion im Stile der Berliner Mauer oder des Checkpoint Charlie hätte werden können. Versuche, das Gelände oder Teile davon zu bewahren, gab es. Rainer Lebelt erinnert sich an die Bemühungen der Beschäftigungsgesellschaften und an die Eurokon, die große Pläne hatte.

Auf dem Boden eines Klassenzimmers wachsen Moos und Pilze

Auf dem Boden eines Klassenzimmers wachsen Moos und Pilze.

Quelle: Cindy Lüderitz

Ein Zentrum für die Künste und eine Plattform für Existenzgründer sollten im Europadorf entstehen. Wirtschaftlich stießen solche und ähnliche Vorhaben bald an ihre Grenzen. Aber auch der Abriss ist ein teures Vorhaben. Mehr als sechs Millionen Euro hatte die Brandenburgische Bodengesellschaft bis 2016 ausgegeben. Bevor alles weg ist, versuchen andere zu retten, was zu retten ist. Mario Hoffmann hat den Lenin abholen lassen. Die Plastik war Teil eines Reliefs am Kulturhaus. Jetzt steht sie in Wünsdorf.

Von Cindy Lüderitz

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