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Pünktchen-Sause in der Dorfstraße

Kurtschlag Pünktchen-Sause in der Dorfstraße

Rebellische Einwohner haben ohne behördliche Genehmigung eine Straße in Kurtschlag umbenannt und den Moment der Anarchie mit Schampus begossen. Ihr stärkstes Argument für den zivilen Ungehorsam: Das war schon immer so!

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Was auf den ersten Blick wirkt wie ein friedliches Schampus-Picknick an der Dorfstraße, ist das Finale einer Aktion zur Rettung der Kurtschläger.

Quelle: Karin Lentz

Kurtschlag. Manfred Lentz und seine Komplizen genießen ihre womöglich letzten Tage in Freiheit – wohlwissend, dass sie längst in das Visier der Behörden geraten sein und wegen zivilen Ungehorsams demnächst abgeführt werden könnten. In einer konspirativen Aktion haben sich Lentz und seine Mitwisser einen Schildbürgerstreich sondergleichen erlaubt. Ohne behördliche Genehmigung wurde ein amtliches Straßenschild an einem neuralgischen Punkt mit zwei Tiefkühletiketten beklebt. Mit weitreichenden Folgen für die Nomenklatur: So wurde aus dem „a“ in Kurtschlager ein „ä“ und damit die Kurtschläger Dorfstraße. Die absichtlich herbeigeführte Umbenennung feierten die Gruppenmitglieder und Augenzeugen mit Schampus. Ein schlechtes Gewissen hatten sie nicht. Auch unbeteiligte Mitbürger bejubelten die Aktion später als Erfolg, weil nun endlich wieder alles so ist, wie es immer schon war und sein sollte.

Manfred Lentz musste als Neubürger erst lernen, wie der Kurtschläger tickt. Der bestünde seit Urzeiten darauf, dass über dem ungeliebten a zwei Pünktchen stehen – zumindest beim Sprechen. „Niemand hier bezeichnet sich selbst als Kurtschlager“, so seine Erfahrungen. Die Umbenennung der Dorfstraße sei deshalb eine Aktion zur „Rettung des Kurtschlägers“ gewesen, verteidigt er den Moment der Anarchie. Lentz gesteht aber auch, dass er erst auf Druck der Ureinwohner die Fronten gewechselt habe. Als er gemeinsam mit Christina Steddin vor geraumer Zeit die Internetseite „kurtschlag.de“ eröffnete, war er noch auf Seiten der Kurtschlager. Er hielt das für die grammatikalisch richtige und damit unangreifbare Version. Bis im Gästebuch der erste Protestbrief mit folgendem Wortlaut auftauchte: „Es hat sich vor einigen Jahren der Begriff ‚Kurtschlager’ eingeschlichen, an dieser Stelle möchte ich aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass wir ‚Kurtschläger’ sind! Nach deutschen Rechtschreiberegeln mag das durchaus seine Berechtigung haben, aber es handelt sich hier um einen Eigennamen, und wir waren schon immer ‚Kurtschläger’!“

Lentz dachte kurz über sachliche Erläuterungen und europäische Vergleichsrichtlinien nach: etwa, dass die Prager ja auch keine Präger seien. Relativ schnell war ihm aber klar, dass er noch so viel auffahren könnte, gegen eines der gewichtigsten Argumente kann er nicht ankommen: Das war schon immer so! „Ein Satz wie in Granit gemeißelt, wie ein Wort aus einer heiligen Schrift, gegen den sich schlichtweg nichts ins Feld führen lässt“, sagt er. Nachdem er geläutert war, überkam ihn die Idee, die ganze Sache schriftlich festzuhalten und ein Zeichen zu setzen.

Hier werden die Tiefkühl-Etiketten gerade auf das Straßenschild geklebt

Hier werden die Tiefkühl-Etiketten gerade auf das Straßenschild geklebt.

Quelle: Karin Lentz

Gemeinsam mit seiner Frau, die nach beruflicher Laufbahn im juristischen Bereich als Rechtsbeistand involviert wurde, schnappten sich Lentz und andere Kurtschläger eine Leiter und zogen an die große Kreuzung, wo sich täglich zahlreiche Autofahrer über die löchrige Landesstraße 215 quälen und der Abzweig mit besagter Beschilderung ins Dorf führt. Genau dort wollten die Bürger ein für alle Mal deutlich machen, wer sie sind. Beweisfotos zeigen, wie Manfred Lentz die Tiefkühletiketten über dem kleinen „a“ anbringt. Der Nachbar, der den früheren Gasthof an der Ecke übernommen hat, bekam Wind von der Sache und eilte hinaus. Aber da war alles schon geschehen. Zur Feier des Tages öffneten die Schorfheide-Rebellen eine Flasche Champagner. Der Dorffrieden ist seitdem wieder hergestellt.

Von Cindy Lüderitz

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