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Hennigsdorf „Wir fühlen uns wie im Gefängnis“
Lokales Oberhavel Hennigsdorf „Wir fühlen uns wie im Gefängnis“
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00:20 14.07.2018
Die Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in Hennigsdorf/ Stolpe Süd Quelle: Ulrike Gawande
Hennigsdorf

Acht Frauen aus dem Gemeinschaftswohnheim in Hennigsdorf (Stolpe-Süd) haben einen offenen Brief an zuständige Behörden geschrieben, in dem sie die Zustände in der Asylbewerberunterkunft kritisieren. Doch eine Antwort hätten sie bis heute nicht bekommen, erzählen Mary (34), Lilian (30) und Loise (29), die mit zu den Unterzeichnerinnen gehören. Sie kommen alle drei aus Kenia und leben bereits zwischen zwei und sieben Jahren in der Hennigsdorfer Unterkunft. Gemeinsam mit ihren kleinen Kindern, die jedoch einen deutschen Pass haben.

Elf Mütter und vier Schwangere leben in der Hennigsdorfer Unterkunft

Insgesamt wohnen in den Häusern eins, fünf und sechs der Unterkunft, in der derzeit insgesamt 295 Asylbewerber und 115 anerkannte Flüchtlinge untergebracht sind, elf Mütter und vier schwangere Frauen, rechnen die Briefe-Schreiberinnen zusammen. Jede Mutter habe dabei ein Zimmer von 12 Quadratmetern für sich und ihr Kind. Auch Kühlschrank, Wäscheständer, Betten und Schränke müssen auf dieser Fläche untergebracht werden. Das sei zu wenig, beklagen die Frauen: „Kinder brauchen Platz. Kinder wollen Kinder sein. Wir kämpfen für sie und ihre Freiheit.“ Und so spielen die Kleinen im Flur, in der Küche oder im Treppenhaus. Was oft zu Streitigkeiten führe, berichtet Mary, denn irgendjemand fühle sich immer gestört. Mal stört der Kinderlärm die tagsüber Ruhenden. Abends und nachts sorgen sich dann wiederum die Mütter um den Schlaf ihrer Kinder.

„Leben im Lager ist Menschenrechtsverletzung“

„Wir sehen unser Leben und das Leben unserer Kinder im Lager als eine Menschenrechtsverletzung an“, schreiben die Frauen. Gegen diesen Vorwurf verwehrt sich deutlich Constanze Gatzke, Sprecherin des Landkreises Oberhavel, der Betreiber der Unterkunft ist. „Gemeinschaftsunterkünfte sind keine Lager.“ Zuletzt hätte im April eine Überprüfung zur Einhaltung der Mindestbedingungen stattgefunden, diese sei ohne Beanstandungen der Landesaufsichtsbehörde vonstatten gegangen, so Gatzke. Nach Möglichkeiten versuche man auch Familien in der Nähe des Wachschutzes oder in Familienbereichen unterzubringen. So betrage der Anteil von Frauen und Kindern in der Hennigsdorfer Unterkunft derzeit 17,8 Prozent. Doch ein reines Frauenhaus sei nicht geplant.

Sehnsucht nach eigener Wohnung

Das ist auch nicht der Wunsch der Frauen, sondern sie sehnen sich nach einer eigenen Wohnung für sich und ihre Kinder. „Warum behandelt man unsere Kinder anders?“ Es sei schwer, alles miteinander, mit Fremden in der Unterkunft zu teilen, wie Bad, Toilette und Küche, ergänzen sie. „Wir fühlen uns wie im Gefängnis“, sagen Mary, Loise und Lilian. Alle drei betonen, dass sie arbeiten wollen, um für sich und ihre Kinder die Wohnung zu finanzieren. Lilian: „Wir können es. Wir möchten eine Chance bekommen, die zu sein, die wir sein möchten. Ich möchte nicht klein gehalten werden. Jetzt sind wir jung und man wird fertig, wenn man uns so lange hier lässt.“ Hinzu kämen Probleme mit Ex-Partnern und mit Männern, die sie aufgrund ihrer „hoffnungslosen Situation als Sexobjekte“ wahrnähmen, schreiben sie. Lilian: „Wir werden nicht als stark wahrgenommen. Sondern man sagt uns immer: Ihr kommt ja nur aus dem Heim“.

Angst wegen Sprachbarrieren

Sie berichten auch von Gewalt, die ihnen von den Männern angetan werde. „Sie sehen uns sitzen, denken wir haben nichts zu tun. Sie stoppen uns auf der Treppe und klopfen an unsere Türen. Wir fühlen uns hier nicht sicher“, erklären Mary, Loise und Lilian. Denn auf der Etage, auf der sonst nur Frauen und Kinder wohnen, befinden sich trotzdem Herren-WCs und ein Herrenbad. Schnell entwickeln sich so Konflikte, bei denen sie sich oft aber aufgrund der Sprachbarriere nicht trauen, die Vorfälle bei Wachschutz oder Polizei anzuzeigen, berichten die jungen Mütter. Constanze Gatzke kann daher auch nur drei dokumentierte Vorfälle in den Jahren 2017 und 2018 bestätigen. „Es gab Beschimpfungen und eine Zerstörung eines Kinderwagens.“

Teufelskreis wegen fehlender Wohnung

„Aber wir wollen jemand sein“, wünscht sich Loise. Mary: „In 20 Jahren fragt mich mein Kind: Was hast du für mich gemacht. Ich möchte, dass es eine Chance bekommt und gleich behandelt wird wie die anderen Kinder.“ Doch befänden sie sich in einem Teufelskreis, da nur mit bestandenem Sprachkurs ein Ausbildungsplatz – sie wollen alle drei Altenpflegehelferinnen werden – zu bekommen sei und nur mit Einkommen eine Wohnung. Aber auch ein Kitaplatz sei in Hennigsdorf schwer zu bekommen. Lilian: „Hier zu lernen ist schwer.“

Unterstützung von „Womens in Exile“

In dem Wunsch nach eigenen Wohnungen werden die Frauen vom Flüchtlingsrat Brandenburg, der Antidiskriminierungsberatung Brandenburg und der Organisation „Womens in Exile“ bestärkt, die auch den offenen Brief unterzeichneten. „Ein Leben unter den beschriebenen Bedingungen ist diskriminierend und isolierend“, heißt es in ihrer Erklärung. Doch Asylbewerber sollen gemäß § 53 des Asylgesetzes in der Regel in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden, erklärt Landkreissprecherin Gatzke. Für Einzelfälle, beispielsweise für Familien, halte der Landkreis jedoch 19 Übergangswohnungen bereit.

Anspruch auf eigene Wohnung

Im Landkreis Oberhavel lebten alleine im Mai 369 Personen, die bereits ihre Anerkennung als Flüchtling haben, und die somit in eine Wohnung ziehen müssten und keinen Anspruch mehr auf einen Platz in der Gemeinschaftsunterkunft haben. Dazu gehören auch zwei Unterzeichnerinnen des offenen Briefes, die ein Aufenthaltsrecht haben. „Die anderen Frauen sind zur sogenannten Wohnsitznahme in der Gemeinschaftsunterkunft verpflichtet, weil ihr Asylverfahren noch läuft oder sie zur Ausreise verpflichtet sind“, erläutert Gatzke.

In Hennigsdorf fehlen Wohnungen

Doch auf dem Hennigsdorfer Wohnungsmarkt ist eine stetig steigende Nachfrage zu verzeichnen, die nicht nur den anerkannten Flüchtlingen, sondern allen Wohnungssuchenden, besonders mit niedrigem Einkommen, zu schaffen macht. Bereits 2014 wurde vom Potsdamer Infrastrukturministerium der Stadt ein angespannter Wohnungsmarkt attestiert. Auch bei der Hennigsdorfer Wohnungsbaugesellschaft (HWB), die 3000 Wohnungen in der Stadt (etwa 21 Prozent) besitzt, tendiert der Leerstand gen Null, erklärt Geschäftsführer Holger Schaffranke. „Lediglich Wohnungen, die nach Freizug für eine Neuvermietung saniert werden oder bei geplanter Modernisierung stehen temporär leer.“

Lange Wartelisten für Wohnungen der HWB

Die Fluktuationsquote der HWB liege bei fünf bis sieben Prozent, so dass jährlich etwas 150 bis 210 Wohnungen frei und neu vermittelt werden. „Die Wohnungsnachfrage ist in Hennigsdorf insgesamt deutlich höher als das verfügbare Angebot.“ Darum gibt es auch eine Warteliste bei der HWB, auf der sich Wohnungssuchende – Einheimische wie Geflüchtete – eintragen lassen können. 257 Menschen sind es derzeit und die Wartezeiten dementsprechend lang – teilweise mehrere Jahre. Für große Familien gibt es gar kein Angebot. Geflüchtete stünden aber auf diesen Wartelisten, betont Schaffranke und widerspricht damit den Vorwürfen der Briefeschreiberinnen, die das Gefühl haben, keine Chance auf eine Wohnung zu haben.

Viele Geflüchtete unter den HWB-Mietern

So gehören schon jetzt neben Russen, Türken und Vietnamesen viele Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan, Iran und Kenia zu den Mietern der HWB, weiß der Geschäftsführer. 2017 vergab die HWB sieben Wohnungen an Geflüchtete. 2018 seien bereits vier Mietverträge unterschrieben worden. Schaffranke kritisiert jedoch, dass die HWB der einzige Vermieter sei, der in Hennigsdorf an Flüchtlinge vermiete. Im Albert-Schweitzer-Quartier sollen weitere kleine Wohnungen der HWB mit sozial verträglichen Mieten entstehen, die auch den Richtlinien zur Kostenübernahme durch das Jobcenter entsprechen. Schaffranke sieht aber auch den Landkreis in der Pflicht, der wiederum auf den jüngst unterzeichneten Vertrag mit der Stadt Hohen Neuendorf zur Gründung einer gemeinsamen Wohnungsbaugesellschaft verweist.

Wohnungsführerschein als Angebot

Doch eine staatliche Wohnungsvermittlung gebe es nicht, betont Gatzke. „Hier ist das Engagement der Frauen gefragt.“ Als Angebot im Bereich der Migrationssozialarbeit gibt es für Flüchtlinge den sogenannten „Wohnungsführerschein“ in vier Modulen, der freiwillig ist, aber den Flüchtlingen helfen soll, leichter geeigneten Wohnraum zu finden. Gatzke: „Keine der Frauen hat dieses Angebot angenommen.“

Von Ulrike Gawande

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