Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Hölderlin im Rinderstall

Schauspieler Robert Gallinowski eröffnete den 6. Liebenberger Literaturherbst Hölderlin im Rinderstall

Die Besonderheiten der Deutschen. Schon Friedrich Hölderlin beschäftigten sie. "So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ich's, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutsche."

Voriger Artikel
Verärgerte Bürger in Grüneberg
Nächster Artikel
Feuerwehrmann freigesprochen

Ein Meister der lauten und derl eisen Töne: Robert Gallinowski am Schlagzeug.

Quelle: Karl Friedrich Pfitzmann

Liebenberg. Mit diesen Sätzen aus Hölderlins 1797/99 geschriebenen "Hyperion" begann am Sonntag der 6.Liebenberger Literaturherbst, die erste der insgesamt acht Veranstaltungen.

Nach dem Vortrag war er von fragenden Besuchern umringt: Robert Gallinowski, der den Literaturherbst mit seiner anspruchsvollen Lesung eröffnete. Der Schauspieler, Maler, Musiker, der selbst Gedichte schreibt, hatte zwei außergewöhnliche deutsche Dichter ausgewählt, um sie dem Publikum wieder ins Gedächtnis zu bringen. Friedrich Hölderlin (1770 bis 1843) und Johannes Bobrowski (1917 bis 1965). Von Hölderlin heißt es, dass die deutsche Sprache mit ihm ihren Höhepunkt erreicht habe, von Bobrowski, dass er von der Verskunst des ersteren lernend die Literatur durch seine "poetische Sensibilität" bereichert habe. Zwei Dichter über die Jahrhunderte durch die Schönheit ihrer Sprache nebeneinander zu stellen, ist Robert Gallinowski auf exzellente Weise gelungen. Nicht zuletzt, weil er der Wortvirtuosität seiner auserwählten Autoren und der Kunst seiner eigenen Vortragsweise eine dritte Ausdrucksdimension hinzufügte: Indem er immer wieder das Lesepult und damit die Versrhythmen von Hölderlin und Bobrowski verließ, um sie gleichsam in Klangrhythmen umzusetzen. Noch ganz dem Literarischen hingegeben, bediente er sich unterschiedlicher Schlaginstrumente, um mal elegisch oder zart, mal aufmüpfig oder provokant, entweder die Worte aufzubrechend, ihnen Klangfarben beizumischen oder sie einfach in Akustik umzuwandeln.

Auch wenn die eingesprenkelten Klangelemente Abwechslung boten, so bildeten die in unmittelbarer Folge vorgetragenen Texte und Gedichte keine leichte Kost für die Zuhörer. Es war mäuschenstill am Sonntagnachmittag im Historischen Rinderstall. Dabei schien es, als wollten sich die Zuhörer keinen Vers, keinen von Hölderlin oder Bobrowski zu Papier gebrachten und vom Schauspieler meisterhaft vorgetragenen Gedanken entgehen lassen.

Sich die Verse zu eigen zu machen, dazu waren es zu viele. Doch nicht darauf kam es in erster Linie an, sondern darauf, einer Sprache und ihrem Rhythmus zu lauschen. Und die spielte Gallinowski wie feinste Kammermusik, metaphern- und genussreich bei Zeilen wie "Mit gelben Birnen hänget/Und voll mit wilden Rosen/Das Land in den See…"

Mit dem Vers "Komm! Ins Offene, Freund!", der der Veranstaltung zugleich als Motto diente, wurde der Dialog eröffnet zwischen Hölderlin und Bobrowski. In ihrer bildreichen Sprache begegneten sie sich; "Aus den Gärten komm ich zu euch, ihr Söhne des Berges!/Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich…", konnte Hölderlin sagen und Bobrowski darauf antworten, "Mit dem Wind kam ich herauf auf den Berg./Hier werd ich leben. Ein Jäger/war ich, einfing mich/aber das Gras…"

Die Dichter, sagte Gallinowski, hätten Sachen beschrieben, die schwer zu beschreiben sind. Aber man solle nicht hinterfragen, was sie damit sagen wollten, sondern mit ihnen in Berührung kommen ‒ hinhören oder nachlesen und die Hände reinhalten in die Texte wie in heißes oder kaltes Wasser. "Das ist spannend im wahrsten Sinne des Wortes", sagte eine Besucherin. Für sie sei die Lesung ein tolles Erlebnis gewesen.

Er schrieb im Gehen

MAZ : Wie sind Sie zu Hölderlin gekommen?
Robert Gallinowski : Ich lese ihn schon seit meinem 15. Lebensjahr. Aber als mir Professor Karl Mickel anlässlich eines Prüfungsvortrages versicherte, seiner Meinung nach könnten nur Stephan Hermlin und ich Hölderlin so lesen, war das für mich eine Inspiration. Hermlin lebt nicht mehr, also entschloss ich mich, etwas aus diesem Kompliment zu machen.  

Warum Hölderlin?
Gallinowski : Hölderlin lässt mich nie los, auch auf Spaziergängen zitiere ich ihn. Ich bin fasziniert von seiner Sprache. Er reicht mit seiner Gedankenfülle bis in unsere Zeit hinein.

Wie kommt Johannes Bobrowski ins Spiel?
Gallinowski : Bobrowski ist ebenfalls ein großer Sprachkünstler und zu Unrecht in Vergessenheit geraten. In der DDR wusste man, was man an ihm hatte, aber in Westdeutschland ist seine Bedeutung nach seinem Tod schlagartig abgeebbt. Ich versuche, ihn wieder ins Bewusstsein zurückzuholen.

Haben Sie die Musikeinlagen dafür extra komponiert?
Gallinowski : Nein, die kommen spontan. Ich greife die gesprochenen Worte mit dem Schlagwerk auf. Dabei versuche ich, vor allem das Cholerische von Hölderlin herauszuarbeiten, der ja im Gehen geschrieben hat. Diese Bewegung versuche ich aufzunehmen.

Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Gallinowski : Am 20. Oktober mache ich zusammen mit Gerhard Wolf, Ehemann der verstorbenen Christa Wolf, eine Lesung im Schloss Neuhardenberg zu Hölderlin. Am 12. November lese ich eigene Gedichte in der Autorenbuchhandlung am Savignyplatz in Berlin, kombiniert mit einer Ausstellung meiner Druckgrafiken. Und ich spiele im Film „Bornholmer Straße“.

Von Rotraud Wieland

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Oberhavel


MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg