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00:22 17.09.2018
Sportgruppenleiter Thomas Schmidt ist die Treue Seele der Behindertensportgruppe des FSV Forst Borgsdorf. Quelle: Enrico Kugler
Borgsdorf/Oranienburg

Thomas Schmidt hat eine ganz eigene Kegeltechnik: Breitbeinig stellt er sich ans Ende der Anlaufstrecke und schiebt die Kugel kraftvoll mit beiden Händen in Richtung Kegel. „Ich muss die Bahn abfühlen, dann wird losgeschossen“, sagt der 40-Jährige. „Alles eine Frage des Trainings.“ Denn sehen kann er nicht, wie die Kugel rollt und wo sie einschlägt. Von Geburt an ist Schmidt auf einem Auge blind. Auf dem anderen konnte er als Kind trotz Frühgeburt und Netzhautablösung noch recht gut sehen und bis vor einigen Jahren wenigstens noch hell und dunkel unterscheiden. Inzwischen ist er vollständig erblindet.

Thomas Schmidt beim Kegeln mit seiner Gruppe. Quelle: Enrico Kugler

Das kann den Oranienburger nicht davon abhalten, Sport zu treiben, für Turniere und Wettkämpfe durch halb Europa zu reisen und einen deutschen Meistertitel zu erringen. 2009 übernahm er sogar die Leitung der Behindertensportabteilung des FSV Forst Borgsdorf. Deren aktuell 33 Mitglieder kegeln nicht nur, sondern spielen auch Torball. Neue Mitstreiter seien herzlich willkommen und könnten sich bei ihm beraten lassen. „Viele Leute wissen oft nicht, was wir so machen und so können“, sagt Schmidt mit einem Lächeln auf den Lippen.

Torball bei Forst Borgsdorf. Quelle: MAZ / Archiv

Die Grundlagen wurden in der Schule gelegt. In Königs Wusterhausen besuchte Schmidt eine Förderschule für Blinde und Sehgeschädigte mit mehr als 65-jähriger Tradition – heute Marie- und Hermann-Schmidt-Schule. 1994 hat er dort sein Abitur gemacht. Schon während seiner Zeit dort „bin ich nach Oranienburg zum Torball getingelt“, sagt Schmidt. Dabei handelt es sich um eine bei Sehgeschädigten ebenfalls sehr beliebte Sportart: Eine Mannschaft versucht, den Ball ins gegnerische Tor zu rollen. Die andere will das verhindern. Dabei muss man den in Bewegung mit Glöckchen klingelnden Ball unter drei Schnüren hindurchrollen, an denen ebenfalls Glöckchen hängen. Wird eine der Leinen berührt, gibt es einen Strafwurf. Erst wenn sich der Ball auf das eigene Tor zubewegt, dürfen die Sportler aus der Hocke ins Liegen wechseln und sich der Länge nach hinwerfen. Knie- und Ellbogenschützer, dickere Sportkleidung und oft auch lange Hosen gehören deshalb zur Standardausrüstung. Von den 1990er-Jahren bis 2001 war Thomas Schmidt bei Pharma Oranienburg aktiv, ehe der Verein zerbrach und sich die meisten Versehrtensportler dem Verein Forst Borgsdorf anschlossen. Seit 2003 ist Schmidt hier, nimmt an Turnieren und Meisterschaften teil – im Kegeln und Torball gleichermaßen.

Training in der Turm-Erlebniscity. Quelle: Enrico Kugler

Als Sektionsleiter ist er für die Organisation zuständig: Wettkämpfe ausrichten, zu Turnieren einladen, Meisterschaften und den Ligabetrieb organisieren, den Schriftverkehr führen, Fördermittelanträge stellen. „Ich mache alles, was so anfällt“, sagt Schmidt. Viel erledige er mit seinem Laptop. „Der spricht mit mir“, sagt Thomas Schmidt zur Erläuterung.

Die Computertechnik sei recht weit entwickelt. „So kann ich auch Dokumente schreiben oder bearbeiten.“ Texte könne er sich vorlesen lassen. Viel müsse man allerdings auch im Kopf behalten. Er selbst beherrsche für das Schreiben das Zehn-Finger-System. Das sei ihm bereits an seiner Schule beigebracht worden. Trotz der guten Vorbereitung und Ausbildung sei es extrem schwierig, einen Job zu finden, sagt Thomas Schmidt. Im Grunde sei ihm nahegelegt worden, Rente zu beantragen. Und das, obwohl er an der Universität in Cottbus Sozialpädagogik studiert hat – allerdings ohne Abschluss. Der sei ihm nicht gelungen, weil sich die Bedingungen an der Universität für ihn verschlechtert hätten. „Oft weiß man nicht wohin“, so Schmidt: „Ich dürfte arbeiten, aber es ist sehr schwer, eine Stelle zu finden. Mit Diplom wäre es sicher einfacher.“ So bleibt er vorerst arbeitslos. Im Ehrenamt hat er allerdings auch genug zu tun: „Ich könnte das nicht machen, wenn ich berufstätig wäre.“

Die Kegelbahn in der Turm-Erlebniscity in Oranienburg. Quelle: Enrico Kugler

Donnerstags ist Kegeltraining auf der Bahn der Turm-Erlebniscity in Oranienburg. Zehn Sportfreunde haben sich diesmal eingefunden, insgesamt gibt es 13. Mit von der Partie ist Sabine Kemnitzer aus Oranienburg. Seit 15 Jahren betreibt die 55-Jährige diesen Sport. Sie ist hochgradig sehbehindert und hat bereits etliche Meistertitel errungen. „Ich mag die Leute“, begründet sie ihre Teilnahme. „Es geht nicht nur um die Bewegung, sondern auch um die Gesellschaft.“ Ihr Wunsch? „Dass alle gesund bleiben – und dass wir in die 1. Bundesliga aufsteigen und weiter Medaillen bekommen.“ Thomas Schmidt ergänzt: „Wenn wir durch halb Europa fahren, sind das erlebnisreiche Wochenenden. Das ist klasse!“

Mit in der Runde sitzt Bernd Liebmann. Der 63-jährige Oranienburger unterstützt den Blinden- und Sehschwachenverband über eine sogenannte MAE-Maßnahme in Trägerschaft der gemeinnützigen PuR GmbH aus Hennigsdorf. „MAE“ steht für Mehraufwandsentschädigung. Er schaut nach der Post, liest Briefe vor, begleitet die Verantwortlichen bei Behördengängen. „Der Behindertenverband braucht immer Hilfe“, sagt er. Die Begegnung mit den Sehbehinderten habe ihn anfangs überrascht: „Das sind Leute wie du und ich, nur dass sie schlechter oder gar nicht sehen können.“

Tatsächlich wird beim Training viel gelacht. „Wir nehmen uns und unsere Behinderung auch gerne mal selbst auf die Schippe“, sagt Thoma Schmidt, der ledig ist und allein zu Hause lebt.

Der Sport ist nicht das einzige Hobby des 40-Jährigen. „Ich bin ein riesiger Musik- und Filmfan“, gesteht er. Musik höre er zum Teil noch von Schallplatte. Und auch ein Film wird bei ihm zum Hörspiel. Die wenigsten Filme in seiner großen DVD-Sammlung hätten eine Audio-Deskription, also eine zusätzliche Beschreibung dessen, was gerade zu sehen ist. Das sei bei den allermeisten Filmen auch nicht erforderlich, ist Schmidt überzeugt.

Am vergangenen Wochenende hat die Mannschaft an einem internationalen Kegelturnier mit je einer Mannschaft aus Tschechien und Bosnien-Herzegowina in Wolfen teilgenommen. Das Ergebnis: Sechster Platz in der Mannschaftswertung – bei 14 Teams. Das beste Ergebnis in der Einzelwertung erreichte Sabine Kemnitzer mit 521 Holz. Zweiter Platz in Kategorie B2! Gewonnen haben jedoch wieder einmal alle, ist Thomas Schmidt überzeugt. Er selbst erreichte einen 7. Platz.

FSV Forst Borgsdorf

Der FSV Forst Borgsdorf e.V. ist Mitglied im Behinderten-Sportverband Brandenburg e.V.

Die Abteilung Behindertensport wurde 2001 gegründet.

Sportartn: Kegeln und Blindentorball.

Heute sind in der Abteilung 33 Sportlerinnen und Sportler aktiv.

Im Verein soll Gesunden, Betroffenen und Interessierten gezeigt werden, welche sportlichen Betätigungsfelder Behinderten offenstehen. Behinderte sollen ermutigt werden, eine sie befriedigende Freizeitbeschäftigung zu ergreifen, die dem Leben Sinn und Inhalt geben kann. Meist ist von den Leistungen behinderter Sportler nur dann zu hören, wenn über die Paralympischen Spiele oder über Weltmeisterschaften berichtet wird.

Leiter der Behindertensportabteilung: Thomas Schmidt, Telefon: 03301/57 68 92; E-Mail: ttschmidt@gmx.de,

Die Behindertensportabteilung regelt sehr erfolgreich mit Einzelstartern und mit der Mannschaft auf Landes- und Bundesebene.

Die Torballmannschaft ist in ihrer Sportart auf nationaler und internationaler Ebene aktiv.

Von Helge Treichel

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