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Oberhavel „Ich habe überlebt!“
Lokales Oberhavel „Ich habe überlebt!“
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19:45 18.10.2016
Vlodymyr Voyevodchenko und seine Dolmetscherin. Quelle: Ulrike Gawande
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Hennigsdorf

Gerade einmal 16 Jahre alt war Vlodymyr Voyevodchenko, als im Herbst 1941 deutsche Truppen in sein ukrainisches Heimatdorf einmarschierten und in nur zwei Monaten 240 Menschen erschossen. Kommunisten, Juden, Sinti und Roma. Dann wurden Freiwillige, Jungs im Alter von 15 bis 20 Jahren, zum Arbeitsdienst in Deutschland gesucht, erinnert sich der heute 90-Jährige. „Den Familien wurden Belohnungen versprochen. Aber auch wenn Kühe oder Schweine lockten, meldete sich niemand“, so Voyevodchenko. Es kam zur Zwangsmobilisierung. Am 31. März 1942 wurde er mit 600 anderen jungen Männern nach Berlin gebracht.

Zeitzeuge erzählt im Oberstufenzentrum aus seinem Leben

Mucksmäuschenstill waren die 90 Schüler der elften bis 13. Klasse, als der Zeitzeuge Voyevodchenko im Hennigsdorfer Eduard-Maurer-Oberstufenzentrum von seinem Leben als Zwangsarbeiter und seiner dreijährigen Gefangenschaft im Konzentrationslager Sachsenhausen berichtete. „Es ist wichtig, Gesichter zu sehen, um Geschichte zu verstehen. Damals wurden wir gehasst, heute werden wir wie Freunde empfangen. Es ist eine Ehre, hier zu sein.“ Rund 90 Minuten, erst zum zweiten Mal vor Schülern, berichtete der Ukrainer, der später als Jurist gearbeitet hat, vom Elend und der Gewalt in den Lagern. Von Schlägen sowie von seinen Fluchtversuchen, die stets scheiterten und ihn letztlich nach Sachsenhausen brachten. „Deutschland machte mir Angst. Es war eine große Erniedrigung für mich, geschlagen zu werden. Das kannte ich nicht.“ Zu fliehen sei naiv gewesen, weiß er heute, weil er und seine zwei Kameraden geglaubt hätten, dass jeder Deutsche ihnen helfen würde.

Voyevodchenko überlebte mehrere Fluchtversuche

Aber sie hätten nach Hause in die Ukraine gewollt, zurück in ihr Dorf, was sie bis dahin noch nie verlassen hatten, so Voyevodchenko. Doch trotz der mehrmaligen Fluchtversuche hatte der damals 16-Jährige Glück. „Andere, die geflohen sind, wurden erhängt. Mich rettete mein Jungsein“, weiß der ruhige 90-Jährige, der heute keinerlei Hass seinen damaligen Peinigern gegenüber verspürt. Dabei verlor Voyevodchenko durch Schläge einen großen Teil seines Seh- und Hörvermögens, wurde durch den Tritt eines Wachmanns unfruchtbar.

Drei Jahre Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen

Im Konzentrationslager Sachsenhausen bekam er als Zwangsarbeiter die Nummer 45 132 mit einem roten Winkel, die ihn als politischen Häftling kennzeichnete. Bis zu seinem 18.Geburtstag 1944 war Voyevodchenko in der Baracke für Minderjährige untergebracht und leistete in verschiedenen Arbeitskommandos seinen Dienst. „Es gab jeden Tag Tote. Wir nannten es damals Gnadenbrot“, erinnert er sich. Doch sei es die größte Sorge gewesen, krank oder schwach zu werden, ein sogenannter Muselmann zu werden, der nicht mehr arbeitsfähig und so dem Tode geweiht sei.

Ungebrochener Lebenswille

Die Hennigsdorfer Schüler fragten Voyevodchenko, woher er die Motivation genommen habe, zu überleben. Der Ukrainer, dem eine Übersetzerin zur Seite stand, zuckte die Schultern: „Ich war als Kind kräftig und ehrgeizig, das bin ich bis heute.“ Ein Mädchen fragte, ob es nie Selbstmordgedanken gegeben habe. Voyevodchenko verneinte: „Alle wollten leben.“ So überlebte er nicht nur die Gefangenschaft in Sachsenhausen, den Todesmarsch, sondern auch einen anschließenden dreijährigen Aufenthalt in einem russischen Straflager, weil ihm unterstellt worden war, dass er ein Verräter sei und in Deutschland für „Hitler gearbeitet habe“. „Aber ich habe überlebt, ich bin stur.“ Man habe ihm nach seiner Rückkehr – niemand seiner Familie lebte mehr – viel Misstrauen entgegengebracht. „Dabei wollte ich lernen und studieren.“ Die Schüler waren sich einig, dass es gut war, Geschichte aus erster Hand erfahren zu haben. „Das war eine einmalige Gelegenheit.“

Von Ulrike Gawande

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