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Impfung ist bahnbrechende Entwicklung

Oberhavel Impfung ist bahnbrechende Entwicklung

Vor Oberhavels Haustür, in Berlin, gab es in den letzten Wochen vermehrt Fälle von Masern. Oberhavels Amtsarzt Christian Schulze klärt im Gespräch über die Krankheit und Vorfälle im Kreis auf und begründet, warum Eltern ihre Kindern impfen lassen sollten

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Nur nach der zweiten Impfung ist der Schutz gegen Masern wirklich gesichert.

Quelle: imago stock&people

Oberhavel. Vor Oberhavels Haustür, in Berlin, gab es in den letzten Wochen vermehrt Fälle von Masern. Oberhavels Amtsarzt Christian Schulze klärt im Gespräch über die Krankheit und Vorfälle im Kreis auf und begründet, warum Eltern ihre Kindern impfen lassen sollten.

Sehr geehrte Herr Schulze, in den letzten Wochen kam es vermehrt zu Masernfällen in Berlin. Gibt es auch in Oberhavel gemeldete Fälle?

Christian Schulze: Zum Glück nicht! Zu Masernerkrankungen können wir recht gut Auskunft geben, da seit 2001 eine Meldepflicht nach Infektionsschutzgesetz für Masern existiert. Die Zahlen schwanken sehr. So hatten wir 2013 59 Erkrankungen in Brandenburg und 7 in Oberhavel; 2014 nur sechs Erkrankungen in ganz Brandenburg und keine im Landkreis, 2015 dann 107 in Brandenburg und 15 in Oberhavel. Hier gab es auch familiäre Häufungen, soll heißen mehrere Familienmitglieder waren erkrankt. Im vergangenen Jahr gab es 37 Erkrankungen im Land und nur eine im Landkreis.

Wann trat zuletzt eine größere Häufung solcher Fälle auf?

Schulze: Die enorm hohe Erkrankungszahl 2015 hat mit dem „Berliner Ausbruch 2014/15“ zu tun. Zwischen Oktober 2014 und August 2015 erkrankten 1359 Menschen in Berlin an Masern, dabei jeder vierte so schwer, dass eine stationäre Behandlung erforderlich war. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen lag bei 18 Prozent. Ein Kleinkind starb an den Folgen der Maserninfektion. Die Mobilität zwischen Berlin und Oberhavel ist hoch, so kommen die hohen Meldezahlen im Jahr 2015 zustande.

Kam es in Oberhavel schon zu Todesfällen?

Schulze: Seit der Erfassung 2001 sind uns keine bekannt.

Wie wird die Infektion übertragen? Stimmt es, dass es selbst bei minimalem Kontakt mit einem Erkrankten fast immer zu einer Infektion kommt?

Schulze: Ja, Masern gehört zu den hochkontagiösen Erkrankungen. Der Keim wird meist durch „Tröpfcheninfektion“ übertragen. Soll heißen, durch ungeschütztes Husten, Niesen oder Anhaftung an Händen oder anderen Körperteilen. Die Erkrankung wird durch Morbilliviren der Familie der Paramyxoviren übertragen. Diese Gruppe kann auch Mumps, Parainfluenza und ähnliche Erkrankungen auslösen.

Woher kommt die Erkrankung?

Schulze: Das einzige relevante Reservoir für diese Keime stellt der Mensch dar. Die Dauer der Ansteckungsgefahr (Ärzte sprechen von Inkubationszeit) liegt bei 5 Tage vor bis 4 Tage nach dem Auftreten des typischen Masernexanthems. Das ist der generalisierte makulo-papulöse Hautausschlag, also die roten, knotigen oder bläschenartigen, den ganzen Körper bedeckenden Flecken, die charakteristisch für die Erkrankung sind. Dieser beginnt in der Regel im Gesicht und hinter den Ohren.

Warum kommt es zu Epidemien? Lassen zu wenig Eltern ihre Kinder impfen?

Schulze: Deutschland hat sein Ziel, die Masern bis 2015 auszurotten, verpasst. Dies wäre der Fall gewesen, wenn es eine Durchimpfungsrate von wenigstens 95 Prozent geben würde. Also ja, es lassen sich noch zu wenige impfen. Allerdings leben wir in einer globalisierten und mobilen Epoche. Die Menschen reisen viel und sind viel unterwegs, wer über keine Grundimmunisierung oder ausreichenden Impfschutz verfügt kann sich überall leicht anstecken.

Wie ist die Impfrate im Kreis?

Schulze: Wir können sehr zufrieden sein, was die Durchimpfungsraten im Landkreis angeht. So hatten wir bei den Untersuchungen der Kleinsten (Kita-Untersuchung) eine Impfrate von 99 Prozent, bei der Einschulung (SEU) 98,6 Prozent und bei den Jugendlichen eine einmalige Impfung von 98 Prozent, aber leider nur 94 Prozent bei der zweimaligen Impfung. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine mindestens zweimalige Impfung um einen sicheren Infektionsschutz zu erreichen. Erst die garantiert einen vollständigen lebenslangen Schutz gegen Masern.

Haben Sie Verständnis für Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen?

Schulze: Ich möchte zwischen Impfgegnern und Impfskeptikern unterscheiden. Eltern wollen in der Regel nur das Beste für ihr Kind und sind besorgt. Als Arzt habe ich die Pflicht, auch über Risiken einer Impfung Auskunft zu geben. Die Eltern vertrauen den Ärzten, was eine enorme Verantwortung darstellt, derer sich die meisten Kollegen die ich kenne, sehr bewusst sind. Bei der Mumps-Masern-Röteln- (MMR) oder MMR-Windpocken-Impfung kann es in 5 Prozent der Impfungen zu lokalen Reaktionen der Haut und auch gelegentlich zu einem milden Krankheitsausbruch kommen. Schwere Nebenwirkungen sind extrem selten und müssen genau dokumentiert werden.

Also überwiegen die Vorteile?

Schulze: Insgesamt überwiegt der Vorteil der Impfung deutlich, denn die Nebenwirkungen einer Erkrankung sind sehr viel häufiger und wesentlich dramatischer und gefährlicher für das Leben des Kindes. Bei den Impfungen gegen Kinderkrankheiten (Mumps, Masern, Röteln) und weitere impfpräventable Infektionen wie Tetanus oder Diphterie kann ich nur versuchen, mit guten Argumenten zu überzeugen. Dies gelingt bei Impfskeptiker eher als bei Impfgegnern. Letztere haben häufig eine ideologisch verfestigte Haltung.

Was sind die häufigsten Argumente gegen eine Impfung?

Schulze: Die häufigsten Argumente gegen das Impfen sind, dass: Impfungen allgemein zu oft angewendet würden, die Existenz von Viren fehle, Impfungen schädlich seien oder das Auftreten von Erkrankungen wie Autismus, ADHS oder anderen Erkrankungen fördere, letztlich dienten Impfungen ausschließlich den Interessen der Pharmaunternehmen oder anderen Interessen.

Ist da etwas Wahres dran?

Schulze: Bisher konnten explizite Zusammenhänge von Impfungen und anderen Erkrankungen wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden. In Dänemark wurden dazu alle Impfdaten von 1991 bis 1998 mit dem Auftreten von Autismus verglichen, ohne dass dazu ein Zusammenhang hergestellt werden konnte. Ich persönlich denke, dass Impfen eine der bahnbrechenden medizinischen Entwicklungen ist, die Menschenleben retten kann. Die Nebenwirkungen stehen in keinem Verhältnis zu denen der jeweiligen Erkrankung. . Leider ist vielen Menschen nicht mehr bewusst, welche schlimmen Folgen eine Hirnhaut- oder Lungenentzündung, die infolge einer Maserninfektion entstehen kann, für das weitere Leben eines Kindes und die ganze Familie haben kann.

Welche Komplikationen können auftreten?

Schulze: Während zwei Drittel der Erkrankungen unkompliziert verlaufen, treten bei etwa 20 bis 30 Prozent der Fälle zusätzliche Begleiterscheinungen und Komplikationen auf, wobei Durchfall (in 8 Prozent der Krankheitsfälle), Mittelohrentzündungen (7 Prozent) und Lungenentzündungen (6 Prozent) die häufigsten sind. Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer Komplikationen. Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Kinder mit Komplikationen nehmen diese einen fatalen Ausgang, überwiegend mit Schäden des Zentralen Nervensystems. Eine dieser gefürchtete Spätkomplikation kann äußerst selten auch noch Jahre nach einer Erkrankung auftreten.

Wie hoch ist die Sterblichkeitsrate?

Schulze: 2013 starben mehr als 82000 Kinder unter fünf Jahren an Maserninfektionen. Über die Sterblichkeitsrate gibt es verschiedene Angaben. Das Robert-Koch-Institut nennt eine Letalität von 1:1000. Die US-amerikanische Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention geht von einer Sterblichkeit von 1:500 bis 1:1000 aus. Das Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten der EU berechnet eine Sterblichkeit von 3:1000. In Entwicklungsländern liegt die Todesrate wesentlich höher, teilweise bei bis zu 25 Prozent. Lungenentzündungen sind die am häufigsten zum Tode führenden Komplikationen.

Also gefährden Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen?

Schulze: Wenn man bedenkt, dass die Infektion sehr einfach zu vermeiden wäre, nehmen Eltern, die sich einer Impfung ihrer Kinder verweigern, ein hohes Risiko in Kauf. Auch kennen wir zum Glück kaum mehr die Kinderlähmung. Da verhält es sich ähnlich. Die Nebenwirkungen von Impfungen sind im Vergleich dazu extrem selten und in der Regel weniger gefährlich und müssen dokumentiert werden.


Von Marco Winkler

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