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Kein Wohngeld: 9-köpfige Familie zieht vor Gericht

Hohen Neuendorf (Oberhavel) Kein Wohngeld: 9-köpfige Familie zieht vor Gericht

2016 zog Familie Stockmann von Berlin nach Hohen Neuendorf. Der Wohngeldantrag mauserte sich für die 9-köpfige Familie zum Desaster. Die Familie zog vor Gericht – und bekam Recht. Doch ausgestanden ist die nervenaufreibende Angelegenheit, die die Familie über Monate an den Rand des Existenzminimums brachte, noch immer nicht.

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Familie Stockmann mit Mutter Dorothea und Vater Christian (von rechts) zog mit ihren sieben Kindern im Oktober 2016 aus Berlin nach Hohen Neuendorf. Dann begann der Ärger.

Quelle: privat

Hohen Neuendorf. Trotz berechtigtem Wohngeldantrag bekam eine neunköpfige Familie aus Hohen Neuendorf fast sieben Monate lang keine Leistungen. Gestellt wurde der Antrag im September 2016, auf dem Konto war das Geld am 27. April dieses Jahres – und das erst , nachdem die Familie gegen den Landkreis geklagt hatte. In einem Erörterungstermin am Verwaltungsgericht in Potsdam wurde ihnen am 23. März das Geld zugesprochen, wenn sie entsprechende Unterlagen für die Bearbeitung des Antrags nachreichen. Der Kreis muss die Kosten des Verfahrens tragen.

Für einen Wohlgeld-Folgeantrag zog der Landkreis jetzt die zuständige Fachaufsicht, das Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung (MIL), hinzu – „um Rechtsklarheit zu schaffen“, wie es aus der Verwaltung heißt. Grund: Der Fall von Familie Stockmann ist etwas komplizierter als üblich.

Sieben Monate Kampfmodus

Familienvater Christian Stockmann ist darüber mehr als irritiert. „Wir haben nichts zu verbergen“, so der 45-Jährige. Das halbe Jahr ohne Wohngeld hätte der Familie zugesetzt. „Es war emotionaler Stress, den man der Familie zugemutet hat – und es hört selbst nach dem Gerichtsurteil nicht auf.“ Sieben Monate Kampfmodus lägen hinter ihm. „Wir wollten nur finanzielle Hilfe, wie wir sie davor schon fünf Jahre in Berlin bekommen hatten, aber das wurde zum Alptraum.“ Die Dispokredite der Girokonten mussten erhöht, Freunde um Geld gebeten werden.

Gerade zur Osterzeit sei das hart gewesen. „Wer leidet, sind die Kinder.“ Keine Schwimmbadbesuche waren möglich, keine neuen Schuhe oder Kleidung, kein Urlaub. „Was für andere normal ist, wurde auf null gefahren. Wir haben gelernt, sparsam zu leben.“ Vier Kinder gehen auf die hiesige Waldgrundschule. „Wenn sie dort mit Löchern in den Schuhen ankommen, zieht das psychologische Schäden nach sich“, so Christian Stockmann. Seine Frau Dorothea musste einen Mini-Job annehmen (der von der Wohngeldstelle auch noch falsch angerechnet worden sei).

Eine etwas andere Art des Einkommens

Was den Fall für die Wohngeldstelle so kompliziert macht: Familie Stockmann hat durch ihren Glauben eine etwas andere Art des Einkommens. Christian Stockmann ist angestellter Pastor im gemeinnützigen Verein Mandelzweig – dem Verein, bei dem er selbst erster Vorsitzender ist. Mandelzweig gehört zum Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP). Die Gemeinde von Christian Stockmann finanziert sich durch Spenden der Mitglieder.

Klartext: Christian Stockmann zahlt sich als Vereinsvorsitzender sein Gehalt als Pastor selbst aus. Was für die Wohngeldstelle erschwerend hinzu kommt: Er vermietet einen Raum in seinem Haus an sich selbst – als Pastorenbüro. „Das ist ganz normal und gängig bei Freikirchen“, so Christian Stockmann.

Gesprächstermine glichen „Stasi-Verhören“

Miete für das Haus in Hohen Neuendorf zahlt er an einen guten Freund, Holger T. Er ist zweiter Vorsitzender des Vereins Mandelzweig. Für die Wohngeldstelle ist das etwas zu viel. Zumal noch ein Untermieter ins Spiel kommt. Ein schwer zu entwirrendes Zahlenknäuel. „Es hat beim Landkreis keiner versucht, unsere Situation zu verstehen“, sagt Christian Stockmann. Im Gegenteil: Man hätte ihnen Steine in den Weg gelegt.

Gerade die Forderung nach lückenlosen Kontoauszügen der letzten drei Monate aller Haushaltsmitglieder hätte ihn verwundert. „Sie wollten so viele Unterlagen von uns, die die Wohngeldstelle eigentlich nichts angehen.“ Besonders gegen den Sachbearbeiter erhebt der Familienvater Vorwürfe. Er hätte mehr als die notwendigen Informationen haben wollen. Die Gespräche mit ihm glichen „Stasi-Verhören“. Die Familie reichte gegen den Sachbearbeiter unter anderem wegen „kriminalistischem Argwohn“ eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein.

Landkreis spricht von „komplexer Mieter-Vermieter-Konstellation“

Die Kreisverwaltung bestreitet, die Familie besonders unter die Lupe zu nehmen, spricht aber von einer „komplexen Mieter-Vermieter-Konstellation“. „Der Sachverhalt wird mit der gleichen Intensität geprüft wie in jedem anderen Fall auch“, heißt es auf MAZ-Nachfrage. Auch hätte das Verwaltungsgericht Potsdam nicht beanstandet, dass der Sachbearbeiter seine Kompetenzen überschritten hätte. Und: „Glauben und Religion sind bei jeglicher Antragsbearbeitung unerheblich.“

Familie Stockmann fühlt sich zu sehr auf den Zahn gefühlt. „Ich weiß nicht, welche Machtspiele hier ausgetragen werden“, so der Familienvater, Christ und Pastor. Wohngeld bekommen sie jetzt bis zum 30. Juni. Gegen den falsch berechneten Wohngeldbescheid legte die Familie Widerspruch ein, weil der Mini-Job von Dorothea Stockmann für ein Jahr angerechnet wurde, obwohl sie nur zwei Monate arbeitete. „Hier wird uns wieder Geld vorenthalten.“ Das Ministerium selbst will sich bis zum 23. Juni zum Fall äußern.

Von Marco Winkler

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