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Kritik an städtebaulicher Kehrtwende

Hohen Neuendorf/Birkenwerder Kritik an städtebaulicher Kehrtwende

1300 Wohnungen könnten in Hohen Neuendorf im Umfeld der Oranienburger Straße entstehen. So sieht es eine von der Verwaltung vorgeschlagene Entwicklungsmaßnahme vor, gegen die sich jetzt Widerstand formiert – in Hohen Neuendorf, aber auch in Birkenwerder.

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Blick von der Himmelspagode in Richtung Wasserturm.

Quelle: Enrico Kugler

Hohen Neuendorf. Rund um Wasserturm und Pagode sollen bis zu 1300 Wohneinheiten für bis zu 3100 Menschen entstehen. Das ist das Kernziel einer „Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme“ (SEM), die von der Stadtverwaltung angeschoben wurde. Mit Hilfe einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft soll angesichts wachsender Mieten und Grundstückspreise in der Stadt bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden, skizziert Bürgermeister Steffen Apelt (CDU). Voraussetzung sei, dass die Stadtverordneten und die Genehmigungsbehörden zustimmen. 34 Hektar stünden entlang der Oranienburger Straße zur Verfügung, davon etwa ein Drittel im Stadt-Eigentum.

„Dafür wird eine städtebauliche Wende um 180 Grad vollzogen“, stellen Karsten Poppe und Peter Kleffmann vom Umweltverband Birkenwerder – Hohen Neuendorf fest. Bisher geltende und mehrheitlich akzeptierte Planungen für eine grüne Stadtmitte fänden im Rahmen der Entwicklungsmaßnahme keinen Platz mehr, lautet ihre Kritik.

Einwohner gründen das „Forum Stadtentwicklung“

Um künftig mit auf den Planungsprozess einzuwirken, habe der Umweltverband jetzt gemeinsam mit rund 30 Bürgern und Stadtverordneten verschiedener Parteien das „Forum Stadtentwicklung“ gegründet. Der Verein habe sich die bürgerschaftliche Förderung des Umweltschutzes und den Erhalt einer gesunden Lebensumgebung im Raum Birkenwerder und Hohen Neuendorf auf seine Fahnen geschrieben. Dazu gehöre auch das Eintreten für rücksichtsvolle und intelligente Planung bei der Stadt- und Ortsentwicklung.

„Wir wollen uns nicht vom Leitbild einer grünen Ortsmitte verabschieden“, sagt der Hohen Neuendorfer Karsten Poppe, der gemeinsam mit Peter Kleffmann aus Birkenwerder im Vorstand des Vereins sitzt: „Und wir sind uns sicher, dass viele Einwohner das genau so sehen.“ Schließlich werde der Landschaftsraum in der Ortsmitte ersatzlos aufgegeben. Eine bislang kleinteilige und offene Bauweise würde ersetzt durch einen geschlossenen Stadtraum mit hoher Verdichtung. Der Verband der Garten- und Siedlerfreunde Oberhavel (VGS) hatte bereits Ende August Alarm geschlagen, weil in den vergangenen Jahren zunehmend Kleingartenanlagen für Wohnungsbauprojekte aufgegeben werden. In Glienicke und Schildow sei es bereits passiert, in Hohen Neuendorf drohe das nun.

Mehr Bürgerbeteiligung gefordert

Im Forum Stadtentwicklung sei man sich einig: „Wenn Politik und Verwaltung die bisher geltenden und auch von der Bürgerschaft entwickelten Maßstäbe für die Stadtplanung in einem solchen Ausmaß verschieben, müssen die Bürger auch die Gelegenheit bekommen, sich zu äußern.“ Die Bürgerschaft werde momentan aber nicht gefragt, sondern „bestenfalls schlecht informiert“. Die gute Bürgerbeteiligung der vergangenen Jahre müsse bei der Frage, wie stark Hohen Neuendorf wachsen und wie grün die Stadt bleiben soll, aber „breit und strukturiert“ fortgesetzt werden.

Der Umweltverband spricht sich ausdrücklich für das Schaffen kleinteiligen und bezahlbaren Wohnraums aus. Die Befürchtung, dass durch Mehrfamilienhäuser ein neues Mahrzahn oder gar soziale Brennpunkte entstünden, teile man nicht. „Wir vermissen jedoch wie viele Bürgerinnen und Bürger, mit denen wir in letzter Zeit geredet haben, die Balance zwischen landschaftlich-ökologischen und städtebaulichen Aspekten der Planung“, sagt Hans-Joachim Guretzki vom Stadtverein. „Unter dem Deckmantel einer nachfrageorientierten Wohnungsbaupolitik werden innerstädtische Grün- und Freiflächen geopfert – Qualitäten, die für viele Bürger die Stadt erst lebens- und liebenswert machen.“

„Für die ökologische Vernetzung unersetzlich“

„Das Planungsgebiet ist in seiner Bedeutung für die ökologische Vernetzung und Anbindung der Landschaftsräume unersetzlich“, sagt der Landschaftsplaner Hans-Dieter Kabsch. Die Freiflächen des Planungsgebietes seien heute überwiegend Wald- und Ackerflächen und somit keine Brachflächen zur städtebaulichen Entwicklung. „In ihrer ökologischen Bedeutung sind diese Flächen als naturnaher Lebensraum in der notwendigen Ausdehnung zu erhalten, für die Erholung nutzbar zu entwickeln und mit den äußeren Landschaftsräumen insbesondere durch Beseitigung der Barrieren im Bereich Erdmannstraße und Bahnhof Hohen Neuendorf West zu vernetzen“, fordert Kabsch.

Die Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme sei das schärfste Schwert, mit dem Kommunen die Ausweisung von Bauland vorantreiben können, wissen die Fachleute im Forum. Die Gemeinde verschaffe sich ein Vorkaufsrecht und könne auch Grundstücksenteignungen ohne Bebauungsplan vornehmen. Dass jedoch ein kommunaler Wohnungsbedarf in der angenommenen Größenordnung vorhanden ist, wird bezweifelt: Laut dem jüngst verabschiedeten Integrierten Stadtentwicklungskonzept (INSEK) wurde bis 2030 ein Bedarf von 1149 Wohneinheiten (WE) ermittelt, der durch 479 WE in Einfamilienhäusern und 675 WE in Mehrfamilienhäusner zu decken sei. Die Debatte dazu habe gezeigt, dass es momentan vorrangig um die zeitnahe Abschöpfung öffentlicher Fördermittel gehe. Um den Bedarf an Einfamilienhäusern zu decken, müssten jedenfalls keine neuen Wohnbauflächen ausgewiesen werden. Das gleich gelte für Doppel- und Reihenhäuser.

Bisherige Pläne „über den Haufen geworfen“

„Es kann auch nicht sein, dass die Ergebnisse aus den erfolgreichen Beteiligungsprozessen der vergangenen Jahre nun über den Haufen geworfen werden“, kritisiert Annette Jedwabski die Vorgehensweise der Stadt. „Landschafts- und Verkehrsentwicklungsplan wurden von den Stadtverordneten gebilligt. Jetzt scheint ihnen völlig egal zu sein, dass sie damals für eine grüne Ortsmitte und eine behutsame Nachverdichtung gestimmt haben.“

Seit 2014 liege der Stadt eine Grobkonzeption für einen „Stadtpark am Wasserturm“ vor. Sie werde bis jetzt unter Verschluss gehalten. „Diese Studie muss im Stadtentwicklungsausschuss präsentiert werden“, fordert Karsten Poppe: „Es kann nicht sein, dass Einwohner, die sich jetzt für den Erhalt und Ausbau einer grünen Ortsmitte einsetzen, als verantwortungslose Träumer diskreditiert werden. Vor nicht allzu langer Zeit hat die Stadt diese Pläne selbst verfolgt.“

Noch höheres Verkehrsaufkommen in Birkenwerder

Und ein durch 3000 neue Einwohner generiertes Verkehrsaufkommen betreffe natürlich auch die Nachbargemeinde, in der gerade ein Ideen- und Realisierungswettbewerb für die Ortsmitte läuft. „Planungen dieser Dimension können nur gemeinsam angegangen werden und die Bürger sind von Anfang an einzubeziehen“, fordert Peter Kleffmann.

Klimaschutz am Wildbergplatz

Ein zentrales Ziel der Stadtentwicklung von Hohen Neuendorf ist die nachhaltige Entwicklung als lebenswerter und ressourcenschonender Wohn- und Geschäftsstandort. Vor diesem Hintergrund wurde ein Klimaschutzquartierskonzept für das Gebiet am Wildbergplatz erarbeitet.

Zur Abschlusspräsentation am Mittwoch, 22. November, sind alle Einwohner im Quartier um den Wildbergplatz zu 18 Uhr herzlich in den Rathaussaal eingeladen – insbesondere die Wohnungseigentümer.

Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Steffen Apelt wird Ingmar Reichert, seecon Ingenieure, Ablauf und Ergebnisse des Konzeptes erläutern. Über das Umsetzen von Energie- und Klimaschutzmaßnahmen wird die städtische Energie- und Klimaschutzbeauftragte Heiderose Ernst sprechen. Im Anschluss ist eine Diskussion geplant.

Von Helge Treichel

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