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Oberhavel Landstreicher auf Zeit
Lokales Oberhavel Landstreicher auf Zeit
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09:52 22.10.2013
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Gransee

Rund 2200 Kilometer trennen Volker Liefring noch von seinem Ziel. Erreichen wird er es vielleicht in neun oder zehn Jahren. Eilig hat er es nicht.

Liefring ist Pilgerer und auf dem Weg nach Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens. Anders als andere wandert er die Strecke aber nicht in einem Stück, sondern in Etappen. Jedes Jahr nimmt er sich dafür zehn Tage Zeit und kommt im Schnitt 200 Kilometer voran. Seit sechs Jahren geht das so - inzwischen ist Liefring in der Schweiz angekommen.

Als er 2008 zu Hause in Meseberg loslief, sei da vor allem die Neugierde und die Ungewissheit gewesen. "Ich war kribbelig", sagt er rückblickend. Womöglich hat er deshalb auf den ersten Kilometern abgekürzt. Durch Nauen fuhr er mit dem Bus, weil er die lange Chausee nicht ablaufen wollte. Inzwischen geht er jeden Meter bewusst, auch dann, wenn ihn sein Weg mal in die Irre führt und er umkehren muss.

Seinen 50.Geburtstag feierte Liefring 2009 zwischen Thale und Eisenach in Thüringen mit "ausdauerndem Gehen", ein Jahr später verarbeitete er zwischen Fulda und Bad Kissingen seinen persönlichen Zorn "auf die Auswüchse der Institution Kirche". Mit den Erinnerungen an den fränkischen Weg von Würzburg nach Ellwangen (2011) verbindet Liefring vor allem die Passionszeit und die Schmerzen in seinem Knie.

In diesem Jahr passierte er Konstanz und Einsiedeln. Für die Etappe durch die französischsprachige Schweiz im nächsten Jahr will er Vokabeln lernen, um sich mit den Einwohnern verständigen zu können. Die Begegnungen auf dem Pilgerweg gehören für den Arzt aus Meseberg mit zu den wichtigsten Erfahrungen. Nie werde er die Nonne vergessen, die ihn mit ihrer positiven Lebenseinstellung berührte, obwohl ihr Kloster vor einer ungewissen Zukunft steht. Ein anderes Mal traf er einen Pilgerer, der weder die Kilometer noch die Stunden zählte, dafür aber die kleinen Geschenke am Wegesrand - ob Kräuter oder auch Quellwasser. Solche Momente entschädigen für andere, seltsame Gespräche. Auf seinem Weg gen Süden musste sich Liefring einmal als Penner beschimpfen lassen, nur weil er mit Rucksack zu Fuß unterwegs war. Als er für eine Nacht in einem Kloster Unterschlupf suchte, wurde er nicht nur abgewiesen. Der Mönch, der die Tür bewachte, wollte ihm auch noch Geld geben, so als sei er ein Bettler. Generell aber gilt: Je südlicher, desto freundlicher und offener wurden die Menschen. Mal abgesehen von den Schwaben, die eine etwas grimmige Art an sich hätten und eine Vorliebe für Verbotsschilder.

Die Frage nach dem Warum, beantwortet Liefring ohne lange zu grübeln: "Es macht Spaß, ein bisschen Landstreicher zu sein." Pilgern sei das Gegenteil von einem getakteten Arbeitsleben. "Wenn du unterwegs bist, gibt dir niemand Termine vor, ich muss mich mit niemandem absprechen. Es ist die Freiheit, morgens aufzuwachen und zu entscheiden, ob und wenn ja, wie lange ich laufe", sagt er. Inzwischen "reist" der Meseberger auch mit leichtem Gepäck. Bei seiner ersten Etappe hatte der Rucksack noch 18Kilogramm und damit Übergewicht. Jetzt muss einmal Wäsche zum Wechseln reichen. Den Schlafsack lässt er inzwischen auch zu Hause. Ein Nachtlager finde sich immer. Zur Not in einer Scheune oder auf einem Hochsitz. Aber Schuhe mit Einlagen seien wichtig, erklärt der Pilgerer. Genauso wie Wanderstöcke, die nicht nur der Dynamik dienten, sondern zur Not auch Tiere verjagen oder den Weg von Pflanzen befreien. Auf ein Navigationsgerät verzichtet Liefring bewusst, nicht aber auf gutes Kartenmaterial und die Ortskenntnis Einheimischer. "Aber man muss aufpassen, manche kennen den Weg selber nicht, wollen das dann aber auch nicht zugeben und schicken dich in die falsche Richtung."

Noch viel wichtiger als das Equipment erscheint aber der Mut, loszugehen und sich auf das Abenteuer einzulassen. Volker Liefring sagt, sein Lebensweg sei inzwischen mit dem Pilgerweg verschmolzen. Durch die Art, wie er sich die Strecke erarbeitet, bleibe er innerlich über viele Jahre auf dem Jakobsweg. Das ermögliche ihm, seine eigene Entwicklung, aber auch die seiner Mitmenschen bewusst wahrzunehmen. Eines, sagt er, habe er in den Jahren als Pilgerer gelernt: Man muss immer weitergehen.

Von Cindy Lüderitz

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