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Lehrerehepaar unterrichtet Asylbewerber

Deutsch als Fremdsprache Lehrerehepaar unterrichtet Asylbewerber

Ein Schönfließer Lehrerehepaar im Ruhestand unterrichtet seit einigen Wochen Asylbewerber aus dem Heim in Stolpe-Süd. Mit großer Freude opfern sie an drei Tagen in der Woche jeweils drei Stunden lang ihre Freizeit, um Flüchtlingen die Basis für Integration zu vermitteln: Sprache.

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Einkaufen: Ingrid Sontheimer-Grimm vermittelt die Sprache des täglichen Lebens.

Quelle: Helge Treichel

Hennigsdorf/Mühlenbecker Land. Deutschunterricht als Fremdsprache? – Für die meisten deutschen Deutschlehrer ist genau das fremd. Nicht jedoch für Ingrid Sontheimer-Grimm und ihren Mann Harald Grimm aus Schönfließ. Von 1981 bis 1985 waren die beiden als Deutschlehrer in Palästina tätig. Sie kennen die arabische Mentalität und zum Teil sogar die Sprache. Als sie dann in der MAZ einen Aufruf lasen, dass die Kreisvolkshoschule Lehrer für Flüchtlings-Anfängerkurse sucht, fühlten sie sich sofort angesprochen. Das Paar, das 2013 gemeinsam in den Ruhestand gegangen war, steht nun bereits seit einigen Monaten wieder vor je einer „Klasse“.

Harald Grimm vor seiner Klasse

Harald Grimm vor seiner Klasse.

Quelle: Helge Treichel

Ihre Schüler beschreiben sie als besonders wissbegierig. Anders als in ihrem früheren Lehrerdasein sind diese zumeist auch älter als 20 Jahre. Viele haben bereits einen Ehepartner und mehrere Kinder. Sie heißen Ghadri, Haile, Dube oder Mohammad und sind vor wenigen Monaten aus Syrien, Afghanistan, Eritrea oder Pakistan nach Deutschland geflohen – vor Krieg, Unfreiheit und menschenverachtenden Regimen. Nun leben sie im Asylbewerberheim in Stolpe-Süd und büffeln dreimal pro Woche für jeweils drei Unterrichtsstunden in der Hennigsdorfer Schule an den Havelauen. Rektor Dieter Birkholz hat extra zwei Fachräume dafür reserviert, den für Musik und Geografie. „Das sind ideale Verhältnisse“, sagt Harald Grimm mit Verweis auf die Nähe zum Heim sowie auf Tafeln und Kreide. Zudem vermittle die Schulumgebung einen offiziellen Charakter. „Privat wäre das schwierig.“

In jedem ihrer Kurse, die am 21. Juni begonnen hatten, sitzen 14 bis 18 Schüler. Im Oktober ist nach zweieinhalb Monaten und knapp 100 Stunden Schluss. Dann beginnt ein dritter Anfängerkurs. Einen ersten hatten die Grimms bereits im Eduard-Maurer-Oberstufenzentrum gegeben. Ob dort am OSZ oder an der Förderschule – in beiden Fällen hätten alle sehr positiv auf die Gastschüler reagiert, sagt Harald Grimm erfreut. Der Sprachunterricht gebe aber auch den Schülern eine gemeinsame Basis, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Im Deutschkurs in Hennigsdorf

Im Deutschkurs in Hennigsdorf.

Quelle: Helge Treichel

Mit seiner politischen Meinung ist Imeran (29) in seiner pakistanischen Heimat angeeckt, erzählt er. Vor sieben Monaten kam er deshalb nach Deutschland. Erst halb so lange ist Sakia (40) im Land. Die zweifache Mutter bricht in Tränen aus, als sie von ihren Kindern berichtet. Ihr Sohn (13) und ihre Tochter (14) sitzen zusammen mit ihrem Mann noch in Syrien fest. Seit vier Monaten wartet sie darauf, dass sie nachkommen können. Politische und religiöse Probleme, Korruption und das Nichtrespektieren der Menschenrechte haben Jolie (23) aus Kamerun vertrieben. Seine Eltern seien verstorben, sagt er, der seit sieben Monaten in Deutschland ist. „Das ist mein Land!“, sagt er und lässt keinen Zweifel daran, wo er seine Zukunft sieht.

Inhaltsverzeichnis des Lehrbuches

Inhaltsverzeichnis des Lehrbuches.

Quelle: Helge Treichel

Auch Mohamad (19) aus Syrien hat klare Ziele. Er möchte sein Studium als Geografielehrer beenden und als solcher arbeiten. Ungeduldig erkundigt er sich nach dem Deutsch-Aufbaukurs. Landsmann Nazaret (30) möchte dagegen wieder als Automechaniker tätig sein. Eine Arbeitserlaubnis habe er bereits bekommen, sagt er. Aber zunächst möchte er seine Familie noch in Sicherheit bringen – nach Deutschland. Hassan (28) aus Somalia war in seiner Heimat als TV-Kameramann tätig. Er ist mit seiner Frau und drei Kindern vor dem Krieg geflohen. Beim Hennigsdorfer City-Lauf holte er sich eine Siegerurkunde. Andere Schüler in den Sprachkursen sind Baggerfahrer, Apothekerin, Informatiker, Koch oder sogar Archäologe. Sie alle sind froh, dem drögen Alltag in der vollen Unterkunft für ein paar Stunden zu entfliehen. „Wir versuchen, hier einen Raum zu schaffen, wo man gerne zusammen ist“, sagt Ingrid Sontheimer-Grimm.

Lehrer mit Herz

Harald Grimm war bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2013 als Gymnasiallehrer für Deutsch in Berlin tätig.

Bereits seit Jahren engagiert sich der 67-Jährige kommunalpolitisch für die SPD. Er ist Gemeindevertreter und Vorsitzender der Gemeindevertretung Mühlenbecker Land.

„Den Lernerfolg kriegt man viel mehr mit als bei deutschen Schülern“, sagt er über seine jetzige Tätigkeit für die Kreisvolkshochschule.

Ingrid Sontheimer-Grimm war 35 Jahre lang als Deutsch-Lehrerin tätig, bevor sie vor zwei Jahren gemeinsam mit ihrem Mann in den Ruhestand ging.

Seit drei Jahren erlernt die 65-Jährige selbst eine Fremdsprache: Arabisch.

Beide sind gut mit den anderen Anbietern von Sprachkursen für Flüchtlinge vernetzt, um auf individuelle Bedürfnisse eingehen zu können.

Von Helge Treichel

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