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Lutz Saalmann spricht an Gräbern

Hennigsdorf Lutz Saalmann spricht an Gräbern

Tausende Menschen hat Lutz Saalmann als Trauerredner schon auf ihrer letzten Reise begleitet. Der Hennigsdorfer mit der tiefen, sanften Stimme kommt bei den Angehörigen gut an. Im November hat der 57-Jährige am meisten zu tun, in dieser Zeit gibt es jedes Jahr besonders viele Todesfälle.

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Lutz Saalmann hält seine Reden in der Trauerhalle oder auf Wunsch auch draußen auf dem Friedhof.

Quelle: Foto: Marco paetzel

Hennigsdorf. Es ist ein grauer Donnerstag im November, der Regen klatscht auf die Windschutzscheibe. Lutz Saalmann sitzt in seiner schwarzen Limousine, direkt neben der Trauerhalle auf dem Hennigsdorfer Waldfriedhof. Eine halbe Stunde noch, dann beginnt die Zeremonie. Dann wird Lutz Saalmann wieder hinter dem hölzernen Pult stehen und zu den Angehörigen sprechen. Mehrere tausend Menschen hat er in seinen 14 Jahren als Trauerredner auf ihrer letzten Reise begleitet. Doch heute ist für Saalmann ein besonderer Tag. Denn die Asche, die in der roten Urne ruht, gehört seiner Hort-Erzieherin aus Kindertagen. Die alte Dame, Jahrgang 1919, erzählte Saalmann und den anderen Kindern einst im Hort von den Unbilden des Zweiten Weltkriegs, ihre Eltern waren Kommunisten. „Mir stand vor Spannung immer der Mund offen, sie konnte fesselnd erzählen.“

Solche hellen Erinnerungen an das Leben sind wichtig, damit die Rede bei den Menschen ankommt, sagt Lutz Saalmann. „Ich rassele keinen tabellarischen Lebenslauf runter wie andere.“ Der Familienvater nimmt sich vor einer Trauerfeier immer ein, zwei Stunden Zeit, um mit den engsten Angehörigen über das Leben des Verstorbenen zu sprechen. Dabei kommt es ihm auf die schönen Momente im Leben an, nicht auf Krankheiten und das traurige Ende. Seine Worte sollen zeigen, was den Verstorbenen im Leben ausgemacht hat. Vorlieben, Hobbys, Schrullen. „Ich kann keinen Trost spenden. Aber ich kann daran erinnern, wie schön das Leben war.“

Der Hennigsdorfer mit der tiefen, sanften Stimme ist gefragt in der Branche. Es gibt Monate, da begleitet Lutz Saalmann bis zu 35 Trauerfeiern. Er spricht nicht nur auf Friedhöfen in Hennigsdorf, Falkensee und Umland, auch auf Friedhöfen in Pankow, Weißensee oder Reinickendorf. Gerade jetzt im November gibt es viel zu tun, auch im Februar und März sterben besonders viele Menschen. Warum das so ist? Saalmann schüttelt den Kopf mit der langen Mähne. „Die grauen Tage sind deprimierend für alle, vielleicht lässt man da leichter los“, vermutet der 57-Jährige.

Die letzten Worte am Grab haben den Hennigsdorfer schon in jungen Jahren als Teenager beeindruckt. Doch Saalmann ging zunächst nach Bayern und Rheinland-Pfalz, war Kellner, Versicherungsfachmann, Betreuer für Menschen in schweren Lebenslagen. 2002 starb der Vater seines besten Freundes nach langer Krankheit. Lutz Saalmann, mittlerweile Anfang 40 und gereift, verfasste seine erste Trauerrede. Er hatte offenbar am Grab den richtigen Ton getroffen. Nach der Feier bekam er sein erstes Lob, ganz leise. Da stand für Saalmann fest, dass er Trauerredner werden wollte. Er las Bücher über Trauerbewältigung, und stellte sich bei Bestattungsunternehmern vor.

Es sind aber nicht nur seine Worte, die an den Verstorbenen erinnern. Auf Wunsch zeigt Saalmann während der Trauerfeier Fotos aus dem Leben des Verstorbenen als Diashow, auch die passende Musik können sich die Angehörigen auswählen. Seit kurzem nimmt er auch selbst die Gitarre in die Hand. Gemeinsam mit der Organistin Sylvia Ohse spielt er dann zwei Songs auf der Trauerfeier. Im Repertoire hat Saalmann Lieder wie „Einmal sehn wir uns wieder“, „Halleluja“ oder „Amazing Grace“. „Ich habe schon als Jugendlicher gern geklampft, nun mache ich das auch bei der Trauerfeier, wenn die Gäste das wollen“, so Saalmann.

Professionelle Distanz kann Saalmann aber nicht immer wahren. Er stand schon am Grab seiner Tante und seines Onkels, auch die Rede für seine Schwiegermutter hat Lutz Saalmann gehalten. „Das kann ich doch niemand anderem überlassen“, sagt er. Der Kampf gegen den Kloß im Hals ist dann besonders groß. Eine Atempause an der richtigen Stelle hilft ihm in solchen Extremsituationen. Auch bei Sternenkindern, also tot geborenen Babys, muss Lutz Saalmann manchmal am Grab mit sich kämpfen. Genau wie bei Trauerfeiern, bei denen Mütter im hohen Alter um ihre Kinder trauern müssen. Solche Dinge wird Saalmann nicht so leicht los, das nimmt er mit nach Hause. Seine Frau gibt ihm in solchen Situationen wieder Kraft.

Von Marco Paetzel

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