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„Man muss immer beide Seiten sehen“

Leegebruch „Man muss immer beide Seiten sehen“

Obwohl Brigitte Zunke erst seit 1995 in Leegebruch lebt, wurde sie schon 1996 erstmals zur ehrenamtlichen Schiedsfrau im Ort gewählt. Im Juli wurde die 68-Jährige erneut von den Gemeindevertretern einstimmig zur Schiedsperson wiedergewählt. Als Stellvertreterin steht Zunke Liane Protzmann zur Seite.

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Im Büro ihres Wohnhauses empfängt Brigitte Zunke schlichtungswillige Leegebrucher zu Vorgesprächen und Verhandlungen.

Quelle: Ulrike Gawande

Leegebruch. Obwohl Brigitte Zunke erst seit 1995 in Leegebruch lebt, wurde sie schon 1996 erstmals zur ehrenamtlichen Schiedsfrau im Ort gewählt. Im Juli wurde die 68-Jährige erneut von den Gemeindevertretern einstimmig zur Schiedsperson wiedergewählt. Als Stellvertreterin steht Zunke Liane Protzmann zur Seite.

„Schon bevor wir unser Haus in Leegebruch gebaut haben, habe ich mich für die Politik im Ort interessiert und Ausschusssitzungen besucht“, verrät Brigitte Zunke. Auch wenn sie selbst lange in Berlin gelebt hat, liegen ihre familiären Wurzeln in dem Örtchen an der Muhre. „Meine Urgroßeltern hatten Ländereien und ein Gehöft an der Dorfaue“, erzählt die Mutter zweier erwachsener Kinder. „Mein Vater schwärmte immer von Leegebruch“, erinnert sie sich. Umso entsetzter sei sie jedoch gewesen, als sie erstmals nach Leegebruch kam. Doch umso öfter sie ihr Weg nach Oberhavel führte, umso mehr begann sie das Örtchen zu schätzen.

1992 kaufte sich Brigitte Zunke mit ihrem Mann ein Stück Land. „Wir wollten nie ein Haus bauen, sondern eigentlich nur eine Laube errichten. Das wurde aber nicht genehmigt, weil es schon zu viele Wochenendgrundstücke im Ort gab.“ Also entschieden sich Zunkes, doch ganz nach Leegebruch zu ziehen. „Obwohl wir nur ein Auto hatten, klappte das, weil wir gleitende Arbeitszeiten hatten.“ Morgens um sechs Uhr sei die Autobahn noch leer, lacht die sympathische Schiedsfrau, die bis zur Rente vor fünf Jahren im Einkauf eines Krankenhauses gearbeitet hat. „Mit dem Umzug wollte ich ein neues Leben auf dem Dorf beginnen, mich einbringen und etwas für den Ort tun.“

Und so ließ sich Zunke auch für die SPD zur Gemeindevertreterin wählen. „Ich möchte Entscheidungen mitbestimmen. Dabei ist es mir wichtig, nach meiner Meinung, meinem eigenen Gewissen zu entscheiden.“ Zugute kommen ihr dabei auch die Erfahrungen aus ihrem Amt als Schiedsfrau: „Man muss immer beide Seiten sehen, darf keinen Tunnelblick haben. Ich überlege immer, was ich in der Situation machen würde.“ Um für ihre Verhandlungen fit zu sein, hat die zweifache Großmutter – die Enkeltöchter leben in Berlin – nicht nur eine Ausbildung zur Mediatorin absolviert, sondern auch zahlreiche Schulungen besucht, die vom Bund der Schiedsmänner und-frauen (BdS) angeboten werden.

Auch sie kenne nicht alle Gesetzestexte auswendig, das sei auch nicht erforderlich, so Zunke. Wichtig sei zu wissen, dass man Gesetzestexte stets bis zum Ende lesen müsse, da im letzten Absatz oft die Ausnahmen vom vorigen Gesetzestext genannt werden.

Hauptstreitpunkte seien in Leegebruch im Sommer überhängende Pflanzen, Lärmbelästigung und Beleidigungen. Sechs bis acht Fälle verhandelt Brigitte Zunke im Jahr. „Das Thema Lärm ist meist heikel. Wie will man das beweisen? Was ist überhaupt Lärmbelästigung?“ Jeder habe bei Lärm ein anderes Empfinden, oft werde auch übertrieben, daher sei es bei der Inanspruchnahme einer Schiedsperson wichtig, den Willen zu einem Vergleich zu haben. „Beide Parteien müssen nachgeben.“ Bei Nachbarschaftsproblemen ist der Versuch einer Schlichtung vorgeschrieben, egal ob bei einem Anwalt oder vor einer Schiedsperson. „Zweitere ist die preiswertere Lösung“, lacht Zunke, die sich mit verschiedenen Sportarten und Gartenarbeit fit hält. Maximal 40 Euro Gebühren werden für eine Verhandlung bei der Leegebrucher Schiedsstelle fällig, die grundsätzlich im Voraus gezahlt werden müssen.

Das größte Problem einer Schlichtung sei, dass sich die Gegner dazu an einen Tisch setzen müssen, so die Erfahrung der Leegebrucher Schiedsfrau. „Man muss mitein­ander reden. Das ist Schlichtung.“ Denn oft würde die Ursache des Problems viel weiter zurückliegen. Besonders bei Beleidigungen. Dann müsse man herauskitzeln, wo das eigentliche Problem liege, auch wenn es schon viele Jahre her sei. „Die Antragssteller erwarten eine Entschuldigung, die es dann auch meistens gibt.“ Eine Entschuldigung bedeute aber nicht, dass der Antragsgegner seine Fehler auch einsehe. In den Verhandlungen, die bis zu zwei Stunden dauern können, sei alles möglich. „Es wurde schon geweint, gebrüllt, entschuldigt und beleidigt. Dann mache ich von meinem Hausrecht Gebrauch.“ Nur an Sonn- und Feiertagen möchte Brigitte Zunke nichts von den Sorgen ihrer Mitbürger hören.

Von Ulrike Gawande

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