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Milchbauern fahren nur Verluste ein

Interview Milchbauern fahren nur Verluste ein

Seit dem 1. April gilt sie nicht mehr, die Milchquote, mit der die Produktionsmengen gesteuert werden sollten. Die befürchtete Milchschwemme ist nicht eingetreten. Stattdessen geht Brandenburgs Milchbauern bald die Luft aus. Heidemarie Scholze führt die Geschäftsstelle des Kreisbauernverbandes Oberhavel e. V. Sie kennt die Sorgen und Nöte der Landwirte.

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Heidemarie Scholze.

Quelle: Andrea Kathert

Oberhavel: Seit zehn Jahren führt Heidemarie Scholze die Geschäftsstelle des Kreisbauernverbandes Oberhavel e. V. Sie kennt die Sorgen und Nöte der  Landwirte. Und sie weiß, wie schwer es die Milchbauern  trifft, nachdem die Quote weggefallen ist.

MAZ: Am 1. April ist die Milchquote weggefallen. Jetzt kann jeder Bauer so viel Milch produzieren, wie er möchte. Wie war das vorher?

Heidemarie Scholze: Es gab eine Milchquote, mit der die Produktion geregelt werden sollte. In der Bundesrepublik wurde diese Quote im Durchschnitt um drei bis vier Prozent überschritten. Lag ein Landwirt über der Quote, musste er eine so genannte Superabgabe _ sozusagen als Strafe  _ zahlen. Das waren im Schnitt 30 Cent pro Liter Milch.  Allerdings gab es auch einen Quotenhandel, man wusste nie so genau, wo die hingewandert ist. Es gab eine Ost- und Westquotenbörse.

Diese Superabgabe gibt es aber nun nicht mehr?

Scholze: Doch. Die EU sagt, diese Superabgabe wird noch für die Milchproduktion bis zum 30. März diesen Jahres erhoben. Damit haben die Bauern natürlich nicht gerechnet. Vielen fällt das jetzt auf die Füße. Bei uns im Kreis kenne ich aber keinen Milchbauern, der die Abgabe jetzt noch zahlen muss.

Ist denn mit dem Quotenwegfall die von der Politik befürchtete  Milchschwemme aufgetreten?

Scholze: Nein. Im Vorjahr wurde  etwa vier Prozent über die Quote produziert, in diesem Jahr liegen wir  etwa drei Prozent drüber. Wir haben also im Landkreis sogar eine  etwas geringere Milchproduktion als im Jahr zuvor.

War schon vor dem Wegfall eine bestimmte Entwicklung in der Milchviehhaltung zu erkennen?

Scholze: Ja, vor zehn Jahren gab es in Oberhavel noch 50 Milchbauern. Aber der sinkende Milchpreis, die Probleme, Fachkräfte zu bekommen, und nötige Investitionen haben dazu geführt, dass wir jetzt nur noch 31 Milchbauern haben.

Betraf die Schließung  hauptsächlich die kleineren Betriebe?

Scholze: Das kann man so nicht sagen. Es war eher querbeet. Erst im Januar diesen Jahres hat die Zehdenicker Agrar- und Dienstleistungs GmbH ihre Milchproduktion eingestellt.

Das hatte aber nichts mit der  jetzt weggefallenen Quote zu tun?

Scholze: Nein. Die Zehdenicker standen wie viele Milchbauern vor der Frage, ob sie in die Milchproduktion noch einmal investieren.     25 Jahre nach der Wende muss einiges wieder getan werden und ins Tierwohl investiert werden. Aber der Milchpreis ist schon seit mehreren Jahren auf einer Talfahrt. Vor diesem Hintergrund trotzdem zu investieren, schreckt viele ab.

Und gibt es nun drei Monate nach dem 1. April wieder einen aktuellen Fall?

Scholze: JA, in Oberhavel hat ein Milchbauer aus dem Altkreis Gransee wegen der genannten Probleme  seine Produktion einstellen  müssen. Im Land Brandenburg wird zum Beispiel die Agrargesellschaft „Baruther Urstromtal“ aufgeben. Die haben mehr als 1000 Milchkühe.

Wie liegen zurzeit die Milchpreise?

Scholze: Im Moment bekommen die Bauern für einen Liter Milch zwischen 26 und 27 Cent von den Molkereien. Die Produktionskosten liegen aber bei etwa 35 bis 40 Cent pro Liter.

Können denn  die Bauern hoffen, mal wieder mehr Geld für ihre Milch zu bekommen?

Scholze: Für 2015 war eigentlich ein Durchschnittspreis von 30 Cent anvisiert. Aber das haut nicht hin. Die Talfahrt des Milchpreises dauert schon zu lange. Und wenn man an das Russland-Embargo denkt, das noch bis Juni 2016 dauert, oder an China als Abnehmer wegfällt, dann ist die Talsohle vielleicht noch nicht mal erreicht.   Das Schlimmste ist, man spricht schon nicht mehr von einer Preiserhöhung. 

Wie können die Bauern überleben,  wenn sie ständig nur solche Verluste machen?

Scholze: Sie subventionieren quer. Die Verluste aus der Milchproduktion werden mit dem ausgeglichen, was sie im Ackerbau erwirtschaften. Deshalb betreiben auch alle Milchbauern Ackerbau, sie müssen das Grundfutter für  ihre Kühe selbst anbauen und sie verwerten ihre Gülle und Mist selbst, eben Kreislaufwirtschaft. Die großen Gewinner in der Landwirtschaft sind eigentlich nur die großen Ackerbauern.

Warum spezialisieren sich dann nicht alle auf Ackerbau?

Scholze: Zum einen können die  kleineren Bauern die  Preise oder auch Pachten für Acker nicht mehr bezahlen. Die großen Betriebe   können da viel mehr Geld hinlegen. Zum anderen sieht ein richtiger Bauer seine Produktion eben als Kreislauf an. Dann kommt noch die Sorge um die Tiere und um die Arbeitsplätze hinzu. Einen leeren Stall   und zehn bis 15 Leute vor die Tür setzen, das wollen viele Bauern nicht. Deshalb machen sie weiter.

Was gibt es denn für Alternativen für die Milchbauern?

Scholze: Ein anderes Standbein waren mal Biogas-Anlagen. Biogas-Anlagen direkt angeschlossen an einen landwirtschaftlichen Betrieb machen schon Sinn. Doch   es muss auch immer einen Abnehmer für die Wärme geben. Neue Biogas-Anlage wären keine Lösung. Inzwischen können die Bauern damit kein  Geld mehr verdienen. Was im Moment gut läuft, sind Milchtankstellen wie in Vehlefanz.  

Warum wehren sich die Bauern nicht?

Scholze: Von dem Milchstreik von vor ..7.... Jahren haben alle die Faxen dicke. Was wurden da nicht für Aktionen gestartet. Wir haben die Milch weggekippt, die Bauern haben Milch aus dem Einzelhandel rausgekauft und sie an die Tafeln verschenkt. Alles ohne Erfolg, das hat gar nichts gebracht. Nur der Einzelhandel und der Markt regulieren die Preise.

Können die Bauern nicht mehr mit den Molkereien verhandeln?

Scholze: Sie handeln mit den Molkereien nur die Mengen aus, die Qualität der Milch und wie lange die Vertragsbindung dauert. Welchen tatsächlichen Milchpreis sie bekommen, erfahren die Bauern  erst Mitte des Monats, nachdem die Molkereien ihre Verhandlung mit den Einzelhändlern geführt haben. Der Handel macht seinen Preis, die Molkereien sagen ihren und der Rest bleibt für die Bauern. Aldi und Norma haben schon wieder ihre Butterpreise gesenkt. 79 Cent für ein Stück Butter. Unsere Lebensmittel sind mehr wert.  Aber an den Einzelhandel kommt man nicht ran. Die Verbraucher kaufen billig.

Was kann man denn überhaupt noch tun, um die Talfahrt für die Milchbauern zu stoppen? 

Scholze: Wir brauchen eindeutig Hilfe von der Politik. Die hat das Embargo mit veranlasst. So wie jetzt, funktioniert das nicht, das ist eine ausweglose Situation. Das Russlandembargo kostet fünf bis sechs Cent des Milchpreises. Das ist eine ganze Menge. Warum wollen denn die Chinesen unsere Milch und unsere Kindernahrung haben _  weil das Topp-Produkte sind.

Was wird der Kreisbauernverband nun tun?

Scholze: Wir werden zuerst an unsere Landtags- und Bundestagsabgeordneten herantreten und ihnen die Lage klarmachen. Wenn sich nichts ändert, werden die Milchbauern aufgeben müssen. Dann gibt es keine Milch mehr aus Deutschland. Dann werden wir wohl Milch aus China trinken müssen und Kunstkäse essen. Und ob wir das wollen?

Statistik

  • Laut Kreisbauernverband Oberhavel gibt es im Landkreis Oberhavel  zurzeit 31 Milchbauernbetriebe, die sich aufschlüsseln in 17 GmbHs, 6 GbRs, 7 Einzellandwirte und 1 KGs (Kommanditgesellschaft). Die größeren Betriebe sind oftmals aus den LPG aus DDR-Zeiten hervorgegangen. Bei den Einzellandwirten handelt es sich oft um Wiedereinrichter.
  • Im Jahr 2014 hatte der Landkreis Oberhavel circa 8500 Milchkühe. Nur ein Betrieb in Oberhavel hat einen Bestand von mehr als 1000 Kühen. Die anderen Betriebe unterhalten zwischen 50 und 600 Milchkühe.
  • Jede geprüfte Kuh gab im Durchschnitt 9332 Kilogramm Milch im Jahr.
  • Nach Angaben des Amtes für Statistik (Stand 26. Juni 2015) werden im Land Brandenburg durchschnittlich 226 Milchkühe pro Betrieb gehalten. Nur Mecklenburg-Vorpommern weist noch höhere Bestände auf.
  • Im Bundesdurchschnitt wurden 57 Kühe pro Betrieb gezählt.
  • Im Land Brandenburg werden insgesamt 164 300 Milchkühe gehalten.
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