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Mit Kelle und Kratzer Dorfgeschichte freigelegt

Vor Kita-Neubau in Germendorf Mit Kelle und Kratzer Dorfgeschichte freigelegt

Seit drei Wochen arbeiten neun Mitarbeiter des Archäologiebüros von Andrea Hahn-Weishaupt auf einer rund 2000 Quadratmeter großen Fläche am Germendorfer Dorfanger. Dort soll die neue Kita gebaut werden. Derzeit legen sie drei Höfe armer Bauern frei.

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Der Student für Archäologie Hans Riediger ist seit zwei Wochen auf der Grabungsstelle dabei.

Quelle: Enrico Kugler

Oranienburg. Kleine Täfelchen mit gelben Zetteln stecken im Sand. Es sind ziemlich viele. Bis gestern Vormittag war das rund 2000 Quadratmeter große Grundstück für den Kitaneubau am Germendorfer Anger mit dem Bagger „abgezogen“ worden, wie die Fachfrau sagt. Die oberste Schicht ist abgetragen. Nun beginnt die Feinarbeit für die Archäologen. Mit Kelle und Kratzer.

Peggy Morgenstern, Archäozoologin und spezialisiert auf Tierknochen, legte gestern Überrestes eines Eselbeins, Reste eines Kalbs und einen Kalbskopf frei. Die Kadaver waren in einer Grube am Wohnhaus vergraben. Schlachtspuren wiesen sie nicht auf. Die Expertin vermutet, dass die Tiere Seuchen wie Rinderpest, Milzbrand oder Maul- und Klauenseuche im Mittelalter zum Opfer gefallen sind.

So wie auch die Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen – insgesamt 132 Skelette – die auf dem Grundstück, auf dem jetzt die Germendorfer Feuerwehr steht, entdeckt worden waren. Dort waren die Archäologen auf den Sitz des reichen Dorfschulzen gestoßen, der 1541 eingesetzt worden war. Sie hatten dabei auch einen kleinen Münzschatz entdeckt (MAZ berichtete). „Bis hierher reichte auch der Knüppeldamm vom Oranienburger Schloss über die Breite Straße. Germendorf lag im Sumpf, war nur so zu erreichen. Bei Seuchen gab es einen Wächter, der dann, um eine Ausbreitung zu verhindern, den Knüppeldamm dicht machte“ erklärt Andrea Hahn-Weishaupt.

Auf dem Grundstück für die neue Kita erwarten die Archäologen nicht unbedingt Schätze und Spektakuläres. „Hier haben sich Hofstellen dreier armer Bauern befunden“, sagt die leitende Archäologin – „drei schmale Hufe“. Die Gründungen von Grundstücksbegrenzungen, die Überreste von Backöfen, Feuerstellen, Brunnen und Häusern deuten darauf hin. Doch was ist schon spektakulär? „Dass ein Stück Dorfstruktur so großflächig offenliegt ist etwas ganz Besonderes“, findet Andrea Hahn-Weishaupt. Vor allem lassen die jetzigen Ausgraben Vergleich zu mit den Funden vom Grundstück des Dorfschulzen „in Sachen Lebensweise und wie sie ihre Tiere versorgt haben. Geschichte ist ja immer nur die der Reichen. Wir wissen viel über Kriege und Könige, aber kaum etwas über das Leben der einfachen Menschen.“ Dank Germendorf kommen neue Puzzlestücke an Wissen dazu.

Bereits freigelegt ist ein Stück Pflaster in Mustern aus dem 16. oder auch 17. Jahrhundert. Grundstücksabgrenzungen, ein runder Brunnen aus dem 19. Jahrhundert, aber auch die Überreste eines hölzernen Kastenbrunnens, der nach einem Brand zugeschüttet worden war. Den würde die Archäologin gern freilegen, um mehr über den Inhalt in Erfahrung zu bringen. Auch das typische Kellergewölbe ist noch nicht gefunden. Wer weiß, was es birgt?

Die Wohnhäuser des Mittelalters waren Fachwerkhäuser: Sie bestanden aus einem Streifenfundament aus Holz, darauf Schwellenbalken und Bretter. Manchmal war Holzkohle zur Isolierung darunter. „Germendorf ist immer wieder abgebrannt. 1738 und 1843 das letzte Mal.“ Die schwarzen und roten Schichten im Boden zeigen, wie oft es zur Katastrophe kam. Reste von verbranntem Holz und Lehm.

„Bis April haben wir hier zu tun . Und müssen uns beeilen. Es soll gebaut werden“, so Andrea Hahn-Weishaupt. Alles wird akribisch kartiert, einige Steine und Ziegel gehen ins Archiv des Landesamtes für Denkmalpflege in Wünsdorf. Ginge es nach ihr, so würde sie gern einiges im Boden bewahren und überbauen, statt alle Überreste nach der Kartierung zu beräumen. Eine Geldfrage. Wie es weitergeht, entscheiden die Stadt als Geldgeber und der Denkmalschutz. In der kommenden Woche.

Von Heike Bergt

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