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Nachts auf Streife mit Polizei-Nachwuchs

MAZ-Serie „Auf Nachtschicht“ Nachts auf Streife mit Polizei-Nachwuchs

Sie beschreiben sich selbst als neue Generation junger Beamte: Josephin Brötzmann und Robert Müller, beide 24 Jahre alt, fahren nachts Streife in Oberhavel. Ihre Waffe: Empathie. Gerade in der Nacht, wenn der Alkoholpegel der Menschen steigt und sie die Distanz verlieren, sei das wichtig.

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Auf Streife: Robert Müller und Josephin Brötzmann.
 

Quelle: Julian Stähle

Oberhavel.  Die Schicht hat kaum begonnen, da wartet an einem Wochenende im Juni schon der erste Fall auf Josephin Brötzmann und Robert Müller. Ein Mann liegt nackt und betrunken, volluriniert und pöbelnd in der Gewahrsamszelle der neuen Polizeidirektion Oberhavel. Er droht den Beamten. Routine. Das gehört zum Job. Wer in den Polizeidienst geht, weiß für gewöhnlich, was ihn erwartete – tags und nachts.

Gegen 18 Uhr beginnt die Nachtschicht – sechs Uhr am nächsten Morgen ist sie vorbei. Dazwischen: Diebe, Betrunkene, Schläger, Unfallopfer. Als gegen 19.30 Uhr ein Junge in der elterlicher Wohnung in Hennigsdorf randaliert, werden die Beamten hinzugerufen.

Der 15-Jährige brüllt immer wieder „Ich bring euch alle um!“ – er ist das erste Mal in seinem Leben betrunken: 1,5 Promille. „Er ist ein Kind, aber man muss sich durchsetzen“, so Josephin Brötzmann. „Wir müssen die Hintergründe erfahren“, so die 34-jährige Berlinerin. Der Junge wird in Handschellen abgeführt, er kann beruhigt werden. Provokationen durch seinen Stiefvater hätten ihn aggressiv werden lassen.

Hier zeigt sich, was die jungen Beamten ausmacht: Empathie. „Wir agieren nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe“, so die Polizeioberkommissarin. „Wir haben ein neues Führungsbewusstsein“, ergänzt ihr Kollege. Militärische Hierarchiestrukturen gäbe es nicht mehr, so der 34-jährige Kommissar aus Leegebruch. „Wir sind näher am Menschen dran, das Individuum steht im Vordergrund.“

Robert Müllers Ziel

Zwei Nächste begleitete die MAZ die beiden Polizisten Josephin Brötzmann und Robert Müller auf ihrer Nachtschicht in Oberhavel.

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Nicht der „Oberbulle“ tritt hier gegen den kleinen Bürger – der so auch gar nicht mehr genannt wird – an. „Es geht um Mitmenschen“, so Robert Müller. „Polizisten stehen nicht mehr arrogant über den Dingen. Wir passen unser Verhalten an.“ Respekt verschaffen? Ja. „Wir stellen uns aber auch auf die Menschen ein“, so Josephin Brötzmann. Seit einem Jahr ist sie in Oberhavel im Einsatz – in einer „verjüngten Dienstgruppe“, wie sie sagt. Was sie auch sagt: „Ein cooles Team.“

Auf Einsätzen wird viel gelacht, gescherzt. Keine bissigen Gesichter. „Es macht einfach Spaß.“ Trotzdem: Kommt ein Einsatz über Funk rein, wird genau hingehört. „Man schaltet gleich um in einen anderen Modus, ist konzentriert, bereitet sich innerlich vor.“

Zwischendurch wird auch nachts immer wieder gelasert

Zwischendurch wird auch nachts immer wieder gelasert.

Quelle: Julian Stähle, Jan Kiaulehn

Die beiden Beamten gehen mit Respekt in jeden Einsatz. Man weiß nie, was passiert – gerade wenn es dunkel und die Sicht eingeschränkt ist. Tagsüber fällt ein erster Überblick leichter. „Gerade der Alkohol- und Drogenkonsum spielt nachts zunehmend eine Rolle, die Menschen werden dann distanzloser“, so Robert Müller.

Die Nacht schreitet voran. Ein betrunkener Fahrradfahrer wird gegen 22.45 Uhr in Oranienburg mit 1,77 Promille angehalten, keine Stunde später wird ein Wohnungseinbruch in Velten gemeldet. Blaulicht, Fuß aufs Gas, Anspannung, Konzentration. Zwei Täter können festgenommen werden.

Zittern die Hände

Zittern die Hände? Reine Routine für die Beamten.

Quelle: Julian Stähle, Jan Kiaulehn

Die nächste Nacht: Häusliche Gewalt in Glienicke: Ein Mann schlägt seine Frau. Aus Polizeisicht: Alltag. Der Job wird erledigt. Die Frau flüchtet zum Nachbarn, der Mann demoliert ihr Auto. Er geht nach dem Polizeiaufgebot freiwillig in ein Hotel. Zwischendurch: Immer wieder Verkehrskontrollen. Autofahrer ohne Gurt, Fahrradfahrer ohne Licht, Geschwindigkeitsüberschreitungen.

Robert Müllers Ziel

Robert Müllers Ziel: Deeskalation.

Quelle: Julian Stähle, Jan Kiaulehn

Nachts ist es etwas anders als tagsüber. „Es gibt mehr Leben auf der Straße, mehr Menschen feiern im Sommer, mehr Alkohol ist im Spiel“, so Josephin Brötzmann. Die Konflikte spielen sich im Sommer – im Gegensatz zum Winter – auf der Straße ab. „Tagsüber gibt es sicher mehr Auffahrunfälle oder Ladendiebstähle.“ Nachts: Körperverletzung, Ruhestörung, Alkoholfahrten, Partys.

Wie in Germendorf, 23.19 Uhr. Eine Frau meldet lärmende Nachbarn. Sie feiern die Jugendweihe ihres Kindes, sind gut alkoholisiert. Mehrere Male muss die Polizei ausrücken, sagen, dass sie es ruhiger angehen lassen sollen. „Sie waren uneinsichtig.“ Die Stimmung kippt fast. Partygäste machen die Musik aus, bleiben aber sitzen, machen ohne weiter. Ein Akt der Provokation.

Gerade der Alkoholgenuss nimmt in den Abendstunden und nachts zu

Gerade der Alkoholgenuss nimmt in den Abendstunden und nachts zu.

Quelle: Julian Stähle

Die Polizisten müssen sich durchsetzen, wenn Menschen anfangen, sich über sie lustig zu machen. „Es ist ein schmaler Grat“, so Josephin Brötzmann. Ihr Kollege: „Aber die Verhältnismäßigkeit muss gewahrt werden. Ziel ist es, eine Eskalation zu vermeiden.“ Die Nachbarin, welche die Beamten alarmiert hat, schläft inzwischen. Die Kommissare ziehen ab. Eine Anzeige wegen Ordnungswidrigkeit gibt es dennoch. Bußgeld: 500 Euro.

Es ist der letzte Einsatz für diese Nacht, welche die Beamten als eine reguläre beschreiben. Keine großen Ausschreitungen. Im Zwei-Wochen-Rhythmus wechseln sich Nacht- und Tagschichten ab.

Die jungen Polizisten wollen auf Augenhöhe agieren

Die jungen Polizisten wollen auf Augenhöhe agieren.

Quelle: Julian Stähle

Auffällig ist der lockere Umgang unter den jungen Beamten. „Über Jahre wurde es verpasst, mehr Personal einzustellen“, so Robert Müller. „Die Lücke füllen jetzt junge Menschen, die hochmotiviert sind und ihre Erfahrungen sammeln müssen.“ Als „Freund und Helfer“ sieht sich die Polizei aber nicht gerne. „Das ist ein Ausdruck aus der NS-Zeit. Zumal sich 90 Prozent der Menschen nicht freuen, wenn sie uns sehen“, sagt der Leegebrucher.

Von Marco Winkler

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