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Nächtliche Buddelaktion wegen Nazi-Mythos

Stahlhelme als Souvenirs aus Hennigsdorf Nächtliche Buddelaktion wegen Nazi-Mythos

Zwei Hennigsdorfer Jungs gruben sich vor mehr als 20 Jahren in den Konradsberg, dort liefen sie durch alte Splitterschutzgänge der Nazis. Panzer, Skelette, Geheimgänge – es gab etliche Gerüchte, was sich in den alten Gängen befinden könnte. Nun trafen sich die Jungs von einst am Berg und erinnerten sich.

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Ein paar Bier machten die Buddelarbeit leichter.

Hennigsdorf, . Nächtelang wühlten sie in der Erde, immer wenn es schummerig wurde ging es los. Tiefer und tiefer gruben sich Roberto Bartsch und Erik Schöneberg im September 1996 am Fuße des Konradsberges in den Boden. Mit Schaufel und Eimer holten die Jungs den Sand nach oben, bis sich ein kleiner Berg auftürmte. Nach 2,50 Meter dann der Durchbruch: Über einen Steigbügel kletterten die beiden in die modrigen Splitterschutzgänge unter dem Berg. Die Nazis sollen sie Ende der 1930er-Jahre angelegt haben, kurz nach dem Bau des Hitlerjugend-Heims an der Parkstraße, dem heutigen Jugendförder- und Freizeitzentrum (JFFZ). Die MAZ berichtete im Februar in der Serie „Verlorene Orte“ über die mysteriösen Gänge. Nach dem Bericht meldete sich Roberto Bartsch bei der Redaktion. Mit seinem Kumpel Erik Schöneberg kehrte er nun, mehr als 20 Jahre nach der heimlichen Buddelaktion, zurück an den Fuß des Berges.

Roberto Bartsch und sein Kumpel Erik Schöneberg drangen 1996 in der Nacht in die Gänge im Konradsberg ein

Roberto Bartsch und sein Kumpel Erik Schöneberg drangen 1996 in der Nacht in die Gänge im Konradsberg ein.

Quelle: Paetzel

An jene Nacht des 17. September 1996 erinnert sich Roberto Bartsch noch genau. Die Erkundungstour durch die Gänge dauerte nicht viel länger als eine Stunde. „Es gab da ja auch nicht allzu viel zu sehen“, sagt der heute 46-Jährige. Ein alter Feuerkorb, Metallkabel, die an der Decke ins Leere laufen und zwei Stahlhelme – mehr war da unten nicht zu sehen. Ein kleiner Raum, vielleicht drei mal drei Meter groß, war völlig leer. Die rund 40 Meter langen und ein Meter breiten Gänge, erinnert sich Roberto Bartsch, sind akkurat mit Klinkersteinen gemauert – die Decke besteht aus Holzbohlen, die von Doppelt-T-Stahlträgern gestützt werden. Überall hingen Wurzeln von der Decke, das Holz war morsch. „Eigentlich war das absolut lebensgefährlich, dass wir damals da unten unterwegs waren. Ein Wahnsinn!“ Aber es sei auch ein unglaublicher Nervenkitzel gewesen. „Man wusste ja nicht, ob da jetzt irgendein Skelett liegt, wenn man um die nächste Ecke geht“, so Bartsch. Nach einer Stunde stiegen die Teenager aus dem Bunker wieder in die kühle Nacht – und waren einigermaßen ernüchtert.

Nach tagelanger Arbeit waren die Jungs unten angekommen

Nach tagelanger Arbeit waren die Jungs unten angekommen.

Quelle: Paetzel

Doch immerhin hatte Roberto Bartsch einen Mythos entzaubert, der ihn seit seiner Kindheit begleitet hatte. Es hatte unzählige Geschichten gegeben, was sich unter dem einstigen Rodelberg abgespielet haben könnte. „Manche sagten, da unten steht ein Panzer, andere, dass es eine Einfahrt für LKW in den Berg gegeben hat.“ Auch das Gerücht, dass die Tunnel bis auf den Waldfriedhof reichten, habe ihn als Jungen fasziniert. Im September 1996 war es soweit. „Ich wollte endlich wissen, was da unten ist.“ Mit Kumpel Erik Schöneberg ging er nachts mit Eisenstange und Hammer um den Berg herum. Es galt, irgendwo eine hohle Stelle zu finden. „Irgendwann haben wir eine Betonplatte getroffen.“

An manchen Stellen war die Holzdecke damals zusammengebrochen

An manchen Stellen war die Holzdecke damals zusammengebrochen.

Quelle: Paetzel

Die Splitterschutzgänge beschäftigen Roberto Bartsch heute noch. Vor allem eine Frage: Warum treibt man einen riesigen Aufwand und mauert ein paar kahle Gänge in einen Berg? Ursprünglich wollte Bartsch gar ein Buch über die Anlage schreiben. Aber es gibt zu wenig belastbare Fakten. Baupläne sind, wie beim HJ-Heim nebenan, verschollen.

Roberto Bartsch zeichnete einen Grundriss aus dem Gedächtnis

Roberto Bartsch zeichnete einen Grundriss aus dem Gedächtnis.

Quelle:

Auch Anke Kaprol-Gebhardt, Leiterin des Stadtarchivs, kann nur wenig sagen. „Es gab mehrere Zugänge, die nach Kriegsende zugeschüttet beziehungsweise zugemauert wurden.“ Es gibt Vermutungen, dass die Gänge im Falle eines Luftangriffs auf das HJ-Heim als Schutz dienen sollten. Dazu kam es aber nie.

Erik Schöneberg (l) und Roberto Bartsch kehrten für die MAZ zurück

Erik Schöneberg (l.) und Roberto Bartsch kehrten für die MAZ zurück.

Quelle: Paetzel

Bis auf ein paar Fotos aus den Gängen ist Roberto Bartsch nicht viel geblieben. Außer die beiden Stahlhelme, die die Jungs damals noch mitgehen ließen.

Von Marco Paetzel

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