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Nazi-Kunst unter der Motorsäge

Schmuggel von NS-Statuen Nazi-Kunst unter der Motorsäge

Für einen Sammler von NS-Kunst in Westdeutschland holte der Oranienburger Horst Stragies mit seinem Bruder sechs Statuen von einer Eberswalder Sowjet-Kaserne. Weil die Statuen zu groß waren, musste Stragies sie mühsam zersägen, bevor sie in den Westen gebracht wurden. Der Fall der NS-Statuen hat international für Aufsehen gesorgt.

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Horst Stragies, heute Kfz-Händler, zersägte mit seinem Bruder die Statuen mühsam über Monate.

Quelle: Kugler

Oranienburg. Es ist ein kalter Tag im Januar 1989, Horst Stragies sieht die Kolosse schon von weitem zwischen den Wipfeln. Die sechs Bronze-Statuen stehen in einem Waldstück bei Eberswalde, auf Sockeln um einen Sowjet-Sportplatz herum. Die Figuren sind verwittert, haben Patina angesetzt. Und dann ist da dieser Blick der Bronzen, den Stragies nie vergessen wird. „Ganz starr geradeaus, das hat mich sofort an die Nazis erinnert“, sagt der heute 67-Jährige. Doch Horst Stragies hat keine Zeit, darüber nachzudenken. Er und Bruder Bernd-Siegfried, damals beide Schrotthändler, sind mit zwei Robur-Bussen ins Waldstück getuckert. Ihre Mission: Die Stragies sollen die Bronzestatuen, die nach dem Krieg in die Hände der Sowjets geraten waren, in ihren Schuppen nach Vehlefanz bringen. Von dort aus sollen sie in den Westen geschafft werden. Die Sowjets helfen, es fließt wohl Schmiergeld.

Eigentlich hatte der Oranienburger diese Geschichte längst abgehakt. Doch im Mai dieses Jahres, ein Vierteljahrhundert später, gibt es eine bundesweite Razzia des Berliner Landeskriminalamtes (LKA), die Statuen werden auf zwei Grundstücken des Militaria-Sammlers Rainer Wolf in Bad Dürkheim beschlagnahmt. Es handelt sich um brisante Kunst: Zwei der Bronzen, überlebensgroße Athleten, stammen von Hitlers Bildhauer Arno Breker, der es zum Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP gebracht hat. Dazu kommen zwei Bronzeakte und zwei riesige Pferde der Nazi-Bildhauer Fritz Klimsch und Josef Thorak. Einst hatten die Pferde vor Hitlers Arbeitszimmer in der neuen Reichskanzlei gestanden. Der Fall interessiert die Presse weltweit, er stößt eine Debatte über den Umgang mit NS-Kunst an. „Der Spiegel“ widmet der Sache einen mehrseitigen Aufmacher. Und die „New York Times“ fordert nach der Razzia, die Kunst des Dritten Reiches der Welt zu zeigen.

Horst Stragies hatte sich um die Tragweite seines Auftrags damals keinen Kopf gemacht. „Wir waren doch nur die blöden Ossis, die die Püppchen zersägen sollten“, sagt er heute. Der Aachener Händler Peter Schmitz, mit dem Stragies Oldtimer über die Grenze bringt, soll die Statuen für den Kunstsammler Rainer Wolf in den Westen schmuggeln. Weil die Figuren zu groß sind, bringt Schmitz’ Partner Horst Stragies eine Makita-Motorsäge vorbei. „Wir sollten die Figuren so zersägen, dass man die Teile tragen konnte“, erinnert sich Stragies. Was folgt, ist monatelange Schwerstarbeit. Nach Feierabend fahren die Stragies-Brüder in den Vehlefanzer Schuppen, um zu sägen. Die Arbeit ist mühselig, es geht kaum voran. „Waren die Zähne des Sägeblatts zu groß, blieben sie hängen. Waren sie zu klein, ging es gar nicht vorwärts“, sagt Horst Stragies. Strom gibt es im Schuppen auch nicht, eine alte Grubenlampe spendet funzeliges Licht.

Wie lange die Brüder gesägt haben, kann Horst Stragies heute nicht mehr sicher sagen. Er erinnert sich nur an den Berg von Bronzeteilen, der am Ende im Stroh lag. Arme, Beine, Körper. „Das wurde ganz schnell abgeholt. Aber von wem, das habe ich nie erfahren.“ Stragies selbst soll nur den Kopf einer Männerstatue übergeben. In einer Campingtasche verpackt übergibt er ihn einer alten Dame, die in einer Plattenwohnung in der damaligen Stalinallee wohnt. „Die hat nicht gefragt, muss wohl eingeweiht gewesen sein“, sagt Stragies. „Der Spiegel“ schildert, wie die Teile nach und nach über die Grenze gebracht wurden, mit einem Wohnmobil wurden sie über die Transitstrecke nach Westdeutschland gekarrt. Auch hier soll Schmiergeld geflossen sein. Die Bezahlung der Brüder sei dagegen nicht üppig ausgefallen. „Wir hätten mehr verdient, wenn wir die Bronzeteile in der DDR verkauft hätten“, so Stragies. Schuldbewusstsein hat er nicht. „Die Russen haben mir mit Urkunde und Stempel bescheinigt, dass alles korrekt ist. Sonst wäre ich aus dem Wald niemals losgefahren.“ Der Polizei, die im Frühjahr vor seinem Autohandel in Oranienburg auftaucht, zeigt er das Dokument. Seitdem habe Stragies von den Beamten nichts mehr gehört.

Momentan läuft ein Rechtsstreit darum, wem die Figuren gehören. Das Bundesamt für offene Vermögensfragen hat sie der Bundesrepublik zugesprochen. Kunstsammler Wolf behauptet indes, er habe sie legal erworben. Es ist möglich, dass die Statuen demnächst im Museum zu sehen sind. Doch egal, wohin Männer, Frauen und Rösser kommen, Horst Stragies will sie nie wieder sehen.

Von Marco Paetzel

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