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Obdachlosigkeit wird zum Problem entlang der S-Bahn-Strecken

Borgsdorf Obdachlosigkeit wird zum Problem entlang der S-Bahn-Strecken

Der Borgsdorfer Journalist Guido Fahrendholz warnt vor wachsender Obdachlosigkeit in der Hauptstadt – und den Folgen fürs Berliner Umland. Die Hohen Neuendorfer Stadtverordneten nahmen sich des Themas bereits an.

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Immer mehr Menschen leben in Deutschland ohne eigene Wohnung.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Borgsdorf. Zehn Jahre lang hat Guido Fahrendholz aus Borgsdorf die Zeitung „Strassenfeger“ redaktionell mitgestaltet. In dieser Zeit hat der freiberufliche Journalist zudem rund 600 Radiosendungen sowie 35 TV-Sendungen konzipiert, produziert und moderiert. Immer ging und geht es um das Themenspektrum der Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Für das ZDF arbeitete er am Dreiteiler „Reich und obdachlos“ mit. Seine BBC-Dokumentation „Von der Straße in den Job“ wurde auf Sat.1 ausgestrahlt. Der 51-Jährige engagiert sich für die Borgsdorfer Charity Banditen und die Vereine „mob“ (Obdachlose machen mobil) sowie „Heimatlos in Köln“. Menschen mit Geld- und Suchtproblemen, Menschen ohne festen Wohnsitz liegen ihm am Herzen.

Als der Berliner im April 2015 eine Wohnung in Borgsdorf bezogen hatte, war er verblüfft: „Hier traf ich alte Bekannte aus Berlin.“ Schnell wurde ihm klar, dass Obdachlose zunehmend von der Hauptstadt ins Umland abwandern. Und dass damit eine Aufgabe auf die Kommunen entlang der S-Bahn-Strecken zukommt, auf die sie gar nicht vorbereitet sind.

Guido Fahrendholz, freier Journalist aus Borgsdorf, engagiert sich ehrenamtlich für Obdachlose

Guido Fahrendholz, freier Journalist aus Borgsdorf, engagiert sich ehrenamtlich für Obdachlose.

Quelle: Helge Treichel

Denn die geschätzten Zahlen der Diakonie und der Wohnungslosenhilfe seien „alarmierend“, sagt Fahrendholz. Berlin habe eine „sehr gute Sozial-Infrastruktur“. Zwischen 2013 und 2017 habe sich die Zahl der Wohnungslosen in der Hauptstadt jedoch verdreifacht – auf jetzt rund 36.000 Menschen. Diese leben nicht zwangsläufig auf der Straße, da sie bei Familienmitgliedern, Freunden oder Hilfeeinrichtungen unterkämen. Wirklich obdachlos sind laut Berliner Stadtmission (Diakonie) rund 10.000 Personen. Laut der Nachrichtenagentur dpa seien es etwa 3000 Menschen. „Es gibt aber keine zu evaluierenden Zahlen“, sagt Fahrendholz. Das liege daran, dass es keine Meldepflicht gibt.

In ganz Deutschland gebe es nach vorsichtiger Schätzung rund 249.000 Wohnungslose. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) hat am 14. November ihre aktuelle Schätzung vorgestellt, die deutlich höhere Zahlen ausweist: 2016 waren demnach circa 860.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung – seit 2014 ist dies ein Anstieg um rund 150 Prozent. Die BAG W prognostiziert von 2017 bis 2018 einen weiteren Zuwachs um circa 350.000 auf dann 1,2 Millionen wohnungslose Menschen – eine weitere Steigerung um 40 Prozent. Seit dem Jahr 2016 schließt die BAG W in ihre Schätzung die Zahl der wohnungslosen anerkannten Flüchtlinge ein. Deren Anzahl wird mit 440.000 beziffert, was etwa der Hälfte der Wohnungslosen entspricht. Im Regelfall würden sie in den Gemeinschaftsunterkünften allerdings weiter geduldet. Circa 52.000 Menschen leben laut BAG W ohne jede Unterkunft auf der Straße. Seit 2014 sei dies ein Anstieg um 33 Prozent. „Das ist das unterste Ende der Spirale prekärer Lebensverhältnisse“, sagt Guido Fahrendholz.

In Berlin gibt es einige illegale Zeltlager

In Berlin gibt es einige illegale Zeltlager. Das abgebildete in Tiergarten wurde mittlerweile geräumt. Viele Obdachlose suchen nun einen neuen Unterschlupf.

Quelle: dpa

Der Borgsdorfer sieht ein Problem darin, dass in Oberhavel die Kommunen für die Nothilfeeinrichtungen zuständig sind, der Landkreis jedoch für die Grundsicherung. Dadurch entstehe eine Lücke bei der betreuenden Sozialarbeit, so Fahrendholz. Die Folge: „Armut wird nur verwaltet.“

Sozialausschüsse tagen gemeinsam

Das Thema Obdachlosigkeit beschäftigt heute die Mitglieder der Sozialausschüsse von Birkenwerder und Hohen Neuendorf in einer gemeinsamen Sitzung. 

Konkret geht es zunächst um Grundlagen der interkommunalen Zusammenarbeit. Danach ist eine offene Diskussion zu konkreten Ansatzpunkten der Zusammenarbeit vorgesehen. 

Als Themenbereiche sind konkret aufgeführt: Obdachlosigkeit, Schulbezirkssatzung, Schulsozialarbeit, gemeinsame Jugendarbeit, Integrationsbeauftragte/r. 

Die wie gewohnt öffentliche Sitzung beginn am Dienstag, 28. November, um 18.30 Uhr im Ratssaal im Rathaus Birkenwerder, Hauptstraße 34.

Genau auf diese Problematik zielt ein Beschluss ab, den die Hohen Neuendorfer Stadtverordneten auf Antrag der CDU-Fraktion in ihrer jüngsten Sitzung einstimmig gefasst haben. Die Stadtverwaltung wird damit beauftragt, auf den Landkreis und umliegende Kommunen zuzugehen. Ziel solle es sein, „gemeinsame Maßnahmen zu entwickeln und abzustimmen“ wie zukünftig mit Obdachlosen umgegangen wird. „Insbesondere soll geklärt werden, wie sie untergebracht und versorgt werden und die Betreuung durch qualifiziertes Personal sichergestellt werden kann.“ Bis spätestens April 2018 soll darüber berichtet werden.

Diesen Beschluss hält Fahrendholz für den „zu 100 Prozent richtigen Weg“. Es müsse reagiert werden, „solange das Problem noch handhabbar ist“. Die Partner sollten dabei einander mit ihren Stärken und Möglichkeiten ergänzen. Der 51-Jährige fordert in diesem Zusammenhang, dass Sozialarbeit nicht gänzlich den Ehrenamtlichen überlassen werden dürfe. „Auch Ehrenamtliche haben ein Recht auf Vergütung und psychologische Betreuung. Nach meinen Erfahrungen bin ich jetzt so weit zu fordern, dass der Staat die Helfer unterstützen muss.“

Fahrendholz betreut persönlich übrigens drei Leute. Warum er das macht? „Das ist mein emotionales Sparkonto“, sagt er.

Von Helge Treichel

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