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2000 Jahre alte Urnen ausgegraben

Borgsdorf 2000 Jahre alte Urnen ausgegraben

Es ist eine kleine Sensation: In Pinnow (Borgsdorf) wurden zwei Keramikurnen geborgen, die über 2000 Jahre alt sind. In ihnen fanden sich Asche und Knochenreste. Diese werden untersucht. In der Nähe der Fundstelle befand sich einst eine Siedlung. Ihre Toten haben die Siedler verbrannt – zwei davon tauchten jetzt wieder auf.

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Die Ausgrabung der historischen Funde erfordert Zeit. Die hat Archäologe Stefan Muhr aber nicht.

Quelle: Enrico Kugler

Borgsdorf. Für manche nur ein Relikt vergangener Zeiten, macht Torsten Dressler vom Glienicker Archäologiebüro auf die Bedeutung der zwei Urnen, die Mittwoch in Pinnow ausgegraben wurden, aufmerksam: „Ein Archäologe findet solche Urnen sehr selten, eine in zehn Jahren vielleicht.“

Stefan Muhr ist vertieft, nicht nur in seine Grube im Erdreich, auch in die Geschichte der zwei Urnen, jeweils etwa 30 Zentimeter im Durchschnitt groß. Reste einer längst vergangenen Kulturepoche (siehe Infokasten). „Die Keramikgefäße sind über 2000 Jahre alt“, so der Archäologe, während sein Kollege Felix Hülsebeck den Fund mit auf Papier festhält, jeden Arbeitsschritt dokumentiert. Behutsam werden die Sedimentschichten von den Keramiken gepinselt. Im Hintergrund: Bauarbeiter der Eberswalder Straßen- und Tiefbaufirma Tharo. Sie machen Druck, wollen weiterarbeiten. Die Zeit ist knapp.

Die Urnen sind nur noch bruchstückhaft erhalten

Die Urnen sind nur noch bruchstückhaft erhalten.

Quelle: Enrico Kugler

Denn die historischen Urnen wurden auf privatem Grund gefunden. Das Stück wird momentan erschlossen, Wohnhäuser sollen entstehen. „Das Begleiten von Bauvorhaben ist Routine für uns“, so Stefan Muhr. Worauf sie stießen, während Leitungen für Schmutz- und Trinkwasser verlegt werden, ist es aber nicht.

Die Archäologen begleiten den Prozess im Ortskern, überprüfen jeden Erdaushub – der Denkmalschutz greift hier. Weil keinen halben Kilometer weiter nahe der Wiesenstraße einst eine historische Siedlung ihren Platz hatte. Deshalb war den Forschern gleich klar, welche Bedeutung die Urnen haben.

Archäologe Stefan Muhr mit den Knochenresten

Archäologe Stefan Muhr mit den Knochenresten.

Quelle: Enrico Kugler

Diese sind aber recht porös, nur noch Bruchstücke. Ihr Ursprung: die vorrömischen Eisenzeit. Heißt: Sie wurden vor Christi Geburt hergestellt. Ihr Zweck: Die Toten beherbergen. In der Borgsdorfer Siedlung verbrannten die Menschen ihre Toten. „Sie hatten zwei Möglichkeiten der Entsorgung“, so der Archäologe pragmatisch – mit oder ohne Urne. In der Nähe wurde auch ein sogenanntes Brandschüttungsgrab ohne ausfindig gemacht.

Leichenbrand (Asche) und Knochen fanden die Archäologen in einer Urne. Rippenfragmente, weiß-grau-bläulich. Unverbrannte Knochen sind bräunlich. „Die Knochenreste lassen wir bestimmen“, so Torsten Dressler. Alter, Geschlecht, Größe könnten noch herauszufinden sein.

Jastorf-Kultur

Die Funde in Pinnow werden der Jastorf-Kultur zugeschrieben. Das ist eine nordmitteleuropäische Kulturstufe und Kulturgruppe, datiert auf die Zeit von 600 vor Christi bis zur Zeitenwende, als vorrömische Eisenzeit bekannt.

Benannt wurde die Kultur durch den Prähistoriker Gustav Schwantes nach dem Urnengräberfeld von Jastorf bei Jastorf (Landkreis Uelzen) in Niedersachsen.

Als 16-Jähriger entdeckte er 1897 einen unberührten Urnenfriedhof im dortigen Moor. Insgesamt 42 Urnen mit Eisen- und Bronzeteilen als Inhalt fanden er, sein Bruder und zwei Freunde. In der Nähe fand er im Verlaufe der Jahre 160 weitere Urnen.

Die aktuellen Urnen sollen nach der vollständigen Bergung das Archäologiebüro von Torsten Dressler in Glienicke schmücken.

Um die Urne herum fanden sich flache Steine, die der Urne Schutz bieten sollten. Nicht mehr schützen können sie den Verfall, sobald sie von ihrer Sandschicht befreit sind. Als Stefan Muhr eine aus ihrer Erdummantelung befreit, zerfällt sie sogleich in mehrere Stücke.

Der Platz in Pinnow wird nun als neuer Fundplatz in die Liste der Bodendenkmäler des Landes Brandenburg eingetragen – als Grundlage weiterer Forschungen. „Hier gibt es noch mehr, da bin ich sicher“, so Torsten Dressler. Suchen darf er aber nicht, nur die Löcher der Baufirma überprüfen. Der Fortgang der Bauarbeiten hat Priorität. „Einen Baustopp oder eine Verzögerung wird es nicht geben“, so Dressler. Und das trotz Urnen, die 2000 Jahre Menschheitsgeschichte überstanden haben.

Von Marco Winkler

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