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Oranienburg 57-Jähriger tot in Zelt aufgefunden
Lokales Oberhavel Oranienburg 57-Jähriger tot in Zelt aufgefunden
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08:01 15.02.2019
Ein 57-jähriger, der auf der Straße gelebt hat, ist am Mittwochnachmittag auf dieser Oranienburger Fläche zwischen Lehrbauhof und Bahnstrecke tot aufgefunden worden. Quelle: Helge Treichel
Oranienburg

Der Anrufer hatte sich am Mittwoch um 16.08 Uhr bei der Polizei gemeldet: Eine leblose Person sei hinter einem Garagenkomplex an der Ladestraße des Oranienburger Güterbahnhofs gefunden worden. Ein herbeigerufener Notarzt stellte den Tod des Mannes fest.

Wie sich später anhand der Personaldokumente herausstellte, handelt es sich bei dem Toten um den 57-jährigen Uwe M. Die Frage, wie lange er dort schon lag, ist nach den Worten von Polizeisprecher Stefan Rannefeld Teil eines Todesermittlungsverfahrens. Es deute jedoch bislang nichts auf die Einflussnahme Dritter hin.

Bereits seit deutlich mehr als einem Jahr hatte Uwe M. sein blaues Zelt auf dem versteckten Gelände im Niemandsland aufgeschlagen, berichtet ein Hundehalter, der hier regelmäßig mit seinem Tier vorbeigeht. Der Mann allerdings sei selten zu sehen gewesen. Das sagen auch einige Schülerinnen des benachbarten Oberstufenzentrums. Zuvor hatte der Mann bereits längere Zeit in einem Dickicht am Blauen Wunder im Lindenring kampiert.

Seit vielen Monaten kehrte Uwe M. hierher immer mal wieder zurück, wenn er keine andere Bleibe fand. Quelle: Helge Treichel

Uwe M. sei der bekannteste Oranienburger Wohnungslose gewesen, sagt Janette Budtke. Die Borgsdorfer Friseurmeisterin war ihm erstmals im Dezember 2014 begegnet, als sie für die Hennigsdorfer PuR gGmbH Bedürftigen unentgeltlich die Haare frisierte.

Damals erfuhr sie, dass Uwe einige Zeit im Gefängnis saß. Kurz vor der Wende war er entlassen worden. Fuß fassen konnte er danach nicht mehr wirklich. Allein 15 Jahre lebte er danach in der Oranienburger Obdachlosenunterkunft. Auch die MAZ berichtete über die Haarschneideaktionen. 

Uwe wurde zu meinem Herzmenschen“, sagt die 37-jährige Friseurin. Mit der Initiativgruppe der „Charity Banditen“ hatte die allein erziehende Mutter dem Obdachlosen eine Wohnung im ehemaligen Schmachtenhagener Konsum besorgt und hergerichtet. Über diese Aktion wurde Ende 2017 sogar ein TV-Beitrag gesendet (Focus-TV-Reportage, Sat.1). Uwe jedoch habe sich dort einsam gefühlt und die Unterkunft selten genutzt, sagen Freunde.

Im Vorraum der Sparkasse übernachtet

Und so kam es, dass der 57-Jährige zuletzt häufiger bei einem Kumpel in Oranienburg unterkam oder im Zelt lebte. Häufig habe er im Vorraum der Sparkasse übernachtet – bis er dort vor kurzer Zeit einen Platzverweis erhielt.

Der Gesundheitszustand von Uwe M. war schlecht. Der Alkohol hatte ihn gezeichnet, er litt unter Diabetes. Einige Zehen sollten ihm amputiert werden, jedoch kam es nicht zu dem medizinischen Eingriff. Seine offenen Wunden wurden nicht oder nicht gut versorgt, berichtet Janette Budtke. Andere Freunde sagen, dass Uwe zuletzt depressiv gewesen sei und „keinen Bock mehr“ gehabt habe.

Janette Budtke, die keine Fachausbildung im Sozialbereich hat, fühlt sich ohnmächtig und verbittert: „An diesem Beispiel zeigt sich mal wieder, dass hier eine professionelle Sozialarbeit gefehlt hat. Es reicht nicht, den Leuten mal die Haare zu schneiden, ihnen ein Essen zu spendieren oder eine Bleibe zu geben. Hier ist Fachpersonal gefragt. Wir als Normalos können das nicht leisten. Die Kommunen müssen endlich aufwachen.“

Ein 57-jähriger, der auf der Straße gelebt hat, ist am Mittwochnachmittag auf der Fläche zwischen Lehrbauhof und Bahnstrecke tot in Oranienburg gefunden worden.

 Zu Weihnachten 2017 war bereits eine 75-jährige Frau tot in der Schönfließer Bieselheide gefunden worden. Sie hatte dort bereits wochenlang mit ihrer Tochter im Wald gehaust. Damals hatte es einen Aufschrei gegeben. Aber passiert sei nichts, wie der ehrenamtliche Helfer Guido Fahrendholz öffentlich kritisierte.

Für Janette Budtke steht nach einer schlaflosen Nacht sowie Telefonaten mit Polizei, Ordnungsamt und Bestattungsunternehmen fest: „Ich würde Uwe gerne eine ordentliche Bestattung ermöglichen.“ Das wäre auch für die „Charity Banditen“, die sie für sich aufgegeben habe, „ein würdiger Abschluss“.

Vor finanzieller Belastung bewahren

Doch das auf dem Konto verbliebene Geld der Vereinigung könne die Kosten von 3142 Euro nicht decken. Sie wolle auch Uwes Tochter, zu der er keinen Kontakt hatte, gern vor dieser finanziellen Belastung bewahren. Ihr Wunsch sei es, Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit ein Gesicht zu geben und auf das Fehlen von professionellen Helfern auf der Straße hinzuweisen.

Das Zelt von Uwe M. steht am Donnerstagvormittag nicht mehr. Die Zeltstangen liegen zusammengefaltet daneben. Seine Sachen liegen in einem vier mal vier Meter großen Feld, das von Flatterband umgrenzt ist: warme Bekleidung, Schuhe, zahlreiche Lebensmittel, ein Grill, zwei Matratzen, eine Powerbank. Der Bahnverkehr schallt herüber, das Alltagsleben der Stadt. Die Oranienburger Rettungswache ist nur rund 100 Meter entfernt. Für Uwe M. gab es keine Rettung.

Von Helge Treichel

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