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Büffeln statt baden

Manche Schüler pauken auch in den Sommerferien Büffeln statt baden

Für einige Kinder hört das Lernen auch in den Ferien nicht auf. Schon Wochen, bevor das neue Schuljahr beginnt, gehen sie wieder zur Nachhilfe. Familien mit niedrigem Einkommen können Fördergeld beantragen.

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Quelle: Viktoria Bittmann

Oranienburg. Ihr Wunschprogramm für diesen Nachmittag sähe wohl anders aus: Während ihre Freunde im nächstbesten See abtauchen, schlagen sich Edda, Rada und Maik im Nachhilfestudio mit Bruchrechnung herum. „Wie viele Achtel hat ein halber Kuchen?“, fragt Dozent Richard Reich und zwei Zeigefinder wandern langsam in die Höhe. Die Nachhilfeschüler sind tapfer, machen trotz 33 Grad im Schatten fleißig mit. Die Sommerferien sind für sie längst vorbei.

Für einige Schüler heißt es derzeit: Wissenslücken schließen, bevor das neue Schuljahr beginnt. Allein im Lernstudio Barbarossa sind 30 Kinder zu Ferienkursen angemeldet. Die 90-minütigen Unterrichtsstunden in Kleingruppen beginnen erst um 12 Uhr, „damit die Kinder morgens ausschlafen und noch baden gehen können“, sagt Inhaberin Susanne Diderich. Für sie und Geschäftspartnerin Birgit Stuhlfauth gehören Ferienkurse zum Geschäft, eine Sommerpause gibt es bei ihnen nicht.

Edda (links) und Zwillingsschwester Rada pauken Mathe.

Quelle: Viktoria Bittmann

Wenn es nach den beiden Frauen geht, sollten Schüler generell nicht sechs Wochen lang die Füße hochlegen. „Ferien sind wichtig, aber vier Wochen sind genug“, sagt Susanne Diderich. Sie empfiehlt, zumindest die letzten beiden Ferienwochen zu nutzen, um sich auf das neue Schuljahr vorzubereiten. Wer das tue, sagt Birgit Stuhlfauth, könne zwar „keine gravierenden Lücken schließen, aber kleinere Probleme in den Griff bekommen“. So bringe es wenig, in den Ferien 14 Tage lang Vokabeln zu pauken, wenn riesige Löcher im Wortschatz klafften. Sicherheit im Satzbau dagegen könne auch in kurzer Zeit trainiert werden.

Ein derartiges Intensivprogramm durchlaufen auch Edda und Rada, die nach den Ferien in die sechste Klasse kommen. Zur Nachhilfe gehen die Zwillingsschwestern aus Lehnitz bereits seit längerem. Nun büffeln sie erstmals auch in den Ferien. „In der sechsten Klasse geht es richtig mit Bruchrechnung los. Also machen wir in den Ferien einen Crashkurs“, sagt Nachhilfelehrer Richard Reich, der immer wieder die Erfahrung macht, dass Schüler über den Sommer vieles von dem vergessen, das er zuvor mühsam mit ihnen eingeübt hatte.
Auch Maik kann es sich nicht erlauben, wochenlang zu faulenzen. Im September beginnt der 17-Jährige eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik. Sein künftiger Arbeitgeber hat von ihm verlangt, bis zum Start der Lehre noch reichlich Mathematik zu pauken. So sitzt auch Maik zurzeit öfter am Schreibtisch als am Strand.

Geld aus dem Bildungspaket

  • Nicht jede Familie kann sich aus eigener Tasche Nachhilfeunterricht leisten. Kinder aus bedürftigen Familien können aber Geld für Nachhilfe aus dem Bildungs- und Teilhabepaket erhalten.
  • In Brandenburg hatten 2012 etwa 77000 Kinder Anspruch auf Zuschüsse. Im Fördertopf waren rund 27,8Millionen Euro.
  • Da viel Papierkram mit dem Bildungspaket verbunden ist, blieb 2012 die Hälfte des Geldes ungenutzt. Beim Ausfüllen der Formulare sind Anbieter von Nachhilfe aber in der Regel behilflich.
  • Mit dem 2011 eingeführten Bildungspaket werden neben Nachhilfestunden auch Klassenfahrten, Schulessen oder Vereinsmitgliedschaften gefördert.

Das Lernstudio Barbarossa bietet – wie andere Nachhilfeanbieter auch – schon seit einigen Jahren Ferienkurse an. In den Hauptfächern Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch ist der Bedarf nach wie vor am größten. Während es auf der Liste der Problemfächer kaum Bewegung gebe, habe sich die Schülerschaft im Nachhilfestudio in den vergangenen zwei Jahren erheblich verändert, berichten Susanne Diderich und Birgit Stuhlfauth.

Bis dato war Nachhilfe auch eine Frage des Einkommens. Angesichts von monatlichen Kosten von mindestens 100 Euro kam für viele Familien professioneller Nachhilfeunterricht erst gar nicht infrage. Das hat sich offenbar seit der Einführung des Bildungs- und Teilhabepakets 2011 geändert. „Früher sind vor allem Schüler von der achten Klasse bis zum Abitur zu uns gekommen, jetzt haben wir viel mehr Grundschüler dabei“, sagt Susanne Diderich. Das habe einen einfachen Grund: Wenn Familien anspruchsberechtigt seien, übernehme das Jobcenter die Kursgebühren, erklärt Susanne Diderich.

Birgit Stuhlfauth hofft, dass das Teilhabepaket künftig noch mehr Eltern dazu ermutigt, Schulprobleme ihrer Kinder nicht auf die lange Bank zu schieben. „Früher haben viele Eltern zu lange abgewartet, jetzt besteht die Möglichkeit, frühzeitig zu reagieren“, sagt sie. Auf lange Sicht, so die Hoffnung, könne sich in puncto Chancengleichheit etwas tun.

Von Viktoria Bittmann

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