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Die Fragen hören nie auf ...

Buch über den Großvater Die Fragen hören nie auf ...

Eine schweres Thema und gleichzeitig ein sensibles Stück Familiengeschichte, dem sich Charlotte Krüger in ihrem Buch „Mein Großvater, der Fälscher“ auf sehr persönliche, offene Art genähert hat. Drei Jahre lang hat sie sich auf Spurensuche begeben, dafür unzählige Akten in Archiven gelesen, den Nachlass des Großvaters durchforstet, Gedenkstätten besucht und mit Zeitzeugen gesprochen.

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Zur Lesung in der Gedenkstätte präsentiert die Autorin ein Kinderbild von sich und ihrem Großvater Bernhard Krüger.

Quelle: Fotos: Ulrike Gawande

Oranienburg. Eigentlich habe das objektive Urteil über ihren Großvater Bernhard Krüger schon festgestanden, bevor sie mit dem Schreiben begonnen habe, erzählt Charlotte Krüger auf ihrer Lesung den 60 Besuchern am Donnerstagabend in der Gedenkstätte Sachsenhausen ehrlich: Schuldig. Subjektiv fiele ihr diese Entscheidung schon deutlich schwerer, ein Grund, weshalb sie mit dem Schreiben des Buches begonnen habe. Aber : „Auch nach den Recherchen zum Buch bin ich zerrissen. Die Fragen hören nie auf.“

Eine schweres Thema und gleichzeitig ein sensibles Stück Familiengeschichte, dem sich Charlotte Krüger in ihrem Buch „Mein Großvater, der Fälscher“ auf sehr persönliche, offene Art genähert hat. Drei Jahre lang hat sie sich auf Spurensuche begeben, dafür unzählige Akten in Archiven gelesen, den Nachlass des Großvaters durchforstet, Gedenkstätten besucht und mit Zeitzeugen gesprochen.

Charlotte Krüger signiert ihr Buch bei der Lesung in Sachsenhausen

Charlotte Krüger signiert ihr Buch bei der Lesung in Sachsenhausen.

Quelle: Ulrike Gawande

Charlotte Krügers Großvater war SS-Sturmbannführer Bernhard Krüger. Der gelernte Textilingenieur war von 1942 bis 1945 Leiter der Fälscherwerkstatt des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen. Er leitete damals die größte Geldfälschungsaktion der Geschichte, die nach ihm auch „Aktion Bernhard“ benannt und 2007 als „Die Fälscher“ verfilmt wurde. Unter Krügers Kommando mussten 146 jüdische Häftlinge in den Baracken 18 und 19 ausländische Währungen herstellen, bevorzugt englische Pfundnoten. Der Plan war, mit diesen dem Kriegsgegner England zu schaden, die Fälschungen, die einen Nennwert von 132 Millionen Pfund hatten, was bis zu 15 Prozent des britischen Bargeldumlaufes entsprach, in Umlauf zu bringen.

Von dieser „dunklen Geschichte“ ihres Großvaters erfuhr Charlotte Krüger erst als junges Mädchen. Die mittlerweile 36-Jährige erinnert sich: „Ich möchte euch etwas über euren Großvater erzählen“ habe ihr Vater Bernd eines Tages gesagt. Da war Bernhard Krüger schon tot. Er starb 1989, als Charlotte Krüger zehn Jahre alt war. Sie kannte ihn nur als liebenden Opa, der für sie Würstchen warm machte und mit ihr Briefmarken sammelte.

Nun aber erfuhr die in Berlin lebende Journalistin, dass er im Krieg beim Geheimdienst gearbeitet und Geld gefälscht hat und mit einem Fingerzeig über Leben und Tod entschied, als er Mitarbeiter in Auschwitz für seine Fälscherwerkstatt auswählen musste. Und, dass er der Lagerleitung zwei an Tuberkulose erkrankte Häftlinge meldete, die, da sie Geheimnisträger waren, daraufhin erschossen wurden. Vater Bernd Krüger sagte damals: „Er hatte keine Wahl!“ Tochter Charlotte fragt sich bis jetzt: „Hatte er wirklich keine Wahl? Er war in Russland und Auschwitz, wusste alles? Warum hat er nicht hingeschmissen?“ Fragen, die sie immer noch quälen würden, erzählt die Journalistin.

Zwar würde ihr Großvater in den Unterlagen, in Zeugenaussagen als freundlich beschrieben. Trotzdem muss ihm bewusst gewesen sein, dass die Häftlinge Todgeweihte waren, die nach Auflösung der Fälscherwerkstatt ermordet worden wären, so die Autorin. „Es ist ein Zustand zwischen Zuneigung und Abscheu“, beschreibt sie ihren Gefühlszwiespalt. “Ihr geliebter Opa, ein Nazi?“ Ihre Eltern hätten oft mit dem Großvater gestritten, der auch nach dem Krieg vieles geleugnet und abgestritten habe. Ihre Vermutung: „Wenn man sich für eine Ideologie schuldig macht, kann man sie nicht verraten. Er ist ein Nazi geblieben“

„Und so bleibt die Tat, nur der Adressat stirbt aus“, gibt Charlotte Krüger zu bedenken. „Ich bin froh, dass 140 der 146 Häftlinge überlebt haben, sonst wäre mein Opa ein Kriegsverbrecher gewesen.“ So aber wird Bernhard Krüger nach britischer Kriegsgefangenschaft 1949 nur zu sechs Monaten Haft als Mitläufer verurteilt. „Er wusste, dass er Glück gehabt hat.“ Auch während des Krieges. Denn solange damals die Fälscherwerkstatt lief, blieb Krüger vom Einsatz an der Ostfront verschont, was einem Todesurteil gleich gekommen wäre. Es war also auch in seinem Interesse, seine Mitarbeiter, die jüdischen Häftlinge zu schützen. Er habe sich aber nie als Retter gesehen, so die Journalistin.

Die sogenannte Fälscherwerkstatt von Sachsenhausen

1942 richtete die SS eine geheime Druckerei im KZ Sachsenhausen in den Baracken 18 und 19 (ab 1944) ein.

Leiter der „Aktion Bernhard“ war SS-Sturmbannführer Bernhard Krüger.

In der sogenannten Fälscherwerkstatt wurden hauptsächlich Banknoten, englisches Pfund, hergestellt.

Die Baracken waren vom übrigen Lager durch einen Bretterzaun und weiß angemalte Scheiben abgeschirmt.

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren in der Fälscherwerkstatt deutlich besser als im restlichen Lager Sachsenhausen , jedoch drohte allen Insassen als Geheimnisträger der Tod bei Auflösung der Werkstatt.

Im Februar 1945 wurde die Werkstatt nach Ebensee/ Österreich verlegt und im Mai von US-Truppen befreit.

Von den insgesamt 146 meist jüdischen Häftlingen überlebten 140.

1959 fand man Druckmaschinen und kistenweise gefälschte Pfundnoten im österreichischen Toplitzsee.

„Ich hätte noch so viele Fragen!“ Fragen, die nun schwer zu beantworten sind. Der Vater starb 2002. Jack Plapler, einen ehemaligen jüdischen Häftling und Zeitzeugen traf sie mehrmals in Berlin. Er starb im Frühjahr 2015. Begegnungen, die Charlotte Krüger sehr berührt haben.„Ich sehe es als Wiedergutmachung, nun auch seine, Jack Plaplers Geschichte zu erzählen.“ In einem Beitrag einer überregionalen Tageszeitung fasste Charlotte Krüger ihre Intension zusammen: „Ich gehöre zur dritten Generation der Täternachfahren. Wir sind in einer anderen Welt groß geworden. Und es scheint kaum begreiflich, warum so viele Menschen zu Tätern wurden. Aber ich will es begreifen. deswegen bin ich auf den Spuren meines Großvaters.“

Von Ulrike Gawande

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