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Dieser Brandenburger jagt Tornados

Oranienburg Dieser Brandenburger jagt Tornados

Heiko Wichmann hat keine Angst vor Unwetter. Er sehnt sie fast herbei – und geht dabei noch mit der Kamera vor die Tür. Der 43-Jährige ist Sturmjäger und Gründer eines Tornado-Arbeitskreises, der deutschlandweit agiert. In der MAZ erzählt er, wie er zu seinem Hobby gekommen ist und welche Beobachtungen er gemacht hat.

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Hobby-Meteorologe und Sturmjäger Heiko Wichmann aus Oranienburg.

Quelle: Foto: Winkler

Oranienburg. Es ist sein Wetter, heftiges Unwetter, Sturm, Regen, Hitze. Heiko Wichman aus Oranienburg jagt Tornados. Das rbb hat ihn jetzt entdeckt. In der MAZ erzählte der „Stormchaser“ schon Anfang April von seinem ungewöhnlichem Hobby. Hier noch einmal der Bericht:

Der siebte Einsatz in diesem Jahr war für die Schmachtenhager Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr eigentlich kein ungewöhnlicher. Am 28. März wurden sie gegen 18 Uhr zu einer Unfallstelle gerufen: Eine Birke lag quer über der Straße. Neun Kameraden rückten in zwei Fahrzeugen aus und räumten den Baum von der Straße. Das schilderten die Feuerwehrleute auf ihrer Facebook-Seite. So weit, so alltäglich für die Kameraden.

Doch ein Wort änderte den Ausgang der Geschichte, denn es machte Heiko Wichmann hellhörig: Windhose. Zeugen vor Ort sollen das Wort benutzt haben. Heiko Wichmann fängt an zu arbeiten. Der 43-Jährige Oranienburger ist „Stormchaser“ (Sturmjäger), er jagt Tornados, weltweit.

Naturgewalten sehen wie in „Twister“

„In Schmachtenhagen gab es laut Wetterdienst kurz zuvor Böen der Stärke 8, die rund 60 km/h stark waren“, erzählt er. Der Verdacht, ein Tornado könnte die Birke umgerissen haben, liegt für ihn nahe. Das wäre eine echte Sensation. „Wenn sich das bestätigt, wäre es der erste bestätigte Tornado deutschlandweit in diesem Jahr“, so der gelernte Elektromonteur im April. Doch Fotos der Windhose gibt es nicht, weitere Anzeichen fehlen. (Mittlerweile gibt es aufgrund der Wetterbedingungen unzählige Tornado-Meldungen in ganz Deutschland.)

Ob es ein Tornado war oder nur eine Trichterwolke (im Fachjargon „Funnel“ genannt), ist unklar. „Ein Tornado wird erst zu einem, wenn er Bodenberührung hat“, so Heiko Wichmann. Die umgestürzte Schmachtenhagener Birke wird die Ursache wohl für sich behalten. Heiko Wichmann aber bleibt am Ball. Ihm macht diese Detektivarbeit Spaß. Es ist sein äußerst ungewöhnliches Hobby.

Schon als Kind hatte er mit dem Wetter zu tun. Ein Opa war Schäfer, der andere Binnenschiffer. Beide vermittelten ihr Wetter-Wissen an den Enkel. Mit acht Jahren fing Heiko Wichmann dann an, ein Wettertagebuch zu führen. Vier mal am Tag zeichnete er auf, wie der Luftdruck ist, welche Wolken am Himmel sind. Als er mit der Volljährigkeit seinen Führerschein in der Tasche hatte, fuhr er wild drauf los – er wurde zum „Stormchaser“, noch ohne Radar und Fotoausrüstung. Er wollte sie einfach sehen, die trichterförmige Naturgewalt, die im Film „Twister“ Kühe und schwere Landwirtschaftsmaschinen durch die Luft wirbelt.

Tornado vom 1

Tornado vom 1. Oktober 2008 in Marienthal   (Oberhavel).

Quelle: Heiko Wichmann

Tornadoforschung aus der Versenkung holen

Ende der 1990er Jahre dann der Durchbruch: Das Internet. Unwetter-Gruppen bildeten sich, Netzwerke entstanden. Wetter wurde in den kommenden Jahren – auch mit der Klimaerwärmung und dem Extremwetterkongress – immer populärer. Der Wunsch nach Organisation wuchs. Heiko Wichmann trat „Skywarn“ bei, einem Verein, der Unwetter beobachtet und meldet. Es entstand eine interne Tornadogruppe.

Diese gründete am 25. April 2015 in Mainz einen eigenen Verein: die Tornado-Arbeitsgruppe Deutschland. Heiko Wichmann ist Vorsitzender. Mit dabei sind Wissenschaftler, Meteorologen, ein Diplom-Forstwirt und Softwareentwickler sowie Mathematiker. „Wir wollen aus der Versenkung raus und die Tornadoforschung in Deutschland vorantreiben“, so der Oranienburger Chef der Gruppe. Ihre Aufgabe ist wichtig, bedienen sie mit ihren Daten, Analysen und Veröffentlichung doch den Deutschen Wetterdienst. Zwischen 30 und 60 Tornados, jeder vier bis sechs Minuten lang, werden jedes Jahr in Deutschland bestätigt. Beweise kommen dabei oft von Hobby-Filmern oder -Fotografen.

Letzten Schritt zur Windhose erforschen

Ideale Bedingung für einen Tornado: erhitzte Luftfeuchte, die auf eine Kaltfront trifft. Doch ein rotierender Aufwind reicht nicht. „5 bis 10 Prozent der rotierenden Aufwinde erzeugen Tornados.“ Den letzten Schritt zur Windhose – den will Heiko Wichmann erforschen. Bisher gibt es dazu nur Theorien.

Für sein Hobby reist er seit 2009 in die USA, das Land der Tornados, in dem „Twister“ entstand. „Die hatten gute Berater“, sagt er. „Aber am Ende ist es natürlich ein Hollywood-Film geworden.“ Keine Dokumentation. Dafür sorgt der in Zehdenick geborene und in Marienthal aufgewachsene Hobby-Meteorologe selbst. 2002 zog er nach Oranienburg, arbeite aktuell als Projektleiter an der Technik für den Schweizer Gotthard-Tunnel.

Selbst Unwetterwarner werden

Immer wichtiger wird die Arbeit der freiwilligen Tornadojäger für Meteorologen. Die Gruppe um Heiko Wichmann arbeitet eng mit dem Deutschen Wetterdienst zusammen und liefert Daten. Dafür brauchen sie „Spotter“ – Beobachter. In Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gibt es bisher nur fünf „Spotter“ – sie melden Unregelmäßigkeiten im Wetter, sind Unwettermelder. Ganz einfach mit dem Handy. Ein kurzer Anruf genügt oft – und die Informationen gehen an die Wetterdienst, die dann vor Unwettern besser und genauer warnen können. Nötig dafür ist eine Registrierung. Wer Interesse hat, kann sich direkt bei Heiko Wichmann (Heiko.Wichmann@skywarn.de) melden oder findet die Kontaktdaten auf den Webseiten Tornadoliste.de und Skywarn.de.

Von Marco Winkler

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