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Oranienburg Hospiz: Begleiter auf dem letzten Weg
Lokales Oberhavel Oranienburg Hospiz: Begleiter auf dem letzten Weg
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01:16 19.01.2019
Simone Reibold und Mario Friedewald mit den Handpuppen Pia und Jim. Die Puppen sind bei „Hospiz macht Schule“ Helfer. Quelle: Enrico Kugler
Oranienburg

Manchmal halten sie nur Händchen. Minutenlang. Stundenlang. Manchmal nehmen sie sich die Tageszeitung und lesen vor. Oder ein Buch. An anderen Tagen hören sie nur zu. Oder sie gehen mit den Frauen oder Männern spazieren, schieben sie im Rollstuhl von A nach B. Manchmal sind sie einfach nur da; die Ehrenamtlichen vom ambulanten Oberhavel-Hospiz. Die Sterbebegleiter. „Wir sind diejenigen, die den Kranken das Sterben erleichtern wollen“, sagen Mario Friedewald und Simone Reibold. Beide stellen sich seit einigen Jahren ehrenamtlich für den mobilen Hospizdienst zur Verfügung, gehen zu den Menschen nach Hause, ins Alten- oder Pflegeheim. Zu den Menschen, die austherapiert sind und laut Prognosen der Ärzte nicht mehr lange leben. Wenn nichts mehr geht, kommen Simone Reibold, Mario Friedewald oder einer der anderen etwa 60 Begleiter des in Oranienburg ansässigen Hospizvereins. Sie wollen dazu beitragen, dass die Frauen oder Männer würdevoll sterben. Ob jung oder alt, schwarz oder weiß, gläubig oder konfessionslos.

„Es ist nichts kalkulierbar“

Der Alltag eines Begleiters ist für Mario Friedewald wie ein Überraschungsei. „Es kommt immer anders, nichts ist kalkulierbar.“ Wenn sie zu einer „Begleitung“ – so werden die Erkrankten genannt – gehen, wissen sie nicht, was auf sie zukommt. In welchem physischen oder psychischen Zustand er/sie sich befindet, könne niemand vorhersehen. Kann er sprechen, kann er hören, kann er laufen, will er reden? „Wir müssen auf alles gefasst sein und sind auf alles eingestellt“, sagt  Simone  Reibold. „Ich habe mal einen  Mann betreut, der partout von  keinem anderen Mann begleitet werden wollte. Es führte kein Weg hinein – bis wir über das Hundethema doch einen Draht zueinander gefunden hatten“, erinnert sich Mario Friedewald, der sagt: „Reden ist immer wichtig.“ In anderen Fällen lernt man den Gegenüber erst gar nicht richtig kennen, weil die Zeit nicht reicht. Bevor man sich beschnuppert hat, ist es zu spät. „Aber wir sind nicht die, die am Bett sitzen und darauf warten,  bis jemand stirbt“, stellt Mario  Friedewald. Wenn die Begleiter die eigene Wohnung verlassen, wissen sie nicht, wann sie wieder zu Hause sind. Mal verbringen sie eine Stunde bei ihrer anvertrauten Person, manchmal sieben Stunden – je Lage der Dinge. Mario Friedewald als EU-Rentner und die examinierte Krankenschwester Simone Reibold, die Hausfrau ist, sind zeitlich flexibler als andere Begleiter.

100 Stunden Ausbildung

Jeder Sterbebegleiter muss eine umfangreiche Ausbildung mitmachen, die geht über 100 Stunden, verteilt auf zehn Monate. Dort wird der Umgang mit dem Sterben und dem Tod vermittelt, Gesprächsführung, Kommunikation, Symbolsprache, Aromapflege, Massage, Betreuungsrecht, Patientenverfügung oder Trauerbegleitung vermittelt. Erst danach darf man aktiv werden. Es gibt aber auch andere Dinge als die Theorie: „Empathie zum Beispiel. Und man sollte ein großes Herz haben“, sagt Simone Reibold. „Offen sein und tolerant, was sicher nicht immer einfach ist“, ergänzt Mario Friedewald.

„Wir werden oft zu spät gerufen“

Wie lang Frauen und Männer begleitet werden, ist ganz unterschiedlich. Manchmal sind es ein paar Stunden („Wir werden oft zu spät gerufen.“), manchmal Wochen oder Monate. „Ich begleite zum Beispiel eine Person schon seit vier Jahren. Sie ist dement, nicht mehr ansprechbar. Auch sie erhält Zuwendung“, so Mario Friedewald. Der 50-Jährige und seine Mitstreiter wollen Gutes tun, ihren Anvertrauten schöne Stunden bescheren. „Es gab jemanden, der gern Blätterteig aß, ihn aber nicht essen sollte, weil er ihm angeblich nicht bekommt. Ich hab ihm welchen gegeben. Er war glücklich.“ Simone Reibold kennt da auch ein Beispiel. Eine Patientin aß gern Sahne mit Erdbeeren und erbrach es – „und trotzdem strahlte sie beim Essen“.

Zusammenarbeit „stationär“ und „ambulant“ wünschenswert

Bedauerlich findet es Mario Friedewald, dass das stationäre Hospiz (OHV-Klinik) und das ambulante Hospiz (Verein) nicht Hand in Hand arbeiten. „Das würde einiges erleichtern, zumal sich Fälle überschneiden.“ Und alle würden das Gleiche wollen: „Den Menschen bis zum Schluss Mensch sein lassen“, so die 47-jährige Simone Reibold.

Aktion: Hospiz macht Schule

Die Sterbebegleiter unterstützen seit einigen Jahren die Aktion „Hospiz macht Schule“.

Eine Woche lang besuchen sie Viertklässler der Löwenzahn-Grundschule in Velten. Das nächste Mal wird das vom 1. bis 5. April 2019 sein. Die Teilnahme ist freiwillig.

Dabei wollen die Hospiz-Mitstreiter den Schülern die Themen Leben, Trauer, Tod, Trost, Trösten, Leid, Krankheit auf unkomplizierte Art vermitteln.

Ziel des Projektes ist es, Kinder mit dem Thema „Tod und Sterben“ nicht alleine zu lassen.

Dabei ist im Regelfall auch die Chefärztin der Kinder- und Jugendmedizin der Oberhavel-Kliniken, Lucia Wocko.

Die Schüler werden in mehrere Gruppen aufgeteilt. Bunt verknüpfte Bänder symbolisierten den besonderen Zusammenhalt der Lerngruppen.

Partner der Aktion ist das Bestattungsunternehmen Tolg. Das kommt mit dem Leichenwagen und bringt auch einen Sarg mit, in den sich die Kinder legen können. „Es ist genial, wie die Kinder mit diesen Themen umgehen“, freut sich Sterbebegleiter Mario Friedewald, der die Aktion selbst auch unterstützt.

Reaktionen der Kinder nach der Woche zeigten, dass sie viel dazu lernten und trotz der Schwere des Themas ihre Freude hatten.

Die Austherapierten sind nicht die einzigen, die eine psychische Stütze brauchen. Es betrifft genau- so deren Angehörige oder Freunde. Sie seien oftmals überfordert mit der Situation, wenn es ums Sterben oder um den Tod und seine Folgen geht. Auch für sie haben die Begleiter ein offenes Ohr. Nicht selten brauchen sie in der angespannten Situation einen Blitzableiter. „Da kommt der Tod“, ist dann eine Aussage, die zu hören ist. Mario Friedewald: „Aber die Jacke ziehen wir uns nicht an.“

Von Stefan Blumberg

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