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Hüter über 35 000 Zeitzeugnisse

Oranienburg Hüter über 35 000 Zeitzeugnisse

Andreas Zimnik ist seit 2009 im Archiv der Gedenkstätte Sachsenhausen tätig. Rund 35 000 Objekte unterliegen seiner Obhut. Er archiviert, katalogisiert, konserviert – für die Nachwelt und eine spätere Nutzung. Doch das Depot platzt aus allen Nähten. Im Herbst 2017 wird ein größeres für insgesamt 2,5 Millionen Euro fertig gestellt sein.

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Ein Leben für die Kunst

Äußerst fragil sind viele Objekte im Depot, wie das Büchlein von Karel Hybek.

Quelle: Marco Winkler

Oranienburg. Weiße Handschuhe, Pinzette, Ruhe. Mit Bedacht blättert Andreas Zimnik die Seiten eines Miniaturbuches um, will nichts beschädigen. Die Seiten sind vergilbt, scheinen zu atmen. Man sieht: Das Buch hat eine Geschichte, birgt zahlreiche Erinnerungen. Auch schreckliche. Denn dieses kleine Notizbuch schrieb Karel Hybek vor 75 Jahre heimlich unter großem Risiko – als Häftling im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Im November 1939 wurde er zusammen mit mehr als 1100 tschechischen Studenten ins KZ deportiert. Im Depot der Gedenkstätte Sachsenhausen schlägt Andreas Zimnik das Buch heute erneut auf. Er ist Museologe und arbeitet im Archiv der Gedenkstätte. Jeden Tag ist er von Geschichte, Geschichten und vor allem Erinnerungen umgeben. Er wacht über all das.

Museologe Andreas Zimnik

Museologe Andreas Zimnik.

Quelle: Marco Winkler

35 000 Objekte beherbergt das Depot der Gedenkstätte. Es platzt aus allen Nähten. „Seit fast 25 Jahren ist das Depot im ehemaligen Kino jetzt eher ein Provisorium“, sagt Horst Seferens, Sprecher der Gedenkstättenstiftung. 1993 war schnelles Handeln gefragt. Die Sammlung mit den Erinnerungsstücken der Überlebenden befand sich im Keller der ehemaligen Häftlingsküche. „Es stand alles unter Wasser, vieles wurde unrettbar zerstört.“

Das ehemalige Kino in einem Industriehofgebäude musste hergerichtet werden, denn: „Das Sammeln ist eine zentrale Aufgabe eines Museums“, erklärt Horst Seferens die Wichtigkeit des Depots. „Wir wollen Dinge für die Ewigkeit bewahren. Das ist zumindest unser Anspruch, die Sachzeugnisse der Lager für die Nachwelt und für zukünftige Nutzungen zu erhalten.“

Viele Objekte sind Alltagsgegenstände aus den Konzentrations- und Speziallagern

Viele Objekte sind Alltagsgegenstände aus den Konzentrations- und Speziallagern.

Quelle: Marco Winkler

Den Überblick hat Andreas Zimnik. Der 41-jährige Berliner hat Museologie studiert und arbeitet seit 2009 im Archiv der Gedenkstätte. Nicht nur fragile Zeitzeugnisse, Fotos, Gehäkeltes, Zeichnungen und Kleidung nimmt er unter die Lupe. Auch Sessel, Tische und große Schränke. Oder Milchflaschen, wie die mit der Aufschrift „SS-Gemeinschaft“. „Eine Dame hat sie in der Nähe des ehemaligen Schlosses Friedenthal bei einem Spaziergang gefunden“, erzählt er. Er hat nicht viele Informationen zur Flasche.

Dennoch muss er alles festhalten – in einem Inventarbuch und digital verschlagwortet in einer Datenbank. Mit Maßband misst er die Fundstück, mit der Kamera werden sie fotografiert. „Gerade bei fragilen Objekten ist das wichtig.“ Digital kann er sie aufrufen, so oft er möchte – ohne sie zu beschädigen oder die Alterung zu beschleunigen. „Danach werden alle Stück vorsichtig mit säurefreiem Papier und Luftpolsterfolie verpackt.“

Neues Depot im Herbst 2017 bezugsfähig

Die Gegenstände werden bei Bodenarbeiten gefunden oder von Angehörigen Überlebender gebracht, kommen aus Nachlässen oder Versteigerungen im Internet. Doch viel Platz hat er nicht mehr im jetzigen Depot. Zumal die konservatorischen Bedingungen eher suboptimal sind. Luftfeuchtigkeit und Temperatur zu hoch, Licht zu grell. Und: alles lagert in einem großen Raum.

Im neuen Depot ist das anders, die konservatorischen Voraussetzungen ideal. Mehrere klimatisierte Räume, genug Fläche und Andreas Zimnik hat endlich seinen separaten Arbeitsplatz. Die Kosten des neuen Depots liegen bei rund 2,5 Millionen Euro.

Es entsteht im ehemaligen Industriehof, schräg gegenüber des aktuellen Standortes. Mittelbau II nennt sich das Gebäude. Es war einst ein Werkstattgebäude des SS-eigenen Betriebes „Deutsche Ausrüstungswerke“. Kisten für Munition, Möbel und weitere Gegenstände wurden hier gefertigt – von Häftlingen. Seit der Wende steht der Bau leer. Jetzt findet er eine neue Bestimmung, die dem Hüter kostbarer Erinnerungen und seiner fragilen Zeitzeugnisse ideale Bedingungen bietet.

Von Marco Winkler

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