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„Nein“ kann Anfang einer Gewaltspirale sein

Oranienburg „Nein“ kann Anfang einer Gewaltspirale sein

Das neue Sexualstrafgesetz wurde kürzlich beschlossen. Sexualstraftaten sollen damit leichter geahndet werden. „Nein heißt Nein“ ging durch die Medien. Die MAZ hat mit Frauenhaus-Fachbereichsleiterin Antje Culmsee über die Anfänge von Gewalt und ihre mitunter schwerwiegenden Folgen gesprochen.

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Dieser Slogan ging durch die Medien. Oft ist ein ignoriertes „Nein“ der Anfang einer Spirale.

Quelle: Oliver Mehlis/dpa

Oranienburg. Der Bundestag hat ein verschärftes Sexualstrafrecht beschlossen. Sexuelle Übergriffe sollen laut Paragraf 177 des Strafgesetzbuches leichter geahndet werden. Mediale Präsenz erlangte die neue Rechtsfassung mit dem Vergewaltigungsfall von Gina-Lisa Lohfink. „Nein heißt Nein“ ist das Prinzip, das jetzt rechtsgültig ist.

Und genau dieser Ausspruch, der nicht-einvernehmlichem Sex voraus geht, ist oft der Anfang – zumindest bei häuslicher Gewalt. „Da kann eine Spirale der Gewalt einsetzen“, sagt Antje Culmsee, „die immer drastischer wird.“ Die 46-Jährige ist seit über acht Jahren Fachbereichsleiterin im Frauenhaus Oberhavel. „Wobei die Abgrenzung, um die es im neuen Gesetz geht, bei mir oft nicht thematisiert wird.“

Antje Culmsee wird mit den Folgen eines sich zuspitzenden Gewaltraumes für Frauen konfrontiert. Das Spektrum häuslicher Gewalt ist vielfältig: soziale Isolation, fehlender (Selbst-)Respekt, Demütigungen, Misshandlungen. „Ich bin dabei keine Psychologin“, sagt die gelernte Juristin. Frauen öffnen ihre Privatsphäre oft nur einmal. Wenn sie merkt, dass beispielsweise eine Frau den sexuellen Missbrauch ihrer Kindheit aufarbeitet, vermittelt sie sie an die Potsdamer Beratungsstelle.

Wenn Frauen Mittel zur Selbsthilfe fehlen

Außerdem wiegt die gebürtige Rostockerin ab, ob für die Hilfe suchenden Frauen der Gang zur Polizei Sinn macht. „Ich kann nicht hellsehen, aber aus der Erfahrung ein wenig prognostizieren, ob es sich lohnt oder die Frauen einen weiteren Misserfolg erleben.“

Viele der Schutzbedürftigen kommen aus sozial benachteiligten Häusern. Ihnen fehlen die Mittel zur Selbsthilfe. Antje Culmsee berät deshalb bei der Wohnungssuche. Das sei schwierig, der Markt in Oranienburg hart umkämpft, ihre Klienten oft verschuldet. „Wir sind gute Kunden bei der Woba, aber ohne Vorzugsrecht.“

Abgewiesen wird niemand. „Wir bearbeiten jede Anfrage und schicken keinen weg.“ Notfalls wird auf Einrichtungen in umliegenden Landkreisen zurückgegriffen.

Eine Dunkelzimmer der Opfer häuslicher Gewalt ist nicht auszumachen. Noch immer verhindern Scham und Angst den erlösenden Anruf. „Die Gesellschaft reagiert jetzt zum Glück anders als noch in den 60er oder 70er Jahren“, so Antje Culmsee. Nachbarn und Freunde schauen nicht mehr peinlich berührt weg.

Sexuelle Gewalt beginnt mitunter schleichend

Oft sind Kinder ausschlaggebend. Frauen nehmen viel hin, sehr viel. „Aber wenn die Kinder betroffen sind, macht es einen Unterschied, dann gehen sie eher den Schritt auf uns zu.“ Für die Arbeit mit Kindern gibt es im Frauenhaus keine Stelle und keine Förderung. Die Berater vor Ort springen ein, bei akuten Fällen von Kindeswohlgefährdung die Erziehungsberatungsstelle des DRK.

Antje Culmsee weiß nicht, was das neue Sexualstrafgesetz ausrichten wird. „Praktisch angewendet mit gültigen Urteilen wird es erst in Jahren.“ Was sie weiß: Viele Frauen brauchen mehr als einen Versuch, um aus alten Mustern auszubrechen. Leicht sei es nicht, Gewohnheiten abzulegen und das vertraute Umfeld zu verlassen. Oft ist sexuelle Gewalt schleichend, fängt beim Po-Klatscher und einem ignorierten „Nein“ an – und endet im schlimmsten Fall in einer Vergewaltigung und Psycho-Terror.

Von Marco Winkler

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