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„Sie haben unser Kind kaputt gemacht“

Oberhavel „Sie haben unser Kind kaputt gemacht“

Familie Eggert aus Borgsdorf bekam vor zweieinhalb Jahren ein schwerstbehindertes Kind. Ein Wunder, so die Oberhavel Kliniken damals. Bis raus kam, dass die Ärzte bei der Geburt Fehler machten. Juristisch ist der Fall durch. Doch die Familie hoffte bisher vergebens auf ein klärendes Gespräch – bis die MAZ sich einschaltete.

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Nora Lotti ist immer auf Hilfe von ihren Eltern angewiesen.

Quelle: Marco Winkler

Borgsdorf. Es gibt Gutachten, die sagen klipp und klar: Bei der Geburt von Nora Lotti vor über zwei Jahren wurde in der Oranienburger Klinik grob fahrlässig gehandelt. Der gesunde Säugling kam als schwerstbehindertes Baby zur Welt. Die Schuldfrage ist geklärt. Doch die Eltern hofften vergebens auf ein klärendes Gespräch mit Verantwortlichen oder gar auf eine Entschuldigung – bis die MAZ nachhakte.

Wenn sich Danila Eggert eine Kinderhose auf den Kopf setzt, lacht Nora Lotti. Das zweieinhalbjährige Mädchen hat Spaß, amüsiert sich ein paar Minuten über seine Mutter. Noras kleiner Bruder Ben Aron turnt dabei um sie herum, ist ganz fasziniert – von seiner Schwester und der Apparatur, die sie aufrecht hält.

Fünfmal Therapie in der Woche

Nora kann nicht alleine sitzen und stehen. Nicht sprechen, nicht laufen, nicht gut greifen. Ihre Lungen sind ständig verschleimt, weil sie nicht richtig schlucken kann. Nora wird künstliche ernährt, braucht rund um die Uhr Aufmerksamkeit. Fünfmal Therapie in der Woche. Nora Lotti hat Pflegestufe drei.

Ihr Kopf fällt oft nach unten. „Kopf hoch und Hals lang“, sagt ihre Mutter dann – und Nora macht das, wenn auch nicht immer im ersten Anlauf. „Es muss permanent jemand bei ihr sein“, so die 38-jährige Danila Eggert. Ihr Mann Olaf wirft dann unvermittelt einen Satz in den Raum: „Sie haben unser Kind kaputt gemacht.“ Der 40-Jährige hat den Adressaten seiner Worte vor Augen: Die Oberhavel Klinken. „Sie haben bei der Geburt grob fahrlässig gehandelt, über einen langen Zeitraum haben viele Menschen zu viele Fehler gemacht.“

Die Familie hält zusammen

Die Familie hält zusammen.

Quelle: Winkler

Am 27. Mai 2014 kam Nora Lotti in der Oranienburger Klinik durch einen Notkaiserschnitt zur Welt. Ohne Atmung. Sie musste reanimiert werden, trug schwerwiegende Hirnschäden davon. „Uns wurde die Geburt als Wunder verkauft“, so Danila Eggert. „Wir haben den Ärzten und Hebammen natürlich vertraut.“ Das würden sie heute noch und ihre kleine Nora als Schicksalskind ansehen, hätten sie nicht hinterfragt, was bei der Geburt eigentlich passiert ist. Sie forderten auf Rat einer befreundeten Hebamme die Patientenakte an. Die kam unvollständig an.

Ein wichtiger Teil der Auswertung des CTG, also der Aufzeichnung der Herzfrequenzüberwachung des ungeborenen Kindes, fehlte. Auf mehrfache Nachfrage wurde der Abschnitt nachgereicht. Ein Chefarzt sagte zu den Eltern: „Falls Sie vorhaben, uns zu verklagen, sparen Sie sich die Kräfte, Rechtsanwälte wollen nur ihr Geld, außerdem sind wir gut versichert“ (aus dem Gedächtnisprotokoll der Familie). Da wurde die junge Familie hellhörig, nahm sich einen Anwalt.

Einmal am Tag bekommt Nora Lotti ihre Orthesen an und wird in eine aufrechte Position versetzt

Einmal am Tag bekommt Nora Lotti ihre Orthesen an und wird in eine aufrechte Position versetzt. Alleine stehen kann sie nicht.

Quelle: Winkler

Olaf Peters, Fachanwalt für Medizinrecht, schaltete sich ein, kontaktierte den Haftpflichtversicherer der Oberhavel Kliniken, forderte Gutachten und Stellungnahmen ein. Die Schlichtungsstelle für Arzthaftungsfragen bestätigte den Verdacht: Bei der Geburt wurden Fehler gemacht. So wurde unter anderem ein Blasensprung am Vorabend der Geburt dem diensthabenden Arzt nicht gemeldet, die auffälligen CTG-Befunde nicht beziehungsweise viel zu spät ernst genommen.

Obwohl es Schwarz auf Weiß nachzulesen ist, versuchte die Klinik laut Familie Eggert, Eigenverschulden auszuschließen, den Fall runterzuspielen. Danila Eggert: „Es hieß immer, das sei ein Schicksalsschlag, der nicht vorhersehbar war.“ Ihr Mann: „Meine Frau hätte von Anfang an überwacht werden müssen.“ Die CTG-Befunde waren ab 4.42 Uhr auffällig. Erst acht Stunden später wurde der Ernst der Lage durch einen Herzstillstand von Nora erkannt – und gehandelt. Viel zu spät. Nora trug schwere Schäden davon, musste ins Virchow Klinikum verlegt werden. Das hätte vermieden werden können, so das Schlichtungsgutachten, hätten die Hebammen und Ärzte rechtzeitig reagiert.

Nicht beschuldigen, aber abschließen

Die juristische Schuldfrage ist klar – und bestätigt. Außergerichtlich einigten sich alle Beteiligten auf Schadenersatz; noch ist die Einigung jedoch nicht abgeschlossen. „Zivilrechtlich sind aber alle Fragen geklärt“, so Anwalt Olaf Peters, „nur menschlich nicht.“ Eines fehlte der Familie: Ein Gespräch mit den Oberhavel Kliniken. Nicht beschuldigen, aber abschließen. Doch die Klinik lehnte ein Gespräch per Telefonat rasch ab.

Zwischenmenschlich ist das für Familie Eggert aus Borgsdorf eine Enttäuschung. „Sie haben Fehler gemacht, grob fahrlässig gehandelt, das sollen sie auch persönlich eingestehen“, sagt Olaf Eggert. Seine Frau: „Es ändert ja nichts an der Lebenssituation von Nora und uns, aber wir wollen ein Verhältnis dazu finden, es verstehen.“ Was sie sich wünschen, ist ein Satz, gesprochen von einem Zuständigen der Oberhavel Kliniken: „Es tut uns leid, was mit ihrem Kind passiert ist.“

Natürlich gibt es auch ausgelassene, glückliche Momente

Natürlich gibt es auch ausgelassene, glückliche Momente.

Quelle: Winkler

Die Geburt krempelte ihr ganzes Leben um. Olaf Eggert musste nach 20 Jahren seinen Job in der Bank kündigen, um sich um Nora zu kümmern. Noras Großeltern helfen aus. Keiner weiß, wie sich Nora entwickeln wird, ob sie jemals ohne Hilfe auskommt.

Doch sie macht Fortschritte, ganz kleine. Das Haus ist aber nicht behindertengerecht. „Mittelfristig müssen wir mit zwei Kindern umziehen“, sagt Grundschullehrerin Danila Eggert. Was sie nicht versteht: „Wenn ich in der Schule einen Fehler mache, muss ich doch auch dafür gerade stehen, kann mich nicht vor Gesprächen mit den Eltern drücken.“

Genau das hätten die Verantwortlichen der Oberhavel Kliniken gemacht – bis jetzt. Erst nach einer Anfrage der MAZ, lenkte die Klinik ein. „Sie haben sich mit unserem Anwalt in Kontakt gesetzt und wollen auf einmal doch das Gespräch suchen“, so Olaf Eggert.

Nach MAZ-Nachfrage: Klinik sucht den Kontakt zur Familie

Heike Wittstock, Pressesprecherin der Oberhavel Klinken teilt dieser Zeitung mit, dass Geschäftsführung und beteiligte Ärzte der Klinik den „unglücklichen Verlauf“ des Falls Eggert „außerordentlich bedauern“. „Wir haben in der Folgezeit alles dafür getan, um sicherzustellen, dass sich so ein Fall möglichst nicht wiederholen kann.“

Ein Gespräch, bei dem das Geschehene erneut aufgearbeitet wird, hält die Klinik für wenig sinnvoll. Aber Heike Wittstock relativiert etwas, bezieht sich mit folgenden Worten direkt auf die MAZ-Anfrage: „Aufgrund Ihrer Anfrage wurde der Familie Eggert nun ein neues Gesprächsangebot durch uns unterbreitet, welches wir mit psychotherapeutischer Hilfe führen wollen.“

Familie Eggert überrascht das. Für sie ist es kein guter Umgang, rein menschlich, den die Klinik führt. „Da musste erst die Presse Druck machen, damit sie mit uns reden, das ist ziemlich traurig“, sagt Olaf Eggert, während seine Frau über Nora Lottis Kleidung streicht. Die ist voller gelber Tiere mit langem Hals. Nora liebt Giraffen.

Von Marco Winkler

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